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Leipziger Analogsoul-Label hört auf: „Für uns ist es eher ein Neustart als ein Ende“

Interview Leipziger Analogsoul-Label hört auf: „Für uns ist es eher ein Neustart als ein Ende“

Nach 86 offiziellen Veröffentlichungen, online, auf CD und auf Schallplatte, nach zahllosen Mixtapes und Podcasts, über 100 organisierten Konzerten oder kurz: nach 10 Jahren ist Schluss. Analogsoul, das Leipziger Independent-Musiklabel sagt Tschüss. Wie und warum es dazu kommt, verrät uns Andreas Bischof, ein Drittel der Analogsoul-Kernmannschaft.

Sie bleiben dem Konzertleben verbunden: Clemens Kynast, Andreas Bischof und Fabian Schütze (von links).
 

Quelle: Tobias Schütze

Leipzig.  Nach 86 offiziellen Veröffentlichungen, online, auf CD und auf Schallplatte, nach zahllosen Mixtapes und Podcasts, über 100 organisierten Konzerten oder kurz: nach 10 Jahren ist Schluss. Analogsoul, das Leipziger Independent-Musiklabel, das seit 2008 mit Acts wie Klinke auf Cinch, Me And Oceans und Arpen ziemliche Wellen geschlagen hat, sagt Tschüss. Wie und warum es dazu kommt, verrät uns Andreas Bischof, ein Drittel der Analogsoul-Kernmannschaft.

Ihr habt 2008 als Online-Label angefangen, Musik verschenkt und auf die GEMA gepfiffen – worum ging es euch damals?

Am Anfang ganz klar ums Loslegen, ums Sichtbarwerden, um die Möglichkeit, selbst Musik herauszubringen. Wobei wir schon auch einen längeren Zeitraum im Blick hatten. Bei all den schönen Tätigkeiten rund um die Gründung – sich einen Namen geben, eine Corporate Identity aufbauen, eine Website anlegen – ging es aber zu keinem Zeitpunkt um Arbeit im Sinne von Erwerbsarbeit. Das war pure kreative Ausdrucksfreude.

Du sagst „wir“ – wer wart ihr damals, wer steht hinter Analogsoul?

Da waren zu Beginn Fabian Schütze und Clemens Kynast, die sich schon als Schüler in Jena kannten und zusammen in einer Band spielten. Fab hat Cle im Winter 2007/2008 gefragt, ob sie nicht ein Label gründen wollen und ist dann auch an mich herangetreten, weil wir während des Studiums hier in Leipzig schon kleinere Kulturprojekte realisiert hatten. In diesem Kern sind wir bis jetzt zusammen geblieben, schrittweise kamen dann Musikerinnen und Musiker wie Lilabungalow, Arpen, Wooden Peak und Petula dazu.

Ihr schreibt nun in eurem „Abschiedsbrief“, dass ihr ab Herbst 2012 ein „360-Grad-Label für den kompletten wirtschaftlichen Verwertungsweg von Musik“ wart – wie wurdet ihr denn zu Profis?

Das hat sich schrittweise so ergeben. Mit unserer Selbstmach-Attitüde stießen wir auf immer mehr Felder des Musiker-Daseins: zum Beispiel eben die Auswertung von Musik durch die GEMA. Das sind wir alles mit einer gewissen Naivität aber auch großer Ernsthaftigkeit angegangen. Uns war klar, dass es für all das Spezialisten und Dienstleister gibt – aber wir wollten es einfach selbst machen. Wir wollten, dass die Künstler für jeden einzelnen Verwertungsschritt entscheiden können, was mit ihrer Musik geschieht.

Wenn du jetzt so zurückschaust, bist du auf eine bestimmte Platte oder Aktion besonders stolz?

