Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Kultur Regional Lofft Leipzig: Kraftvolle One-Woman-Show
Nachrichten Kultur Kultur Regional Lofft Leipzig: Kraftvolle One-Woman-Show
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:37 28.05.2018
Zsuzsa Rózsavölgyi beschäftigt sich in „1.7“ mit der Wahrnehmung des weiblichen Körpers – und nimmt dabei auch Klischees aufs Korn. Quelle: Grit Friedrich
Leipzig

Zsuzsa Rózsavölgyi räkelt sich in Zeitlupe auf der Bühne, im schwarzen Spitzenbody und High-Heels, die langen Locken offen, den Mund mit einem Apfel geknebelt. Sexy, aber unfähig zu sprechen, in ihren Bewegungen eingeschränkt durch ein schwarzes Gummiband, das sich von ihrem Fußgelenk zum Kopf spannt. So verkörpert sie auf der Bühne das Klischee des weiblichen Sexsymbols, knapp bekleidet und schön anzusehen, aber unmündig.

Wie wird der Körper einer Frau in unserer Gesellschaft wahrgenommen, welche Rollen fallen ihr zu? Diese Frage beschäftigt die ungarische Tänzerin und Choreographin in ihrer Performance „1.7“, die am Donnerstag im Rahmen des Festivals „Off Europa“ im Lofft zu sehen war – zum ersten Mal in Deutschland.

Popkulturelle Referenzen, auch auf Pamela Anderson

Das Stück ist eine One-Woman-Show: Zsuzsa Rózsavölgyi tanzt, erzählt, läuft zwischendurch immer wieder zum Laptop am Bühnenrand, um Musik oder Videos abzuspielen, wechselt ständig ihre Kleidung. Von ganz nackt bis komplett verhüllt – in „1.7“ thematisiert Rózsavölgyi die ganze Bandbreite der Inszenierung des weiblichen Körpers. Dabei nutzt sie auch popkulturelle Referenzen, vor allem amerikanische. Ein Jahr lang sammelte sie Material, zeigt Hip-Hop-Videos oder Ausschnitte der Wahl zur „Miss America“.

Wenn die Tänzerin in den unverkennbaren, roten Badeanzug schlüpft, der Pamela Anderson und „Baywatch“ so berühmt gemacht hat, sich eine blonde Perücke überstülpt und zur Krönung zwei orangefarbene Luftballons in den Ausschnitt stopft – eine Anspielung auf Andersons Silikonbrüste – dann müssen alle laut lachen. An ihrem eigenen Körper, das ist Rózsavölgyi wichtig, ist alles natürlich. Für die Show ließ sie sich ein Jahr alle Körperhaare wachsen. Sie erzählt auf der Bühne davon, wie der Sohn ihres Partners sie einmal nackt sah und ungläubig anstarrte: „Du hast da Haare? Meine Mama nicht.“

Energiegeladen, humorvoll und gleichzeitig ernsthaft: Rózsavölgyi in ihrer Performance „1.7“. Quelle: Grit Friedrich

„1.7“ ist oft lustig, die Themen dafür umso ernster. Rózsavölgyi geht es nicht nur um Schönheitsideale und die damit verbundene Objektisierung von Frauen, sondern auch um körperliche Gewalt und den ewigen Streit um das Recht auf Abtreibung. Sie spielt Videos ab, die ein soziales Experiment zeigen: Ein junges Paar streitet sich im Fahrstuhl, der Mann bedrängt die Frau. Doch die Umstehenden schauen weg, niemand hilft. „Ich habe verschiedene Vorschläge, wie man sich gegen Missbrauch wehren kann“, sagt Rózsavölgyi. Einer davon: den eigenen Körper als Waffe einsetzen.

Zum ersten Mal nutzt Rózsavölgyi in einem Stück gesprochene Sprache

Im hautengen Overall mit Leopardenprint, Ledercorsage und hochhackigen Stiefeln erklärt sie, wie ein Angreifer durch eine geschickte Bewegungsabfolge für ein paar Sekunden außer Gefecht gesetzt werden kann. Am praktischen Beispiel einer Freiwilligen führt sie das anschließend eindrücklich vor. Muskeln in den Beinen sind bei der Methode auf jeden Fall von Vorteil – Silikonbrüste wären eher im Weg.

Sich klar verständlich zu machen, das ist Rózsavölgyi wichtig. Zum ersten Mal nutzt sie bei dieser Performance das Mittel der gesprochenen Sprache. „Ich wollte alles klar ausdrücken“, sagt die Tänzerin nach der Aufführung. Auf der Bühne erzählt sie offen von ihren drei Abtreibungen, und auch davon, wie schwierig und langwierig dieser Prozess in Ungarn ist. Sollten Frauen sich in den Dienst der Gesellschaft stellen und Kinder bekommen, damit die eigene Nation nicht ausstirbt? Rózsavölgyi findet: nein.

Dank der Mee-Too-Debatte seien viele Menschen empfänglicher für das Stück, das schon 2016 entstand, sagt die Tänzerin. Dass es bis zur kompletten Gleichbehandlung von Frauen und Männern trotzdem noch ein weiter Weg ist, zeigt die Künstlerin in „1.7“ – vielschichtig, humorvoll und dennoch ernsthaft. „Ich glaube“, sagt Rózsavölgyi pessimistisch gestimmt im Vorfeld der Aufführung, „dass ich diese Performance den Rest meines Lebens zeigen kann.“ Sicher ist: Aktuell wird „1,7“ noch eine Weile bleiben. Hoffentlich nicht für immer.

INFO: Festival „Off Europa“, nächste Aufführung „Grace“, am Sonnabend, 26. Mai, 20 Uhr, Lofft (Lindenauer Markt 21), Karten 10/14 Euro, 0341 35595510, www.lofft.de

Von Sophie Aschenbrenner

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Schumanns stiefmütterlich behandelte Fantasie für Violone und Orchester, Hindemiths noch seltener zu hörende 4. Kammermusik und Sibelius’ Zweite im Großen Concert des Gewandhausorchesters. Am Pult stand Andris Poga, an der Stradivari: der wunderbare Frank Peter Zimmermann.

25.05.2018

Am Anfang steht ein Klassiker: Mit „Faust I+II“ eröffnet Enrico Lübbe am 29. September die neue Spielzeit am Leipziger Schauspiel. Am Ende der ersten fünf Jahre würdigt Kulturbürgermeisterin Skadi Jennicke (Linke) den Intendanten und bescheinigt ihm „Erfolge in vielerlei Hinsicht“.

24.05.2018

Vom Erfolg ihres Nebenprojekts namens Götterscheiße in der Leipziger Szene und darüber hinaus sind Tino Kulisch und Martin Neuschulz selbst überrascht. Kurz nach Albumveröffentlichung und ersten Konzerten wurde das Synthi-Pop-Duo nun für mehrere Festivalgigs gebucht.

24.05.2018