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Kultur Regional Lisa Stansfield mit souligem Pop in Leipzig
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00:30 09.05.2018
Lisa Stansfield im Haus Auensee in Leipzig. Quelle: André Kempner
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Leipzig

Lisa Stansfield hat wirklich eine Meise. Die Sängerin trägt sie am Freitagabend im bis auf den letzten Sitzplatz ausverkauften Haus Auensee seitlich im Haar, da wo ihre tolle Tolle so eine kleine Drehung macht und sich das Vögelchen schön anhuscheln kann.

Aber halt mal: Sitzplatz? Bei der „British Queen of white Soul“? Bei diesem sexy Disco-Soul-Pop, zu dem sich Stansfield einst im Video von „Never, Never Gonna Give You Up“ nackt durch London räkelte, der also wenn nicht zum Tanzen, dann doch eher zum, sagen wir: Liegen als zum Sitzen verführt? Könnte problematisch werden.

Viertel neun klatscht das ungeduldige Publikum erstmal das Saallicht aus, und 1, 2, 3... neun Leute entern die Bühne. Klar, Schlagzeug, Percussioninsel, Gitarre, Bass, Trompete, Querflöte, Saxophon, Gesangsmikros und zwei Keyboards sollen ja nicht umsonst aufgebaut sein. Die Band legt schnell einen weichen, leichten Teppich auf den Dancefloor. Die sonnenbebrillte Background-Sängerin fängt sofort mit dem Linke-Schulter-rechte-Schulter-Schwung an, der von ihrem Berufsbild erwartet wird (hier in Perfektion mit dem wechselhändigen Schnipp dargeboten), lange bevor sie den ersten Ton von sich gibt.

Federleicht wie die Meise

Dann tritt Nummer 10 auf, wobei der Jubel verrät, dass es Nummer 1 ist: Lisa Stansfield ist in weiter glänzender Hose und schmalem Blazer selbst so schmal, dass man sie hinterm Mikroständer kaum sieht. Vielleicht läuft, hüpft, springt, tanzt sie deshalb den ganzen Abend über die Bühne, vorwärts, rückwärts, seitwärts. Und die Leute müssen dabei sitzen!

Tun sie natürlich nicht, was wiederum die armen Security-Menschen zum hoffnungslosen Tänzchen herausfordert: „Setzen Sie sich bitte wieder hin. Oder stehen Sie vor ihrem Stuhl. Aber lassen Sie die Gänge frei.“ Das erwachsene Publikum versucht sich im Zaum zu halten. Schöne Sitztanzverrenkungen gibt es so zu sehen. Und wie galant manch älterer deutscher Herr sich doch bewegen kann!

Stansfield beginnt mit zwei Songs vom gerade erschienenen Album „Deeper“, das gut die Hälfte des Konzerts ausmacht. Um dieses Gerüst bauen Sängerin und Band Songs aus fast 30 Jahren, dabei aber die letzten drei Alben links liegen lassend. „Gerüst“ und „bauen“ sind aber ganz falsche Wörter, denn Stansfields souliger Pop ist zumeist so federleicht wie die Meise in ihrem Haar.

„95 Prozent der Frauen im Saal fühlen sich jetzt schlecht“

Schon bald ermutigt sie die bereits Aufgestandenen und die noch Hadernden im Saal: „If you want to dance: dance!“ Sagt es und lässt mit ihrem Barry-White-Cover „Never, Never Gonna Give You Up“ eh keine andere Wahl. Immer wieder beeindruckend, wie sie Whites männliche Sexyness in ihre eigene übersetzt. Apropos: Während in „Hercules“ der Percussionist mit einem Bienenkorb rumhantiert, legt Stansfield das Sakko ab und damit sich im roten Hemdchen frei. „95 Prozent der Frauen im Saal fühlen sich jetzt schlecht“, murmelt eine junge Frau in Reihe 5, um sich sofort zu korrigieren: „99!“

Stansfield sieht nicht mehr aus wie 30 oder 40, so hager, wie sie ist, vielleicht sogar ein bisschen älter als 52 – aber sie versprüht eine Selbstverständlichkeit und Körperlichkeit, die schwer zu fassen sind. Sie ist nicht „natürlich“ oder „authentisch“ oder „ganz sie selbst“ auf der Bühne, nein: Sie inszeniert sich flirtend und räkelnd für ihr Publikum. Echt ist das alles nicht, aber eben auch nicht falsch. Stansfield füllt ihre Künstlichkeit aus – ein bisschen wie David Bowie, der ja auch in keiner seiner tausend Rollen je verkleidet wirkte.

Gesang wird zum Sport

Leider tappt Stansfield aber gemeinsam mit ihrer Background-Sängerin in die Falle, die Funk- und Soul-Bands ihren Sängern und Sängerinnen gern aufstellen: Um gegen die schneidenden Bläsersätze, dieses Trompeten-Geflatter und Saxophon-Geheule, anzukommen, wird Gesang zu Sport, Gefühl zu Gebrüll und damit smoother Soul zu fast schon kantigem Disco-Pop.

Aber Songs wie „Real Love“ und „Change“ sind über alles erhaben, werden frenetisch bejubelt. Das nur mit Cajon und Akustikgitarre vierstimmig gebrüllte „So Natural“ bietet vor allem die Frontansicht der sonst nur von der Seite zu bewundernden Frisur des Keyboarders. So einen prächtigen lockigen Vokuhila hat man zuletzt auf Panini-Fußballbildchen in den 80ern gesehen. Wahnsinn.

„All Woman“ haucht Stansfield über zartes Schlagzeug-Zischen und synthetische Streicher – und man fragt sich, warum diese Frau noch nie einen James-Bond-Song gesungen hat. Zumal ihr 89er Super-Hit, zweifelsohne auch der Höhepunkt des Konzerts in Leipzig, „All Around the World“ heißt. Und das klingt ja nun wirklich nach einem 007-Titel.

Von Benjamin Heine

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