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Kultur Regional Punktlandung im Gewandhaus – Besucherzahlen und Einnahmen steigen
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18:10 11.04.2018
Der Herr der Zahlen: Gewandhaus-Verwaltungsdirektor Gereon Röckrath. Quelle: Dirk Knofe
Leipzig

 Gereon Röckrath, Jahrgang 1959 und seit 2014 Verwaltungsdirektor des Gewandhauses, weiß, wo sein Platz ist: „Unsere Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass die Visionen, die die künstlerische Leitung des Gewandhausorchesters entwickelt, im Einklang mit den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen verwirklicht werden.“ Der Mann der Zahlen am Augustusplatz lässt keine Gelegenheit aus, sich als Dienstleister der Kunst zu präsentieren, als Ermöglicher mithin, nicht als einer, der die Kunst als Vehikel guter Zahlen sieht. Und so trägt er auf der Barlach-Ebene seine Wirtschaftszahlen zwar mit geradezu leidenschaftlicher Begeisterung vor, lässt aber keinen Zweifel daran zu, dass für ihn nur jene Zahlen sexy sind, die der Musik helfen, die für ihn „als kulturelles Grundnahrungsmittel für die Kulturbedürftigen in Leipzig unbedingt zur kommunalen Daseinsvorsorge gehört“.

Dass die Stadt sich zu dieser Aufgabe bekennt, kehrt Röckrath gleich mehrfach dankbar hervor – und hat allen Grund dazu: „Durch die Finanzierungsvereinbarung können wir uns darauf verlassen, dass bis 2020 die Stadt 100 Prozent der durch Tariferhöhungen steigenden Personalkosten übernimmt. Das ist für uns dringend notwendig, weil wir auf viele Jahre im Voraus planen und Sicherheit brauchen – aber eine Selbstverständlichkeit ist es nicht.“

Die Personalkosten machen naturgemäß den größten Teil des Gewandhaus-Etats aus: Gut 26 Millionen Euro kosteten 2017 die 183 Musiker- und 84 Verwaltungs- sowie Technik-Planstellen, rund 500 000 mehr als 2016, und für 2018 wird diese Summe durch eingeplante Tariferhöhungen von 2,5 Prozent weiter ansteigen. Röckrath: „Wenn wir das selbst auffangen müssten, würden wir in einen Teufelskreis geraten: Wir könnten weniger spielen, hätten dadurch geringere Erlöse und so fort.“

Das Gewandhaus kann sich, sagt Röckrath, also auf die Stadt verlassen. Aber umgekehrt gilt das ebenso: Ins Wirtschaftsjahr 2017 fiel die erste Hälfte der Jubiläums-Saison 275 Jahre Gewandhausorchester, überdies der Amtsantritt des neuen Gewandhauskapellmeisters Andris Nelsons. Weil beides hinreichend gefeiert werden sollte, hatte der Stadtrat dem Gewandhausorchester einen Haushalt mit einem Fehlbetrag von 80 000 Euro genehmigt – auszugleichen aus Gewinnen vergangener Jahre. Dazu allerdings ist es nicht gekommen. De facto schloss das Orchester mit einem Überschuss von 59 000 Euro gegenüber seinem Haushaltsplan ab. Für Röckrath eine Punktlandung: „59 000 Euro, das ist angesichts eines Jahresetats von 41  Millionen eine verschwindend kleine Summe. Und so soll es sein. Wir sind ein gemeinnütziges Unternehmen. Es geht also nicht darum, möglichst hohe Gewinne zu erwirtschaften, sondern darum, mit den uns zur Verfügung gestellten Mitteln möglichst viel Kunst zu ermöglichen. Je näher das Ergebnis an plus/minus Null herankommt, desto besser haben wir gearbeitet.“

Dass am Gewandhaus gut und wirtschaftlich gearbeitet wird, zeigt indes nicht nur das Jahresergebnis. Das zeigt in noch höhrem Maße die Eigenfinanzierungsquote von rund 50 Prozent im Wirtschaftsjahr 2017: 20,3 Millionen Euro erhielt das Gewandhaus an Zuwendungen, 20,5 Millionen erwirtschaftete es selbst über den Kartenverkauf (5,7 Millionen), das Vermietungsgeschäft (1,5 Millionen), Sponsoring (1,8 Millionen) oder Gastspiele (1,9 Millionen). Im Wirtschaftsjahr 2016 lag die Eigenfinanzierungsquote noch bei knapp 52 Prozent – was indes nicht bedeutet, dass die Zahlen sich verschlechtert hätten, sondern zusammenhängt mit der Verschiebung zwischen dem Wirtschaftsjahr, das kalendarisch von Januar bis Dezember gerechnet wird, und den Spielzeiten, die von August oder September bis Juni oder Juli laufen. So fallen die Sondereffekte der Gewandhaus-Festtage zum Jubiläum und zur Amtseinführung Andris Nelsons’ erst ins Kalenderjahr 2018.

Gleiches gilt für die Besucherzahlen: 459 558 Besucher (2016: 429 117) zählte das Gewandhaus 2017 bei 663 (653) Veranstaltungen, von denen 302 (315) eigene waren und 361 (338) Vermietungen. Kerngeschäft sind dabei natürlich die 61 Großen Concerte (68), zu denen 108 224 Besucher kamen (120  098), was einer spektakulär guten Auslastung von 95,6 Prozent (95,7) entspricht. Es besteht also insgesamt kein Grund mehr zu der Sorge, das Publikum könnte fernbleiben, weil Andris Nelsons mehr Moderne ansetzt als seine Vorgänger. Die Abonnements-Zahl ist sogar leicht um 69 auf 12 483 gestiegen. Röckrath: „Ich werte dies als Vertrauensvorschuss von Seiten des Publikums. Die Leipziger gehen offenbar davon aus, dass das, was der neue Gewandhauskapellmeister macht, schon von so hoher Qualität sein wird, dass es sich lohnt, dabei zu sein.“

Für 2018 hat der Stadtrat wegen des Jubiläums und der Nelsons-Einführung wieder ein negatives Betriebsergebnis in Höhe von 318 000 Euro genehmigt, das das Gewandhaus aus eigenen Mitteln ausgleichen darf. Nach den Erfahrungen mit den Festwochen im Februar und März stehen die Chancen nicht schlecht, dass es dazu erneut nicht kommen wird. Für 2018 plant Röckrath mit einem Eigenfinanzierungsanteil von 51,7 Prozent.

Von Peter Korfmacher

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