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Kultur Regional Kunstlabyrinth mit Käsespätzle in den Cammerspielen
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14:36 11.05.2018
Baugerüst für einen Fertigbau des postdramatischen Theaters: Sven Glatzmaiers begehbarer Bühnenraum in den Cammerspielen. Quelle: André Kempner
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Leipzig

Man kann es mal frei nach Palais Schaumburg und Hindemith formulieren: Gibst du mir Text, geb ich ihm Sinn. So bauen wir uns ein Stück. Oder futtern Käsespätzle. Am Donnerstag hatte in den Cammerspielen „Es gibt (k)eine Lösung, weil es (gar k)ein Problem gibt“ Premiere. Eine „szenische Montage“ aus den Fertigteilen postdramatischen Theaters, die hier konsequenterweise gleich auf einem Baugerüst verfügt werden.

Ein solches nämlich teilt die gesamte Bühnenfläche in zwei Hälften. Zeigt einen Spielraum-Rohbau, in dessen Kellergeschoss ein Techniker friemelt, während im Hochparterre drei Darstellerinnen und vier Darsteller plus Gitarristen sitzen und stehen, sich aalen und winden, mit iPhones filmen und am einen Ende des Baugerüsts sogar Käsespätzle zubereiten. Ach ja, gesprochen wird natürlich auch.

Mantras der Ego-Stimulans („Ich bin gut so, wie ich bin.“) machen den Anfang, während das Publikum, das sich frei im Raum ums Baugerüst herum bewegen kann, angehalten wird, auch mal dem Nebenstehenden motivierend auf die Schulter zu klopfen. Doch, ist witzig. „Du hast mich den Teufel in mir erkennen lassen“, ist wenig später zu vernehmen, kurz nachdem Walter Benjamins Engel der Geschichte auch hier wieder mal über die Bühne flatterte. Galaktische Dimensionen werden beschworen. Rote Riesen und Weiße Zwerge, Sterne, die sterben, und schwarze Löcher, die bleiben. Oder es wird das „Weltall der Anderen“ durchstreift vom „eingemauerten Selbst“. Und allenthalben wohnt man desorientierten Minotauren im Labyrinth der Existenz bei, die den roten Faden längst verloren haben: „Ich blicke nach oben und nach unten und nach links und nach rechts, und es macht keinen Unterschied.“

Man fühlt sich recht wohl

Es ist nun eine allzu verlockende Steilvorlage, diesen Satz schlicht auf die Inszenierung anzuwenden und es dabei zu belassen. Eine Inszenierung, die ja, so ist es zu lesen, „nicht unbedingt den Regeln des Erzähltheaters“ folgt. Und in der an einer Stelle Fragen aus dem Publikum mit einem magischen Buch der Sinngebung beantwortet werden: „Ist es vernünftig, an Frieden zu glauben?“, will da einer wissen. Die Antwort gibt das blinde Aufschlagen einer Seite: „Verlang im Moment nicht mehr.“ Klingt einleuchtend. „Gibt es einen Sinn im Leben?“, fragt ein anderer: „Ändere deinen Blickwinkel!“, empfiehlt das Buch.

Wendet man genau das nun auch mal auf dieses Stück an, offenbart sich wie von selbst eine Lösung für kein Problem. Natürlich mag einem ob all des postdramatischen Rezitierens, Singens, Kochens das gute alte, dramatische „More matter, with less art“ als Stoßseufzer durch den Kopf gehen. „Mehr Inhalt, weniger Kunst!“ Doch fühlt man sich zugleich recht wohl auf dieser Szenen-Montage-Baustelle, die unter der Ägide Sven Glatzmaiers, quasi des Poliers vom Dienst, zum einem nach Käsespätzle duftendem Kunstlabyrinth wird. In dem kann man verloren gehen oder Sinnangebote zum selber Bauen finden. In dem kann man essen und trinken oder Orakel befragen. Die Performer aus nächster Nähe betrachten oder auf dem Boden sitzend Distanz pflegen. „Wem gehört die Kunst?“, fragt immer wieder mal der Spätzle-Koch. „Uns!“ antwortet das Publikum. Und irgendwie ist damit ja alles gesagt.

„Es gibt (k)eine Lösung, weil es (gar k)ein Problem gibt“, weitere Vorstellungen am Freitag und Samstag, je 20 Uhr, Cammerspiele, Kochstraße 132, Eintritt 10/6 Euro

Von Steffen Georgi

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