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Kultur Regional Klaus Hähner-Springmühl: Bildermuseum zeigt die Kunst eines Außenseiters
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10:42 12.09.2018
Macher der Ausstellung über Klaus Hähner-Springmühl: Alfred Weidinger (r.) und Fabian Müller. Quelle: André Kempner
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Leipzig

Eine der ersten Performances macht Klaus Hähner-Springmühl 1978 mit A.R. Penck und Michael Freudenberg in dessen Dresdner Atelier. Ausgangspunkt ist ein kleiner Fleck an der Wand. Nach und nach entstehen Beziehungen, Verbindungen mit allen Gegenständen im Raum – eine Holzlatte spielt mit, ein Fahrrad, Flaschen, Klopapierrollen. Übrig bleibt ein kleines Werk von Penck. Sonst nichts? Nicht ganz. Er vor kurzem sind von der Aktion der drei Künstler rund 400 Negative aufgetaucht, berichtet Alfred Weidinger, Direktor des Museums der bildenden Künste in Leipzig, wo eine Auswahl von Abzügen in der Ausstellung über Werk und Leben des 1950 in Zwickau geborenen Autodidakten gezeigt wird. Am Donnerstag wurde sie eröffnet.

Manches von dem, was hier nun an den Wänden präsentiert wird, kam erst unmittelbar vor der Eröffnung – wie auch das einzige Ölgemälde, das in der Ausstellung neben Zeichnungen, Fotoübermalungen und Collagen zu sehen ist. Es ist eine Kunst zwischen Ordnung und Chaos – anfangs recht nah an Pencks Zeichensprache, später unter anderem von Beuys und japanischer Kalligraphie inspiriert – aber immer eigenständig und eigensinnig aufleuchtend, gestisch abstrakt, nicht-figurativ, leidenschaftlich. „Er war einer von den Menschen, über die man sagt, dass sie ihr Ding machen, egal was die anderen sagen. Und wenn sie ihn auslachen“, erzählt Gunar Barthel, der Hähner-Springmühl in den frühen 80ern in Karl-Marx-Stadt bei Kunst- und Musikperformances kennengelernt hatte, mit ihm später in der legendären Galerie Oben Ausstellungen machte und heute eine Galerie in Berlin betreibt.

Das Museum der bildenden Künste in Leipzig zeigt bis 10. Februar 2019 die Kunst von Klaus Hähner-Springmühls (1950–2006).

Kunst und Leben sind eins

Es ist unmöglich, Klaus Hähner-Springmühls Kunst und sein Leben zu trennen, irgendetwas daraus in Schubladen zu stecken oder in der Kunstgeschichtsmappe abzuheften. Und daraus bezieht diese Ausstellung ihre Energie, auch wenn sie nur Fragmente, Relikte, Überbleibsel eines aus bürgerlicher Sicht wilden, aus künstlerischer Sicht konsequenten Lebens zeigen kann. Hähner-Springmühl, der den Beruf des Maurers lernte, ein Ingeniersstudium in Cottbus kurz vor dem Abschluss abbrach, lebte in leerstehenden Häusern, nicht selten ohne Heizung und warmes Wasser. Tisch, Stuhl, Bett – das war oft das einzige Inventar. Den künstlerischen Nachwuchs faszinierte dieser Außenseiter wie kaum ein anderer: „Er agierte wie ein Akrobat ohne Netz (...) war der Erste in meinem Leben, bei dem ich erfahren habe, dass man Kunst lebt, nicht produziert“, schreibt Carsten Nicolai im Katalog zu einer Galerie-Ausstellung 2014.

Von Hähner-Springmühl, eine der einflussreichsten Persönlichkeiten in der oppositionellen Kunstszene der DDR – um dann doch mal ein Etikett anzubringen – ist aus bestimmten Schaffensphasen fast nichts geblieben. Stapelweise warf er Arbeiten weg oder verwendete sie zum Anheizen des Ofens. „Er verschenkte seine Blätter für ein Makkaroni-Essen“, berichtet Gunar Barthel. Nach ’89 sei es für ihn fast absurd gewesen, dass man, wenn man einen Vertrag mit einer Galerie hat, mit seinen Bildern nicht einfach machen konnte, was man wollte.

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„Das Werk war für ihn nicht das Thema“, sagt Alfred Weidinger. „Was fertig war, war vorbei. Ihm ging es um den Weg.“ Der Zündungsfunke für die Ausstellung wurde im Herbst des vergangenen Jahres geschlagen, als Weidinger die Foto-Ausstellung „Von (Ab)wesenheiten“ in der Kunsthalle der Sparkasse besuchte und ihn die Arbeiten Hähner-Springmühls sofort gefangen nahmen. Weidinger recherchiert, trifft die Ex-Frau, seinen Sohn, der ihm den Nachlass überlässt, führt Dutzende Interviews. Aus all diesen Kontakten resultieren Schenkungen Ankäufe und Leihgaben. Über 2000 Arbeiten befinden sich jetzt insgesamt im Museum. Die Ausstellung ist eine Art Zwischenbericht, ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Entdeckung eines Künstlers, dessen Bedeutung bislang fast nur Weggefährten und Insidern klar ist. Eine über 300 Seiten starke Monographie soll in einigen Monaten veröffentlich werden. Und ein Museum an der Westküste der USA zeige Interesse an einer großen Ausstellung, mehr könne er jetzt noch nicht sagen, so Weidinger.

Stasi setzte bis zu zehn Spitzel auf ihn an

Dass einer wie Hähner-Springmühl in der DDR intensiver beobachtet wurde, liegt auf der Hand. Phasenweise hatte die Stasi bis zu zehn Mitarbeiter auf ihn angesetzt, tausende Seiten wurden über ihn geschrieben. Dass diese Akten eine der wichtigsten biographische Quellen für die Schau waren, mutet tragisch, ja zynisch an. Ihr Konzept geht mutig, fast brutal damit um, „Kandidat“ heißt die Ausstellung. So wurde die „operative Personenkontrolle“ zu Hähner-Springmühl überschrieben. Zitate aus den Berichten bilden wandhoch zusammen mit den umfangreichen Fotoserien zu den Performances – zumeist von Karin Wieckhorst – den räumlichen Rahmen. Auf den Stellwänden in der Mitte zu sehen sind die Arbeiten dieses Zerrissenen, nach der Wende immer wieder von schizophrenen Schüben gebeutelten Künstlers, dessen Leben 2006 in Leipzig aufhörte.

Klaus Hähner-Springmühl: Kandidat; Museum der bildenden Künste (Katharinenstraße 10), bis 10. Februar 2019; Di, Do–So 10–18 Uhr, Mi 12–20 Uhr

Von Jürgen Kleindienst

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