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Kultur Regional Lindy Hume inszeniert, Matthias Foremny dirigiert, und Wallis Giunta singt Carmen
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01:52 01.12.2018
Eine andere Carmen macht noch keine andere „Carmen“: Wallis Giunta in der Titelrolle von Georges Bizets Meisterwerk. Quelle: Leipzig report
Leipzig

Carmen ist anders. Schon äußerlich setzt sich Wallis Giunta mit hellem Teint und langen roten Haaren vom Zigeunerinnen-Klischee ab, das sich wie Mehltau auf diese Partie gelegt hat. Und diesen Umstand nutzt Regisseurin Lindy Hume für ihre Leipziger Neuproduktion von Bizets Meisterwerk: Ihre Carmen soll keine Männerverderberin sein, sondern eine verletzliche Seele, eine selbstbestimmte Frau mit dem unbedingten Willen zur Freiheit.

Eher traditionell blicken Regisseurin Lindy Hume und Ausstatter Dan Potra auf Bizets Oper „Carmen“.

Eine sensationelle Neudeutung ist das freilich noch nicht. Aber wie Giunta dieser Schönen auf der Suche nach sich, der Liebe und dem Leben auf der Bühne zu Persönlichkeit verhilft, zu Glaubwürdigkeit und Tiefe, wie sie Blicke sprechen lässt und Gesten, wie ihr Körper bebt vor Zorn oder Verlangen, vor Stolz und Verzweiflung, vor Liebe und Übermut, das ist schon verdammt gut. Am besten vielleicht, wenn sie in den Karten liest, dass ausweglos der Tod naht – nur ein Grund mehr, dem einmal eingeschlagenen Weg zur Freiheit um jeden Preis weiter zu folgen, um nie und von niemandem besessen zu werden.

Eindrucksvolles Rollenporträt

Auch stimmlich ist Giunta eine andere Carmen. Heller ist sie timbriert als gewohnt, mädchenhafter, aristokratischer. Nicht die Klang gewordene Verlockung, sondern reflektierter, vielschichtig, sogar eine Spur intellektuell berechnend. Schön klingt er ohnehin, ihr präziser Mezzo: unten satt und oben strahlend, dabei beweglich und ungeheuer wandelbar. Ein so eindrucksvolles wie eindringliches Rollenporträt, gestaltet von einer erstklassigen Sängerdarstellerin.

Aber eine exzellente Carmen macht noch keine exzellente „Carmen“, eine andere noch längst keine andere. Und insgesamt fällt nach rund dreieinviertel Stunden das Fazit bestenfalls zwiespältig aus. Denn so sauber Hume die Charaktere baut, so glaubwürdig sie Leonardo Caimi den zur Übergriffigkeit neigenden Don José in sein Verderben stürzen lässt, dem virilen Escamillo Gezim Myshketas eine Seele in die Brust pflanzt, Olena Tokar als Micaële das Herz wärmen lässt, so ansprechend schließlich Dan Potras Kostüme sind und so tauglich seine Bühne ist mit den großen Mauern, die sich mal ins schwarze Nichts öffnen und mal keinen Ausweg mehr lassen als den Tod – die Binnenakte ziehen sich doch ungewohnt zäh in die Länge. Weil hier Traditionelles kippt ins Unerhebliche und Folkloristische.

Dass diesmal Hume und Potra nicht die musiktheatralische Dichte erreichen, die ihre bisherigen Leipziger Arbeiten auszeichnete, Donizettis „Don Pasquale“ und Rossinis „Cenerentola“, mag an der Fehleinschätzung liegen, dass „Carmen“ dadurch aus dem Klischee zu befreien sei, dass wer den Darstellern von Don José und Escamillo erklärt, es gehe nun nicht mehr männliche Macht, Verfallensein, um erotische Hörigkeit, sondern um Stalking. Das ist nicht mehr als ein neues Wort für die alte Folge des immer gleichen Phänomens, das Schwäche in Gewalt münden lässt.

