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Kultur Regional Leipziger Ballett tanzt „TOOT!“ am Schauspiel
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00:19 04.07.2018
Auch mal auf ästhetisch gewohnter Linie: „TOOT!“ mit dem Leipziger Ballett im Schauspiel. Quelle: Ida Zenna
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Leipzig

Lag es am sommerlichen Wetter samt der Konkurrenz durch „Klassik airleben“, dass am Freitag zur Premiere von „TOOT!“ im großen Saal des Schauspielhauses doch so einige Sitze leer blieben? Oder war vielleicht auch ein Grund, dass die niederländische Choreografin Didy Veldman ihrem Publikum tatsächlich zeitgenössischen Tanz zu Musik von Alfred Schnittke und Dmitri Schostakowitsch zumutet? Was ja nun nicht unbedingt dem entspricht, was der bürgerlichere Teil des Leipziger Publikum bevorzugt.

Nach der Produktion „Flesh“ (2016) ist „TOOT!“ eine weitere Kooperation von Leipziger Ballett, Oper und Schauspiel. Und erneut ist es reizvoll, die Tänzerinnen und Tänzer in dieser im Gegensatz zum Opernhaus ja weit komprimierteren, Distanz-reduzierteren Raum- und Bühnensituation zu erleben. Was allein schon einen Besuch dieser Inszenierung wert ist.

Veldman eröffnet den zweiteiligen Tanzabend mit einer ihrer älteren Choreografien. Aus dem Jahr 2001 stammt „See Blue Through“, ein Tanzstück, für das sie während einer Schwangerschaft die Inspiration gewann. Das Leben im Fruchtwasser als – verkürzt gesagt – gedankliche Prämisse. Und als Quelle für einen Bewegungsfluss über die gesamte Breite der Bühne.

In der forciert zeilenartigen Linearität des Strömens findet zugleich ein Zerfließen statt: in kurzen, solistischen Strudeln bis hin zu den Trikots der Tanzenden, deren eng anliegender Stoff sich immer wieder wie ein amorphes Gewebe über die Arme, über die Körper hinaus, in die Länge zieht. Als wolle sich etwas aus einer Haut befreien, die zwar Schutz, aber auch Beengung ist.

Peitschende Musik

In gewisser Weise gilt das für „See Blue Through“ selbst. Ist das sich häutende Zerfließen doch keines, das in irgendeine Tiefe geht, in einen Strudel lockt. Veldmans Choreografie zelebriert eine tänzerische Geometrie ganz auf ästhetisch gewohnter Linie. Das ist nicht frei von einer gewissen Suggestionskraft, entbehrt zugleich aber der Reibung, der Gegenströmung des Dramatischen.

Wäre da nicht die Musik. Es liegt an Alfred Schnittkes famoser „Sonata für Violine und Kammerorchester“ mit ihrer hitzig-kalten, hypnotisch-harschen Rhythmik, dafür zu sorgen, dass „See Blue Through“ weit über die Harmonie tänzerisch-konventioneller Schönschrift hinaus schwingt. Es ist eine Musik, die die Tanzenden, die die Choreografie oft weniger an-, als vielmehr vor sich her peitscht. Dank der Musik blitzt in den eleganten Gruppenlinien, die Veldman in der Raumtiefe bewegt, Momente dunkler Bodenlosigkeit auf.

Genau das setzt sich im zweiten Stück gekonnter fort. Im titelgebenden „TOOT!“ ist das lautmalerisch clowneske Tröten durchaus ernst zu nehmen. Zum einen, weil schon wieder die Tänzerinnen und Tänzer des Leipziger Balletts mit weißgeschminkten Clowns-Gesichtern auftreten müssen. Und zum anderen, weil hinter dem auch mal albernen Spaß, den diese Choreografie partiell verbreitet, ein ernster Hintergrund ebenso erkennbar wird wie im freundlichen Clowns-Gesicht die groteske Fratze.

Neben der Spur

Wo „See Blue Through“ choreografisch die Linien im Raum und zwischen den Körpern zeichnet, öffnet „TOOT!“ das Rund einer Zirkusmanege und ermöglicht in dieser die Zirkulation die Gruppendynamik einer In-der-Reihe- und Aus-der-Reihe-Tanzens. Nach dem Stück auf Linie folgt jetzt also eines, das sich auch mal neben der Spur bewegt. Und das just zu Schostakowitschs Jazz-Suite Nr. 2, die zudem mit Musik des Balanescu Quartets durchsetzt ist.

Eine kluge Kombination. Zu Schostakowitschs eher an Varieté- und Filmmusik geschulten Melodien gesellt sich mit Balanescu-Stücken wie „Chain“ oder „Lumnitza“ eine sphärischere, dunklere Färbung, die wiederum auf Schostakowitsch verweist.

An der Oberfläche zeigt dieses Stück eine Art ironisierenden Zirkus- oder Varieté-Klamauk. Da gibt es Zeitlupenparts synchroner Gruppenbewegungen, die wie gegen Tempo und Habitus der Musik gebürstet wirken. Oder die absurden Bemühungen um ein „Gleichtanzen“ unter der Führung eines mit Megaphon ausgestatten Ober-Clowns. Sogar eine Wasserpistolenschießerei wird geboten. Und man kann das alles lustig oder auch nur albern finden, kann das gelegentlich humpelnde Timing benörgeln oder ein paar schöne, auch solistische Miniaturen genießen.

Und insgesamt wäre all das ein solides, kurzweiliges Vergnügen. Aber setzt man diese Choreografie nur einen Moment in einen Kontext zu Schostakowitschs Musik und deren Entstehungszeit 1938, kann es passieren, dass man plötzlich etwas Gespenstisches sieht: nämlich das böse Scherzo zur Großen Säuberung. Den Terror als Wasserpistolenballett, die kleine Polka der Gleichschaltung und Menschenträume als Clowns-Nummern im Walzertakt.

Zielt die Inszenierung bewusst darauf ab – oder wirkt es als spukgleiche Eigendynamik? Das Publikum jedenfalls applaudiert begeistert.

Wieder: am 1. Juli sowie am 21. September und 21. November, jeweils 19.30 Uhr (die Vorstellung am 7. Oktober entfällt ersatzlos), Schauspiel Leipzig, Bosestraße 1; Karten (17 bis 46,80 Euro) gibt es in der Ticketgalerie in Leipzig (LVZ-Foyer, Peterssteinweg 19; Barthels Hof, Hainstraße 1), unter der gebührenfreien Telefonnummer 0800 2181050, auf www.ticketgalerie.de sowie beim Schauspiel Leipzig unter der Telefonnummer 0341 1268168

Von Steffen Georgi

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