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00:30 09.05.2018
Matthias Schweighöfer bei seinem Konzert "Lachen, Weinen, Tanzen" am Samstag in der Arena Leipzig. Quelle: Christian Modla
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Leipzig

Schöner hätte es sich der große Cineast Matthias Schweighöfer nicht ausmalen können: Als seine Vorband am Samstag beginnt, zaubert die Abendsonne in der Arena ein Lichtflair, wie wir es sonst nur aus dem Schweig(er)höfer-Kino kennen, wenn es über den riesigen Altbauwohnungen oder kleinen Häuschen mit Garten der einfachen Leute mitten in München flirrt. Dazu wunderbar wohlfühliger Trommel-Pop mit Akustikgitarre vom Berliner Trio Jonah auf der Bühne, die mitten in der verkleinerten Halle steht, damit sich die 2000 Besucher und Besucherinnen nicht verlaufen.

Je zwei Schlagzeuge, Gitarren und Mikros, dazu Bass und Keyboard erwarten dreiviertel neun sechs Musiker, zwei Musikerinnen und den Schauspieler Matthias Schweighöfer. Der kommt sympathisch winkend raus und zeigt sofort seine Karaoke-Künste: „Du hörst nicht auf/ immer das zu sein/ was ich brauch.“ Hach.

„Wir reißen die Hütte heute ab!“

Beziehungsweise: Kreisch. Mädels schnappen ihre Mädels und Smartphones, Mütter ihre Töchter und Smartphones – ab nach vorn! Dazwischen navigieren andere ihre Papas von den Schultern aus ebenfalls in Richtung Bühne. „Der Matthias“, wie er allenthalben genannt wird, freut sich natürlich auch und kündigt gleichmal an: „Wir reißen die Hütte heute ab!“

Dazu ein „Seid ihr gut drauf!“ ohne Fragezeichen und schon als zweiten Song „Lachen, Weinen, Tanzen“, was man jederzeit nochmal auf der Bühnenrückwand nachlesen kann (die Zeile kommt auch noch in zwei anderen Liedern vor). „Oho-ey-o-oho“-Chöre schallen durch die Halle. Als es zu schlagerhaft wird, kippt der Song einfach ins Ravige, damit auch wirklich alle das mit dem Ausrasten verstehen, nein: fühlen.

Zwischen den Liedern kreischen Mädchen in die Stille Schweighöfers Namen, dass sie ihn liebten, dass sie ein Kind von ihm wollten („Ich gebe keins ab!“) und dass die anderen mal von den Stühlen runtersteigen sollten („Warum denn? Darum haben wir die doch hingestellt, damit sie drauf stehen können!“) Sächsisch kann der in Chemnitz Aufgewachsene natürlich auch, was insbesondere in einer Pianoballade wirklich lustig ist.

Wie geradezu genial Schweighöfer aber ist, wird klar, als er über seine Filmstart-Tourneen durch die „schönen (hüstel) Cineplex-Kinos“ plaudert. Der Mann macht sich lustig über die Kino-Mainstreamwelt, obwohl er seit Jahren nichts anderes tut, als deren Erwartungen zu bedienen – und amüsiert sich darüber auf der Bühne der Arena Leipzig, dem Multiplex-Kino unter den Konzerthäusern.

Rund tausend Plattitüden

Und dann „singt“ er dort auch noch zwei Stunden lang Lieder, die den Mainstream-Deutschpoetenpop so dermaßen parodieren, dass Jan Böhmermann und seine Affen vor Neid erblassen. (So wählt er nicht nur „einen von 80 Millionen“, sondern gleich „einen aus Milliarden“.) Aber damit nicht genug. Schweighöfer grinst auch noch dazu, wenn er nicht gerade eine von rund tausend Plattitüden von sich gibt, und wird dafür angehimmelt. Grandios, der Mann.

Mit Arne Schumann und Josef Bach habe er die Musik geschrieben, „zwei genial-findige Komponisten, die in Sachen Klang überall zuhause sind und von erhabener Filmmusik über frickelige Electronica bis hin zu Werbung und den ganz großen Pop-Würfen alles beherrschen“, heißt es in der Pressemeldung, und weiter: „Ganz bescheiden produzieren und komponieren die drei vor sich hin“ bis schließlich „unsere ganz simple und ehrliche Musik mit Orchester-Sound verbunden wurde.“

Diese so ehrlichen kleinen Lieder erzählen vom Glück singender Kinder, von besten Freunden, davon dass es schön ist, wenn jemand für einen da ist (überraschendes Bekenntnis auf der Bühne: „Ich bin nicht gern allein.“ BUNTE, übernehmen Sie!). Überall hält in den Liedern jemand die Hand oder das Herz eines anderen, „hinter dem Eis warten deine warmen Augen“, „deine Augen sind meine Meere“, „du bist größer als das Leben“.

Zu den Worten „Ich lauf, ich lauf, ich lauf“ läuft Schweighöfer durch die Halle, weil es eben so gut passt. In der „Hymne auf uns zwei“ rappt Josef Bach noch besser als Oli P. Und ganz links auf der Bühne steht Arne Jansen, einer der angesehensten Jazz-Gitarristen in Deutschland, der wahrscheinlich auf all seinen Tourneen insgesamt noch keine 2000 Zuschauer hatte. Es ist einfach nur zum „Weinen, Weinen, Weinen“.

Von Benjamin Heine

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