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Kultur Regional Krzysztof Urbanski als Dirigent und Bertrand Chamayou am Flügel zu Gast im Gewandhaus
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14:33 15.02.2019
Krzysztof Urbanski bi der Arbeit Quelle: Caroline Doutre
Leipzig

Wie so vieles aus der Feder Franz Liszts sind seine klavierkonzertanten Poeme „Totentanz“ und die Fantasie über ungarische Volksmelodien viel zu selten zu hören. Und wie bei so vielem aus der Feder Franz Liszts ist es nicht ganz leicht, zu erklären, warum das so ist. Denn die beiden Viertelstünder bieten zum immensen melodischen, harmonischen und klanglichen Einfallsreichtum erheblichen Schauwert und sind überdies für nachhaltige Ohrwürmer gut. Schön also, dass in den Großen Concerten dieser Woche beide endlich einmal wieder auf dem Spielplan stehen – die Ungarische Fantasie zum ersten Mal seit über 30 Jahren.

Liszt auf der Höhe seines Könnens

Um die Stärken und Qualitäten dieser Werke auszuspielen, bedarf es am Klavier eines sensiblen Virtuosen. Denn mit kraftmeiernder Flinkfingerei allein ist hier kein Blumentopf zu gewinnen – ohne allerdings auch nicht. Die Oktavketten und Akkord-Gewitter, die Triller-Wolken, der Repetitions-Wahnsinn und der Glissando-Exzess wollen schließlich auch zu ihrem Recht kommen. Aber wir reden hier nicht, und das ist vielleicht das grundlegende Missverständnis im Zusammenhang mit dieser Musik, von akrobatischen Show-Stücken, sondern von Meisterwerken, die den großen Liszt auf der Höhe seines Könnens zeigen.

Es geht um Leben und Tod

Bertrand Chamayou braucht nur wenige Takte, um das zu beweisen. Geräuschhaft bis zur Brutalität meißelt er das Auf und Ab der verkürzten und verminderten Septakkorde ins Flügel-Fundament. Und wenn zwei Takte später Klarinetten und Fagotte, Posaunen und tiefe Streicher in gewaltigen Pfundnoten die Dies-irae-Sequenz zugeben, ist sofort klar, dass es hier nicht um Schauerromantik geht, sondern um Leben und Tod, um das Jüngste Gericht. Chamayou spielt seinen Liszt nicht artistisch, er spielt in inhaltlich, stellt seine fabelhafte Anschlagskultur und die Kraft, seine Differenzierungsgabe und die staunenswerte Treffsicherheit, seine Sensibilität und den Furor ganz in den Dienst einer Musik, die sich nicht selbst genügt, sondern sprechen will, erzählen von Dingen, die sich der Sprache entziehen.

Auf dem Gipfel der pianistischen Kunst

Und Chamayou illustriert, mehr noch in der Fantasie als im Totentanz, auf die sinnliche Art die Verdienste des Franz Liszt um das moderne Klavierspiel. Da singt in der Friska schon keck und zart der Narr sein Morgenlied davon, dass auch Ravels pianistische Kaleidoskope ohne Liszt nicht denkbar wären. Da donnert aus den Geräuschklängen der Bildersturm der Moderne hinüber. Kurzum: Bertrand Chamayou führt das Publikum im Großen Concert auf den Gipfel pianistischer Kunst. Dafür wird er frenetisch bejubelt und bedankt sich seinerseits mit der atemberaubend schön gespielten Liszt-Bearbeitung von Frédéric Chopins „Meine Freuden“.

Beinahe schon wieder eine Kunst

Am Ende der zweiten Konzert-Hälfte, nach dem lärmenden Schlussakkord von Ravels Orchesterfassung der „Bilder einer Ausstellung“, fällt der Applaus ebenfalls kraftvoll aus. Aber hier ist es wohl eher der Reflex auf das pompöse Finale am Großen Tor von Kiev. Denn als Dirigent des Gewandhausorchesters erreicht Krzysztof Urbanski bei weitem nicht die Höhe, in der Bertrand Chamayou am Klavier unterwegs ist. Das zeichnet sich bereits bei den Liszts ab, wo der 36-Jährige sich meist damit zufriedengibt, dass Orchester und Solist zusammenbleiben (was nicht immer gelingt) und er selbst dabei gut aussieht (das schon). So führt er das Gewandhausorchester in keinem Takt übers solide Begleiten hinaus und vermittelt nicht einmal eine Ahnung von der Qualität auch der Orchesterparts. Bei den „Bildern einer Ausstellung“ sieht es kaum anders aus. Und es ist beinahe schon wieder eine Kunst, Ravels und Mussorgskis prallen Bilderbogen mit einem so guten Orchester so nichtssagend abzuliefern.

Im Blech, im Blech hat jeder mal Pech

Dabei versteht Urbanski erstens durchaus sein Handwerk und lässt – auswendig dirigierend – zweitens keinen Zweifel daran, dass er das Stück wirklich draufhat. Aber es scheint ihn nicht sonderlich zu interessieren. Lässig wie ein uninspirierter Maazel tänzelt er dem Gewandhausorchester geziert einen vor, baut keine Spannung, mischt keine Farben, bleibt kraft-, saft- und vor allem inspirationslos. Und so macht das Orchester dem Gastdirigenten zwar immer wieder interessante Gestaltungsvorschläge, aber der ist offenbar zu sehr mit sich selbst beschäftigt, als dass er sich neben seiner Dirigenten-Tätigkeit noch ernsthaft mit Musik auseinandersetzen könnte. Drum ist von vornherein der Wurm drin und stört es auch nicht weiter, dass am Donnerstagabend überdies der Volksmund recht behielte, würde er sagen: Im Blech, im Blech hat jeder mal Pech.

Von Peter Korfmacher

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