Ja, auf den Sampler „#31s“, die gläserne Albumproduktion zu „I am a Forest“ und den Film „Freiheit, Freiheit, Wirklichkeit“. Weil wir damit Themen aufgegriffen haben, die nicht nur uns, sondern größere Bereiche wie Digitalisierung oder den Wert von Kunst betreffen. Und es ist dabei etwas entstanden, das uns und unsere Arbeit überdauert: ein Film, ein Manifest, ein guter Vortrag. Am stolzesten bin ich aber drauf, dass wir durch unsere Art zu arbeiten einigen wirklich inspirierenden Leuten als Vorbild gedient haben.

Und trotzdem ist jetzt Schluss – warum eigentlich?

Das 360-Grad-Label-Dasein hat sich schon 2012 als strukturelle Überlastung abgezeichnet: Cle und Fab hatten mit Klinke auf Cinch und Me And Oceans selbst wichtige Platten draußen, ich steckte in meiner Masterarbeit. Dazu noch das Label zu stemmen, wurde zu viel. Wir haben uns dann gefragt: Worin sind wir besonders gut? Das waren dann eher Agentur-Sachen wie Kommunikationskonzepte, Texterstellung oder Kampagnenplanung. Und damit begann eine schleichende Bewegung weg vom Label hin zu konkreten Dienstleistungen im Musikmarkt. Die Entscheidung, die Marke „Analogsoul“ zugunsten der eigentlichen inhaltlichen Arbeit zu opfern, fiel uns aber natürlich schwer – man identifiziert sich ja auch damit. Aber es fühlt sich jetzt trotzdem natürlich an. Für uns ist es eher ein Neustart als ein Ende, es setzt Kräfte frei.

Das Ende jetzt hat also schon was mit den Arbeitsbedingungen der unabhängigen Musik zu tun, die ihr im Film „Freiheit, Freiheit, Wirklichkeit“ vor zwei Jahren thematisiert habt?

Auch. In der freien Kulturszene gibt es keine festen Stellen. Während man es sich mit Anfang 20 noch leisten kann, 30, 40 Stunden die Woche unentgeltlich zu arbeiten, weil man zum Beispiel eigentlich studiert, geht das mit Anfang 30 und Kind nicht mehr. Natürlich verdienen wir mit Analogsoul längst auch Geld, aber nicht genug, um davon zu leben. Dass wir deswegen hauptberuflich andere Jobs haben, hat also auch was mit dem Ende zu tun, klar. Wenn das bedingungslose Grundeinkommen kommt, machen wir dann aber hauptamtlich Analogsoul.

Gibt es eigentlich noch mal ein Konzert oder ein Fest zum Abschied?

Wir sagen nur intern Ahoi mit einer Sause. Weil man als Organisator einer öffentlichen Veranstaltung nicht so gut mitfeiern kann – und das wollen wir schon. Die Platten-Sonderbox und der Abschiedsbrief sind also erstmal das „dicke Ende“. Wir bleiben dem Konzertleben aber verbunden.

Inwiefern, wie geht’s weiter?

Es klingt absurd, aber im Grunde wie bisher: Fab bucht Konzerte für Acts wie Sarah Lesch und Martin Kohlstedt und erlaubt sich alle zwei, drei Jahre ein eigenes Album. Cle wird mit Klinke auf Cinch weitermachen. Und ich werde neben meiner Arbeit an der Uni immer mal einzelne Projekte mit Musikern umsetzen.

Und was wirst du am meisten vermissen?

Ach, „vermissen“ ist das falsche Wort, aber die unstrukturierten Tage rund ums Jahr 2011, wo man einfach ins Büro kommt und schaut, worauf man Lust hat, die waren schon toll. Zwischen ner Runde Online-Poker und dem Mittag im Schnellbuffet Süd haben wir da beschlossen, das Album eines schwedischen Folksängers rauszubringen. Diese Unbekümmertheit, diese kreative Planlosigkeit geht mit der Professionalisierung – und dem Alter – leider verloren.

Von Benjamin Heine

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