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Kultur Regional Lyambiko mit „Love Letters“ in der MuKo
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00:34 25.04.2018
„Jazz am Freitag“ mit Lyambiko und ihrem Quartett in der Leipziger MuKo. Quelle: André Kempner
Leipzig

Er ist recht dünn, dieser rote Faden: Lyambiko, als Sandy Müller 1978 in Greiz geboren, hat auf dem Dachboden ihrer Schwiegereltern in der Schweiz eine „verstaubte Schachtel“ mit in den 30ern und 40ern geschriebenen Liebesbriefen ihrer Schwieger-Großeltern gefunden. Und die inspirierten sie zu ihrer aktuellen CD „Love Letters“. Weil es doch, führt sie in der MuKo aus, wo sie am Freitagabend mit dem gleichnamigen Programm vorstellig wurde, „toll ist, dass wir mit diesen Briefen teilhaben können an der Liebe, am Werben des Großvaters um die Großmutter“.

Können wir nicht. Denn natürlich verliest diese grandiose Stimme des deutschen Jazz diese Briefe nicht, das wäre allzu indiskret. Und natürlich hat sie sie auch nicht vertont, das wäre zu billig. Vielmehr geben die „Love Letters“ dem knapp zweieinhalb Brutto-Stunden dauernden Frühlingsabend die Stimmung vor: Schwärmerisch, verliebt, zärtlich ist sie, und weil das Liebespaar, das sich die Briefe schrieb, in der Schweiz lebte, auch beherrscht bis entspannt.

Zweimal sieben Titel nebst Zugabe (großartig und ganz ohne Mikro: „Answer Me“ auf den Spuren Nat King Coles) präsentiert die schöne Thüringerin mit den tansanischen Wurzeln in der Musikalischen Komödie. Oder besser: Sie steht vorn, während sie und ihr fabelhaftes Quartett auf Augenhöhe die Standards und Eigenkompositionen präsentieren. Denn dass Jazz am besten ist, wenn er demokratisch musiziert wird, das zeigen Lyambiko am Mikro, Marque Lowenthal am Flügel, Robin Draganic am Bass, Tilman Person am Schlagzeug und Martin Auer an Flügelton und Trompete vom ersten Ton an: „Star Eyes“ von Gene de Paul und Don Raye, bekannt gemacht durch die große Sarah Vaughan.

Die eigenen Titel sind die besten

In deren Fußstapfen bewegt Lyambiko sich noch häufiger an diesem traumschönen Abend. Und sie vermag sie auszufüllen. Denn auch sie ist eine sozusagen wohltemperierte Sängerin. Sie bedarf der Extreme nicht, braucht kein Geschrei und kein stratosphärisches Zwitschern. Aus den Ebenen von Alt und Mezzo heraus durchmisst sie gesangliche Landschaften. Ihre Kunst offenbart sich im Detail, in den immer wieder neuen Farben, die sich vorbeischieben am Raspel der Stimme, in der Intensität, mit der sie selbst in abgenudelten Standards wie „Sometime My Prince Will Come“ noch Leben findet, mit der sie zornigen Eigenkompositionen wie „Restless“ Nachdruck verleiht. Von ihr profitieren federleicht-trickreiche Nummern wie Draganics „Summer Morning“ oder der wunderbare Reggae „Things Are Looking up Again“ aus Lowenthals Feder.

Überhaupt sind die eigenen Titel die besten dieses feinen Konzerts. Weil ihnen die Hingabe ihrer Urheber noch zusätzlichen Nachdruck verleiht – obschon Lowenthal bei seinen eigenen Kompositionen überraschenderweise Noten aufs Pult stellt, die er sonst nicht braucht. Aber die sparsame Dichte seines nicht übermäßig virtuosen, aber ungeheuer intelligenten Spiels auf dem eher matt klingenden und etwas nachlässig intonierten Blüthner wirkt hier noch intensiver als auf dem bestens abgesicherten Standard-Terrain.

Draganic presst den Bass bei seinen Komposition noch dichter an sich, derweil er ihn singend mit ihm tanzt. Und Lyambiko wirkt noch eine Spur freier, lässiger, beseelter, wenn sie nicht die Interpretationsgeschichte des Great American Songbook hinter sich hermarschieren fühlt.

Vollständig angeberfreie Zone

Tilman Person an der Schießbude ist ein gleichbleibend faszinierender Becken- und Besen-Magier, der mit gleicher Souveränität an der Grenze zum Rock operiert, wie er auf den Spuren Trilok Gurtus zu scatten vermag. Und Martin Auer, seit 2008 unterrichtet er Jazz-Trompete an der Leipziger Hochschule für Musik und Theater, bildet an Trompete und Flügelhorn mit subtil ausbalancierten Solos, mit filigranen Mittelstimmen und delikaten Girlanden das Gegengewicht zu Lyambikos so beseeltem wie beseelendem Gesang.

Gemeinsam sind die fünf weit mehr als die Summe ihrer Teile, weil in dieser vollständig angeberfreien Zone Jazz sein darf, was Jazz sein muss: demokratisch und bebend vor Spontaneität, dabei elegant und leichtfüßig. Wunderbar.

Von Peter Korfmacher

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