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Kultur Regional Malerei lernt Laufen: Öl-auf-Glas-Kinoanimation „Die Odyssee“ entsteht in Leipzig
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14:02 29.01.2019
Arbeit an „Die Odyssee“ im Studio in Leipzig. Animatorin Urte Zintler mit Ralf Kukula, Geschäftsführer von Balance Film Dresden, an den Glasplatten. Quelle: André Kempner
Leipzig

Noch immer staunt Ralf Kukula ein bisschen über seinen eigenen Mut.„Wir sind schon etwas verrückt, so was zu machen“, sagt der Trickzeichner und Geschäftsführer von Balance Film Dresden. Das Verrückte heißt „Die Odyssee“ und ist die weltweit erste lange Öl-auf-Glas-Animation. Die Idee kam aus Frankreich, Europas führendem Animationsland. Auf die Filmfirma aus Dresden wurde Produzentin Dora Benousilio (Les Films de l’Arlequin Paris) durch die „Sandmanzen“ (lange Sand-Animation) aufmerksam. „Sie suchte ein Studio, das nicht so im Mainstream arbeitet“, sagt Ralf Kukula, der „Sandmanzen“-Regisseur. Nun ist „Die Odyssee“ erneut ein kleines Experiment.

Gemalt, getupft, gewischt und erneut gemalt wird analog auf vier Glasplatten: Hintergrund, Vordergrund, Effekte, animierte Figuren. Jede neue Bewegung nimmt eine darüber hängende Kamera in drei, vier Bildern auf. Ein mühseliges Arbeiten. Ein Geduldsgeschäft. Vier Bilder pro Stunde müssen geschafft werden. „Je kleiner die Figuren, desto mehr schafft man“, sagt Zeichnerin Urte Zintler, die in Luxemburg (Trickfilm) und an der Leipziger HGB (Druckgrafik) studiert hat. „Damit die Bilder auch funktionieren, muss man die Bewegung im Kopf haben.“

„Wir arbeiten mit hohem Risiko“

Sagt sich so leicht. Doch wenn in dieser Animations-Technik ein kleiner Fehler auftritt, muss alles neu gemacht werden. „Wir arbeiten mit hohem Risiko“, meint Ralf Kukula nüchtern. Dazu gehören auch die Glasplatten. Die kleinste Rille – und eine neue muss her. So sorgt Produktionsleiter Karsten Matern immer für eine gewisse Anzahl von vorrätigen Glasplatten. Immerhin stellt Balance Film für den 80 Minuten langen Film 16 Minuten her – in einem ehemaligen Fotolabor im Leipziger Tapetenwerk. Letztes Jahr wurden die kargen Räume, Lützner Strasse, angemietet, im April begann die Arbeit, die bis zum Frühsommer geht. Die Musik komponiert Philipp Kümpel („SoKo Leipzig“) aus Leipzig, das Sounddesign bastelt Klangfee in Halle. So bleibt ein Hauptteil der Postproduktion bei Balance Film.

Bei drei Millionen Euro liegt das Budget für „Die Odyssee“. Für Ralf Kukula eine Low-Budget-Produktion, „Ooops! Die Arche ist weg“ kostete über acht Millionen. Trotzdem ist die Liste der Geldgeber lang, auch Tschechien ist ja mit einem Studio dabei. Mit im Boot: Arte, der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR), die Mitteldeutsche Medienförderung mit 260 000 Euro. „Wir sind froh, dass auch der MDR dabei ist“, sagt Ralf Kukula, obwohl „Die Odyssee“ zuerst der Kulturkanal Arte zeigen wird. Natürlich nach der Kinoauswertung, für die Produktionsleiter Karsten Matern mit Mitte 2020 rechnet. Farbfilm Berlin steht bereits als Verleih fest.

Die Idee zur„Odyssee“ (französisch: La Traversée) stammt von der Regisseurin Florence Miailhe und erzählt von einer Familie, die auf der Flucht nach Europa auseinander gerissen wird. Zwei Kinder irren auf der Suche nach den Eltern durch eine fremde Stadt, landen bei einer Bande und werden verhaftet. „Es ist ein fiktives Land“, sagt Ralf Kukula, „damit die Konflikte nicht an einen einzigen Ort festgemacht werden.“ Die französische Regisseurin Florence Miailhe, verheiratet mit einem Magnum-Fotografen, der einige Problemgebiete bereist hat, schaut in Abständen immer wieder mal in Leipzig vorbei. Fertige Sequenzen werden ohnehin auf einen Server hochgeladen, so dass sie immer sieht, was in Paris, Toulouse, Prag, Leipzig entstanden ist – und eventuell eingreifen kann. Das Storyboard bleibt eine klare Orientierung – und das lag vor Beginn aller Malarbeiten bereits vor.

Test mit der Regisseurin aus Frankreich musste absolviert werden

Für Aline Helmcke, die zweite Animatorin im Leipziger Balance-Studio, war „Die Odyssee“ spannend, weil sie nicht konventionell animiert wird. „Es ist ein wunderbarer Moment, wenn aus Farbtupfern und Strichen Bewegung entsteht. Danach wird man süchtig“, sagt die Glasanimatorin, die in Berlin bildende Kunst (Universität der Künste) studiert und am Royal College London ein Masterstudium Animation absolviert hat. Aline Helmcke und Urte Zintler sind – wie jeder Bewerber – vor der Verpflichtung für „Die Odyssee“ durch einen Test mit der Regisseurin aus Frankreich gegangen. Öl-auf-Glas-Animation, dafür ist nicht jeder geeignet.

Für die 1993 gegründete Balance Film aus Dresden ist „Die Odyssee“ ein kleiner Kraftakt. „Wir machen gerade zwei große Projekte parallel“, sagt Geschäftsführer Ralf Kukula. Das zweite heißt „Fritzi – Eine Wendewundergeschichte“, basiert auf „Fritzi war dabei“ von Hanna Schott und Gerda Raidt aus dem Leipziger Verlag Klett Kinderbuch und erzählt vom Herbst 1989 aus Kindersicht. Im Juli soll der lange, animierte Kinofilm fertig sein, den Michael Kölmels Leipziger Weltkino verleiht und der seine Weltpremiere am 7. Oktober in der Nikolaikirche haben wird. Dann ist der sächsische „Odyssee“-Anteil fertig und das gesamte animierte Flüchtlings-Abenteuer in der Postproduktion.

Von Norbert Wehrstedt

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