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Kultur Regional Lofft Leipzig: Getanzte Gesellschaftskritik
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15:31 23.05.2018
Pyjama, Spitzenbody oder lieber gleich nackt? Zsuzsa Rózsavölgyi beschäftigt sich in ihrer Performance „1,7“ damit, wie der weibliche Körper heute gesehen wird. Quelle: Foto: Gabor Dusa
Leipzig

Die Tänzerin Zsuzsa Rózsavölgyi erinnert sich noch genau an den Moment, an dem sie sich zum ersten Mal für ihren Körper geschämt hat. Da war sie Teenager. „Mein Onkel machte Witze darüber, dass die Brüste meiner Schwester anfingen, größer zu werden, und meine nicht“, erinnert sie sich. Es sei hart gewesen sich zu entscheiden: Ist es schlimmer, wachsende oder nicht-wachsende Brüste zu haben?

Heute ist Rózsavölgyi mit sich im Reinen. Doch sie weiß: Viele Frauen fühlen sich unter Druck gesetzt, von Medien und Werbung, von klassischen Rollenbildern und Traditionen. Die Tänzerin beschäftigte das so sehr, dass sie eine Solo-Performance zum Thema choreographierte. Donnerstagabend wird sie gemeinsam mit dem Stück „Between The World And Me“ von Valencia James im Rahmen des „Off Europa“-Festivals im Lofft gezeigt.

Rózsavölgyi spielt mit Klischees, steht mal im Einhorn-Pyjama, mal in hochhackigen Stiefeln auf der Bühne. Quelle: Gabor Dusa

Rózsavölgyi setzt sich in „1,7“ spielerisch damit auseinander, wie der weibliche Körper heute wahrgenommen wird. Sie fragt dabei auch, ob Frauen ihre Fähigkeit, Kinder zu bekommen, in den Dienst der Gesellschaft stellen sollten, um die Geburtenrate zu erhöhen. Daher auch der Titel des Stücks: Bekommt jede Frau durchschnittlich 1,7 Kinder, schrumpft die Bevölkerung nicht. „Ungarn ist weit unter dieser Zahl“, sagt Zsuzsa Rózsavölgyi. Wird Europa irgendwann aussterben? Und sollten Frauen etwas dagegen tun? Die Frage beschäftigt die Künstlerin, aber nicht allein diese.

Auch Rózsavölgyi stößt bei der Performance an ihre Grenzen

Die Tänzerin, die unter anderem in Salzburg und Brüssel Tanz studiert hat, ist schon lange wütend über die Darstellung von Frauenkörpern in Medien und Werbung. „In den Medien sehen alle Frauen gleich aus: große Augen, volle Lippen, kleine Nase. Schlank sind sie und jung. Ich würde gerne das ganze Spektrum von Weiblichkeit in den Medien sehen“, sagt Rózsavölgyi.

Zeitgenössischen Tanz sieht sie als eine Art Gegenpol: „Tänzer sind sehr natürlich. Haben Sie schon mal eine zeitgenössische Tänzerin mit Silikon im Körper gesehen? Dann könnte sie ihren Job nicht mehr machen.“

In ihrem Solo trägt die Künstlerin mal einen kuschligen Pyjama mit Einhorn-Aufdruck, mal einen sehr knappen, sehr durchsichtigen Body aus schwarzer Spitze, mal einen Leoparden-Overall zu hochhackigen Stiefeln. Sie spielt mit Klischees und Erwartungen. Und merkte bei der Vorbereitung doch auch, wie sehr sie selbst den Schönheitsidealen von heute unterworfen ist: „Ich wollte bei dieser Performance als eine Frau auf der Bühne stehen, die zu 100 Prozent natürlich ist“, erzählt sie.

Dafür ließ sie ein Jahr lang alle Haare an ihrem Körper wachsen. „Ich begann, meine Körperbehaarung zu lieben. Gleichzeitig schäme ich mich, ins Schwimmbad zu gehen oder ärmellose Tops zu tragen. Also tue ich es nicht.“ Das sei absurd, sagt sie.

Valencia James hatte in Ungarn fast täglich mit Rassismus zu kämpfen. Ihre Erfahrungen sind Thema der Performance „Between The World And Me“. Quelle: Roland Szabo

Auch Valencia James beschäftigt sich mit gesellschaftlichen Klischees, allerdings mit rassistischen. Die Tänzerin stammt von der Karibikinsel Barbados, vor elf Jahren zog sie der Liebe wegen nach Budapest. Dort merkte sie: „Plötzlich war ich nicht mehr Valencia, eine leidenschaftliche Tänzerin und stolze Barbadierin, sondern ein ,negro girl’, ein laufender Schokoriegel.“ Vielen sei nicht bewusst, wie verletzend rassistische „Mikro-Aggressionen“, wie James es nennt, seien, sagt die Tänzerin. „Aber diese Mikro-Aggressionen basieren auf systematischem Rassismus.“

Lange habe sie überlegt, ihre Erfahrungen in einer Performance zu verarbeiten. Den letzten Anstoß gab das Buch „Between The World And Me“ von Ta-Nehisi Coates, der darin seine Erfahrungen als Farbiger in den USA beschreibt. James, die unter anderem Modern Dance an der Ungarischen Tanzakademie studiert hat, glaubt daran, „dass Kunst zu sozialen Veränderungen führen kann“, wie sie sagt. Künstler hätten auch die Pflicht, ihre Zeit zu reflektieren, betont die Tänzerin.

James lebt heute nicht mehr in Ungarn

Valencia James positioniert sich auch außerhalb ihrer Tanzperformances politisch. In einem im April veröffentlichten Video setzt sie sich nacheinander eine schwarze Kapuze, ein Kopftuch und einen Turban auf, fragt den Zuschauer: „Hast du Angst vor mir?“ und gleich danach: „Warum erlaubst du anderen, dir vorzuschreiben, vor was oder wem du dich fürchten sollst?“ Das Video ist untertitelt mit: „Meine Antwort auf die rassistische, furchteinflößende Propaganda gegen Flüchtlinge und Farbige der aktuellen ungarischen Regierung.“ Mittlerweile lebt James nicht mehr in Ungarn.

James und Rózsavölgyi brennen für ihre Themen, beide nutzen in ihren Stücken auch Sprache und Schauspielerei, um sich auszudrücken. Sie wollen etwas verändern. Damit sich künftig keine junge Frau mehr mit Witzen über ihre wachsenden oder nicht-wachsenden Brüste herumschlagen muss.

INFO: „1,7“ und „Between The World And Me“, Donnerstag, 20 Uhr, Lofft, Lindenauer Markt 21, Karten für 14/10 Euro: 0341 35595510, http://www.lofft.de/web/kalender.php

Von Sophie Aschenbrenner

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