Musikalische Defizite

Problematischer allerdings sind die Defizite in der musikalischen Qualität. Zwar agiert Giunta auf ihrem anderen Gipfel keineswegs allein, schillern Sandra Maxheimer und Bianca Tognocchi als Mercédés und Frasquita um die Wette, ist Myshketa ein streckenweise höchst eindrucksvoll prunkender Torero, sind Schmuggler und Soldaten mit Johnathan Michie, Sejong Chang und Kollegen durch die Bank gut besetzt. Aber ausgerechnet Leonardo Caimis wunderbarer Tenor zeigt ungewohnte Defizite.

Wahrscheinlich ist er indisponiert. Anders ist kaum zu erklären, dass der Sänger, der Leipzig einen fabelhaften Calaf schenkte und schenkt, als Premieren-Don-José erstaunlich oft mit der Höhe kämpft, dabei die Stimme verengt – und dann bei der Intonation schlampt. Das ist doppelt schade, weil einerseits sein Timbre, der Charakter und die Geschmeidigkeit seiner Stimme wie geschaffen sind für diese Partie und auch immer noch für viel Schönes und zu Herzen Gehendes gut sind, er andererseits in den Ensembles mit seinen Unsauberkeiten aber auch abfärbt auf andere. Zum Beispiel im ersten Duett auf Olena Tokar, deren grandiose Stimme für Micaëla ohnehin vielleicht bereits mehr als eine Spur zu groß ist.

Auch der von Thomas Eitler-de Lint präparierte Chor lässt sich trotz schöner Momente, trotz durchschlagender Autorität der Männer und sinnlichem Glanz der Frauen mehr als einmal in den Intonations-Strudel ziehen und ist, schlimmer noch, nur in Ausnahmefällen wirklich präzise zusammen mit sich selbst und dem Gewandhausorchester im Graben.

Mit angezogener Handbremse

Dort laufen die Fäden bei Matthias Foremny zusammen, und auch dessen Bilanz fällt zwiespältig aus. Sänger lieben diesen Kapellmeister, weil er mit ihnen atmet, für sie gestaltet, sie auf Händen trägt. Bei dieser neuen „Carmen“ allerdings erfüllt die Sängerfreundlichkeit auf weiten Strecken den Tatbestand der Orchesterverleumdung. Tief unten im Graben versenkt und mit angezogener Handbremse bekommen die Gewandhäusler viel zu selten die Gelegenheit, sich freizuspielen, mit ihren Farben zu trumpfen, mit ihrem Samt, ihrer Bronze, ihrer Kraft. Gewiss: Foremny mischt immer wieder betörende Pastell-Töne ab, tupft delikate Holzbläser-Akzente in den Raum, lässt Streicherflächen verführerisch schillern, zieht aparte Mittelstimmen ein. Aber erstens reißen einzelne Musiker derlei zarte Gespinste mit unsauberen, bisweilen auch unsäglichen Tönen wieder ein, und zweitens ist „Carmen“ zwar eine unendlich kostbare, subtile, reiche und elegante, aber nun wirklich keine vornehmlich wohlanständige Andante-Mezzoforte-Partitur.

Abgerechnet wird beim Applaus. Der fällt, abgesehen von einem einzelnen Buh fürs Inszenierungsteam, mittellang und freundlich aus. Für eine neue „Carmen“ reicht das nicht. Dieser musikalische und dramaturgische Kehlenklammer mündet entweder in entfesselten Jubel, oder es ist ganz grundsätzlich etwas faul.

„Carmen“ in der Oper Leipzig: Vorstellungen: 15., 22., 27. Dezember, 2., 23. Februar, 23. März; Karten (15–78 Euro) erhalten Sie u.a. bei der Ticketgalerie im LVZ Foyer, Peterssteinweg 19, im Barthels Hof, Hainstr. 1, in unseren Geschäftsstellen, über die gebührenfreie Ticket Hotline 0800 2181050 unter www.ticketgalerie.de oder an der Opernkasse sowie unter Tel. 0341 1261261.

Von Peter Korfmacher

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