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Kultur Regional Korngolds perfekte Geliebte
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17:10 07.01.2018
Abschlusskonzert des Operettenworkshops in Leipzigs Musikalischer: Valentin Egel, Stefan Klingele, Clemens Mohr und Alexander Sinan Binder (v.l.) Quelle: Andre Kempner
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Leipzig

„Ich wollte“, steht MuKo-Chefdirigent Stefan Klingele Moderatorin Bettina Volksdorf am Samstagabend bereitwillig Rede und Antwort, „mal etwas Anderes versuchen“. Nicht, um sich bewusst abzusetzen von Roland Seiffarth und seiner Art, den jährlichen Operetten-Workshop des Dirigenten-Forums beim Deutschen Musikrat zu leiten, sondern weil er seine neue Idee für gut halte. Und, ja: Sie ist es.

Erstmals also gibt es beim Abschlusskonzert kein Nummernprogramm, bei dem jeder Teilnehmer seinen Konzertwalzer, seine Polka, seine Arie, sein Ensemble dirigiert, sondern ein ganzes Werk: Erich Wolfgang Korngolds „Das Lied der Liebe“ – 1931 im Berliner Metropol-Theater uraufgeführt und nach der Erstproduktion in die Mühlen der Geschichte geraten: Korngold floh vor den Nazis nach Amerika, wurde in Hollywood zum Soundtrack-Star – aber der größte Teil seines großartigen Schaffens versank im Vergessen. „Das Lied der Liebe“ ist also die dritte Ausgrabung im Haus Dreilinden innerhalb eines Jahres. Und das Stück ist so charmant, so unverhohlen auf Wirkung zielend, so rauschend und so virtuos, dass sich die MuKo an eine szenische Produktion wagen sollte. Abgesehen davon ist eine solche unbekannte Schöne die perfekte Geliebte für den dirigierenden Nachwuchs. Denn die Genre-Juwelen der Vorjahre spielt das MuKo-Orchester im Zweifelsfalle auch ohne Frackträger am Pult. Hier aber ging es darum, mit dem Orchester innerhalb einer Woche ein dem Orchester völlig unbekanntes Werk einzustudieren.

Was so auch wieder nicht stimmt. Denn „Das Lied der Liebe“ ist ein dreiaktiges Potpourri aus Material der Walzerfamilie Strauß. Und so ist eben doch so ziemlich jede Melodie bekannt, die da in rund anderthalb Nettostunden gespielt und gesungen wird. Aber anders: anders instrumentiert, anders harmonisiert, anders oder gar nicht textiert, anders dramatisiert. Das macht es den drei jungen Dirigenten, die vom Deutschen Musikrat in den Ring geschickt wurden, nicht einfacher – die Sache aber spannend und ergiebig.

Es ist erstaunlich, wie deutlich in dieser Workshop-Woche sich drei sehr unterschiedliche künstlerische Handschriften entfalten konnten: Valentin Egel, Jahrgang 1994 und noch Student an der Weimarer Musikhochschule, macht als Jüngster im Bunde mit dem größten Teil des ersten Aktes den Anfang. Er nahm sich offenkundig zu Herzen, was Klingele im vermittelt habe: „Es geht nicht darum – was steht da jetzt genau!“, das Bauchgefühl sei wichtiger. Da zuckt man erst einmal zusammen. Denn auch im heiteren Fach sollte doch der Notentext die Hauptrolle spielen, obschon er in Ermangelung einer Partitur aus dem Klavierauszug zu lernen und leiten ist.

Egel jedenfalls tritt forsch bis ungestüm an die Sache heran. Was durchaus Reiz entwickelt. Schön fließen seine Tempi, flexibel reagiert er auf die Sänger und hält metrisch doch die Zügel in der Hand. Das viele Lametta, der Flitter, die Girlanden aber, die Korngold zwischen die Strauss-Schichten blies, streute, band und wob, sie gehen ihm allzu oft durch die Lappen. So lässt sich allenfalls ahnen, welche Herrlichkeiten da im Gebläse funkeln könnten, wie Korngold Mittelstimmen ziselierte und betörende Instrumentations-Effekte einband. Und doch: Man sieht Egel gern zu, und dem eigenen Bauchgefühl vertrauend, ist auch das Ergebnis so, dass Korngolds Kunst ihr Ziel erreicht.

