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16:39 05.07.2018
Feridun Zaimoglu am Mittwochabend bei der Eröffnung der 42. Tage der deutschsprachigen Literatur im ORF-Theater in Klagenfurt am Wörthersee Quelle: ORF/Puch Johannes
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Leipzig

Der Satz des Tages steht am Donnerstag um 10.55 Uhr fest. Zumindest für Wolfgang Tischer, Chef des literaturcafe.de, der wieder live von den 42. Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt twittert. „Satz des Tages: Alle Männer sind Auffüllungstechniker. (Nora Gomringer)“. Er fiel in der ersten Diskussion des Tages über Raphaela Edelbauers Text „Das Loch“. Insgesamt 14 Autorinnen und Autoren lesen an drei Tagen in Hoffnung auf den Bachman-Preis.

Nora Gomringer ist, wie auch Insa Wilke, neu in der Jury und fiel mit einer dominanten Halskette auf. Jurysprecher Hubert Winkels wiederum irritierte mit einer neuen Brille, und Klaus Kastberger nutzt wohl den Rucksack vom vergangenen Jahr. Ja, auch solche Dinge binden Aufmerksamkeit, wenn die Fan- und Kritikergemeinde in sozialen Netzwerken live kommentiert, was noch bis Samstag live im ORF-Theater zu hören ist. Am Sonntag werden die Gewinner der insgesamt fünf Preise plus Klagenfurter Stadtschreiberstipendium verkündet.

Es ist noch nicht zwölf Uhr, als des beste erste Satz des Tages fällt. Zumindest für Juror Klaus Kastberger, der seinen „Privatpreis“ dafür vergibt, und zwar an Martina Clavadetscher: „Das letzte Schnappen macht den Unterschied.“ Oder jener Mittelsatz von Stephan Lohse: „Seine Mutter kaufte ihm ein Kaninchen für den Balkon, doch Mattes blieb homosexuell, aß weiterhin zu viel und begann zu kiffen.“

Begonnen haben diese Tagen der deutschsprachigen Literatur am Mittwochabend mit der Rede „Der Wert der Worte“ des Schriftstellers Feridun Zaimoglu, in der er so poetisch wie politisch den Werten das Wort redet. Über die Verlassenen (und oft genug Sprachlosen) der Gesellschaft spricht er: die Armen, Frauen, Fremden. Er benennt die Armenhasser, die Frauenhasser und die Fremdenhasser, den „Mauldreck“ der „neuen alten Patrioten“, den „Jammer des Reaktionärs“. Jeder Einflüsterer, sagt Zaimoglu, „presst sich die Totenmaske seines Helden aufs Gesicht“.

Der wahre Skandal ist für ihn „das Geschwätz vom großen Erwachen. Dies Wort hat keinen Wert. In diesem Wort verbirgt sich die böse Lust, Menschen Entartung anzudichten.“ Er weiß aber: „Es gibt kein Alleinsein, und nicht das Schweigen, noch die Stille übertreffen die Worte.“ Jene, die schreiben, lesen, kämpfen, „stehen bei den Verlassenen“. Hier sagt er: „wir“.

Sieben Juroren analysieren seit Donnerstagvormittag Sprache, Logik, Setting, Textaufbau, Dialoge, Erzählperspektiven, Figuren – kurz: sie sprechen über Literatur. Gute und nicht ganz so gute. Sie tun dies auch für die Lesenden, eine „immer kleiner werdende große Gemeinde“, wie Zaimoglu in der Mittagspause sagte. Darum lohnt es sich, die Diskussionen im Livestream oder auf 3sat zu verfolgen. Es lohnt sich, die Texte auf der Website nachzulesen. Es lohnt, sich auf Twitter Pointen servieren zu lassen – damit Menschen, Sprache und Geschichten nicht zu kurz kommen.

Rede, Texte, Infos, Livestream: bachmannpreis.orf.at

Wettlesen um den Bachmann-Preis

Bei den 42. deutschsprachigen Literaturtagen in Klagenfurt wollen 14 Autoren den Bachmann-Preis gewinnen. Am Mittwochabend wurde die Veranstaltung mit einer Rede des Schriftstellers Feridun Zaimoglu eröffnet. Die 14 Autoren tragen ihre Texte seit Donnerstag in einer ausgelosten Reihenfolge vor. Am Sonntag wird der renommierte, nach der Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (1926–1973) benannte Preis an den Sieger vergeben. Im vergangenen Jahr gewann Ferdinand Schmalz den mit 25 000 Euro dotierten Literaturpreis.

Aus Deutschland nehmen neun Schriftsteller teil. Der bekannteste ist Bov Bjerg, der 2015 mit seinem Roman „Auerhaus“ bereits einen großen Erfolg verbuchte. Die weiteren deutschen Teilnehmer sind Stephan Groetzner, Ally Klein, Stephan Lohse, Jakob Nolte (alle Berlin), Joshua Groß (Nürnberg), Lennard Loß (Frankfurt am Main), Anselm Neft (Hamburg) und die hauptberufliche Zahnärztin Corinna T. Sievers, die in Herrliberg am Zürichsee lebt.

In diesem Jahr nicht mit dabei sind Meike Feßmann und „Erfolgsjurorin“ Sandra Kegel, die in den vergangenen drei Jahren jeweils den späteren Bachmann-Preisträger zum Wettbewerb eingeladen hatte. Die Lyrikerin Nora Gomringer, Leiterin des Künstlerhauses Villa Concordia in Bamberg und Gewinnerin des Bachmann-Preises 2015, gehört neu der Jury an. Ebenso Literaturkritikerin Insa Wilke.

Von Janina Fleischer

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