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Kultur Regional Künftiger Elbphilharmonie-Dirigent Alan Gilbert zum Jahreswechsel im Leipziger Gewandhaus
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22:00 28.12.2017
Alan Gilbert wird 2019 Chef-Dirigent der Hamburger Elbphilharmonie. (Archiv) Quelle: André Kempner
Leipzig

Acht Jahre lang, von 2009 bis 2017, bekleidete Alan Gilbert, Jahrgang 1967, als Chefdirigent der New Yorker Philharmoniker einen der wichtigsten Posten in der Musikbranche. 2019 wird er Chef in der berühmtesten Kultur-Immobilie Deutschlands: bei der Elbphilharmonie in Hamburg. Dazwischen dirigiert er am Freitag, Samstag und Sonntag im Gewandhaus die traditionellen Aufführungen von Beethovens Neunter zum Jahreswechsel. Peter Korfmacher sprach mit dem US-Amerikaner, der beim Gewandhausorchester ein gern gesehener Gast ist.

Lassen Sie uns nicht über Politik reden!

Warum?

Weil das Bild, das die Welt im Moment abgibt, zu trostlos ist und zu düster. Und weil Beethovens Neunte, dieses klingende Monument des Humanismus, so groß ist, seine Botschaft so universell, dass man dennoch optimistisch in die Zukunft blickt und glauben möchte, dass es doch noch gut wird mit der Welt und der Menschheit. Ich bin sehr glücklich, hier ausgerechnet dieses Werk dirigieren zu können. In einer solchen Tradition: Seit 1918 gibt es ja hier in Leipzig Beethovens Neunte zum Jahreswechsel.

Die Elbphilharmonie ist akustisch kompliziert für Chorsinfonik. Ein großer Teil des Publikums sitzt den Sängern buchstäblich im Nacken.

Ich kenne das Haus noch nicht gut genug, um das zu beurteilen. Ich habe dort bereits dirigiert, und mit meinem Orchester war die Akustik phänomenal – auch wenn sie nicht so schön für die Musiker ist.

Warum nicht?

Sie schmeichelt nicht, hilft nicht, wirft jeden Musiker auf sich selbst zurück. Darum muss man sehr genau aufeinander hören. Aber ist das nicht ohnehin unsere vornehmste Aufgabe: aufeinander hören? Würde alle Menschen so aufeinander hören wie Musiker, sähe es weniger finster aus in der Welt.

Es scheint, als würden immer weniger Menschen Musikern beim aufeinander Hören zuhören wollen.

Ach, das Ende der klassischen Musik ist schon so oft beschrien worden – aber eines ist richtig: Wir müssen uns immer wieder neu um das Publikum bemühen und dabei künftig auch andere Wege beschreiten. Auch darum bin ich so froh, dieses Privileg des Musizierens bald in Hamburg genießen zu können.

Warum ist Hamburg da so etwas Besonderes? Schließlich waren sie zuvor als Chef der New Yorker der Nachfolger Mahlers, Toscaninis, Bernsteins, Masurs ...

... ja, und das war eine großartige Zeit, von der ich nichts missen möchte. Aber, sehen Sie: Ich arbeite künftig im berühmtesten Kulturbau Deutschlands. Die Elbphilharmonie ist jetzt schon eine Ikone, auf die die Welt schaut. Also müssen wir uns bemühen, der Gesellschaft, die dies ermöglicht hat, möglichst viel zurückzugeben. Wir müssen Wege finden, die Stellung der Musik in dieser Gesellschaft, ihre Funktion und ihre Wirksamkeit zu stärken.

Wie kann denn Musik in die Gesellschaft hereinwirken, außer vielleicht mit der Erbaulichkeit, die sich bei vielen einstellt, wenn sie Schillers „Ode an die Freude“ in den Tönen Beethovens hören?

Ja, das ist eine gute Frage. Denn natürlich machen wir zunächst einmal nur Musik. Und auch wenn zum Beispiel Beethovens Neunte, die ich schon wirklich oft dirigiert und gerade wieder ganz neu gelernt habe, immer nur gibt und doch nie leer wird, ist ihre Wirkung natürlich nicht objektiv messbar. Aber ich halte es mit meinem Freund António Guterres, dem Generalsekretär der Vereinten Nationen, und der sagt: Das Wichtigste sind Kunst und Kultur.

Das werden die meisten derer, die derzeit in Libyen oder Griechenland in Flüchtlingslagern festsitzen oder in die Sklaverei verkauft werden, die in Syrien oder sonstwo um ihr Leben fürchten, nicht unterschreiben.

Ja, und sie haben natürlich recht. Guterres ist kein Träumer, und ich bin es auch nicht. Aber der Verlust ihrer Kunst und Kultur, der Verlust ihrer Identität ist dennoch ein schwerwiegender für diese Menschen. Und wenn wir ihnen helfen können, sie wiederzuerlangen, haben wir viel bewirkt.

Aber wie können Sie das bewirken? Sicher nicht mit der Neunten im Gewandhaus.

Nein. Wir müssen raus, raus zu den Menschen, nach Lampedusa, nach Griechenland, dahin, wo die Menschen sind. Und da dürfen wir ihnen auch nicht einfach Beethoven vorspielen, sondern wir müssen mit ihnen gemeinsam auch ihre Musik machen. Das wird die vornehmste Aufgabe von Musikern in diesen Zeiten sein, in denen die Welt unter dem Gewicht ungeahnter Wanderungsbewegungen aus den Fugen zu geraten droht. Wir müssen den Menschen ihre Identität zurückgeben.

Freitag und Samstag (jeweils 20 Uhr) und am Sonntag (17 Uhr) dirigiert Alan Gilbert im Gewandhaus Beethovens Neunte. Alle drei Konzerte sind ausverkauft. Der MDR überträgt das Silvesterkonzert live im Fernsehen und im Radio auf MDR Kultur.

Von Peter Korfmacher

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