Das Bessere indes ist auch in der Musik des Guten Feind. Und so überzeugt Alexander Sinan Binder, geboren 1990 und als Student in Düsseldorf bereits Assistent und Korrepetitor an der Deutschen Oper am Rhein, mit seiner sinnlichen Sorgfalt doch mehr. Tief leuchtet er in den Satz hinein, lässt Samt und Seide schimmern, Korngolds Fantasie flirren – und gestaltet doch, das hat er von Klingeles Ausführungen mitgenommen, „die Musik aus der Dramaturgie heraus. Denn Operette ist nie nur Konzert.“ Recht hat er – und formt seinen Korngold weicher, wärmer, erotischer und reifer.

Der Schluss liegt in den Händen Clemens Mohrs. Der 1989 geborene Hamburger studierte ebenfalls in Weimar und ist seit Beginn der Spielzeit Studienleiter in Hof. Der Linksstäbler erweist sich als der Zuchtmeister unter den Dreien und nimmt mit strengem Blick die Extreme in den Blick. Ohne dabei das Detail aus den Augen zu verlieren, klingt sein Korngold-Strauß verbindlicher, auch etwas spitzer als der Binders. Ein sehr gekonntes, aber auch etwas routiniertes Dirigat. Mohr lernte nach eigenem Bekunden vor allem dies: „Man kann sich vorher vornehmen zufrieden zu sein.“

Innerhalb eines (unbekannten) Werkes und innerhalb einer Woche diese Handschriften so deutlich hörbar zu machen, gelingt dem MuKo-Orchester wie selbstverständlich. Damit beweist es zweierlei: In diesem Genre spielt den Leipzigern kaum ein Klangkörper etwas vor, und für diesen Workshop sind sie auch mit der neuen Konstruktion allererste Wahl. Überdies haben die Teilnehmer am Haus Dreilinden die Möglichkeit, mit Sängern zu arbeiten, auf die sie im Verlauf ihrer Karrieren sonst lange warten müssen.

Das gilt vor allem für den tenoralen Neuzugang Adam Sanchez, der in der gewaltigen Partie des Grafen Richard auf den Spuren des großen kleinen Richard Tauber die Sterne vom Himmel singt. Um den Schmelz, die Klangschönheit, die Höhe, die Kultiviertheit, den Charme, den Bronzestrahl dieses phänomenalen Sängers dürfte manches große Haus die MuKo beneiden. Die Leipziger sollten ihn in Watte packen oder, wenn das nicht hilft, am nächsten Heizkörper anbinden. Sonst ist er bald wieder weg. Lilli Wünscher färbt ihren Sopran, wie sie ihn nun einmal färbt – Geschmackssache. Aber wie sie sich als Baronin Paulette von den jungen Dirigenten begleiten lässt, wie sie mal führt und mal reagiert, wie sie sich einbringt und einbindet in ein großes Ganzes, das macht auch sie zur Idealbesetzung in einem solchen Abschlusskonzert. Gleiches gilt für den fabelhaften Andreas Rainer und die wunderbare Mirjam Neururer als komisches Paar sowie für Hinrich Horn und Anna Evans in den kleinen Partien.

Als Erzähler versucht Hans Georg Paschmann mit sachter Ironie und mäßigem Erfolg die wirr bis irr kolportierte Handlung plausibel zu machen. Aber das Entscheidende klärt ohnehin Korngold mit den Melodien der Sträuße: Am Schluss finden selbstredend Richard und Paulette zueinander. Und das Publikum zu einer neuen Operette. Wäre die MuKo etwas offensiver mit dem Umstand umgegangen, dass „Das Lied der Liebe“ ein prallvolles Füllhorn unsterblicher Strauß-Melodien entleert, es wäre gewiss voller geworden im vor Begeisterung vibrierenden Parkett.

Von Peter Korfmacher

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