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Kultur Regional Manfred Krugs letztes DDR-Konzert nun auf CD
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16:00 11.10.2018
Der Sänger und Schauspieler Manfred Krug (1937–2016) bei einem Auftritt im Rahmen der X. Weltfestspiele der Jugend und Studenten 1973 in Berlin. Quelle: Wilfried Glienke/dpa
Leipzig

Es war seine liebste Nebenbeschäftigung Bekanntlich war der große Schauspieler Manfred Krug in seinem Karriere-Abschnitt ostwärts der Mauer auch als Sänger unterwegs. Gleich in seiner ersten DEFA-Nebenrolle, das war 1957 im Kurt-Maetzig-Straßenfeger „Vergesst mir meine Traudel nicht“, spielte er einen Rock ’n’ Roll-Sänger.

Nachdem Krug Anfang der 60er mit dem wunderschönen „Wenn du schläfst, mein Kind“ einen veritablen Hit gelandet hatte, widmete er sich ausführlich seiner zweiten Leidenschaft und nahm bis 1976 einige noch heute gültige Platten auf. Die Musik half ihm auch, als er nach seinem Protest gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns zunehmend in Konflikte mit der Staatsmacht geriet und die Filmangebote ausblieben.

Das damals letzte Konzert, Krug stand schon unter schärfster Beobachtung, wurde von seiner Band mitgeschnitten. Zur Selbstkontrolle lediglich, nicht für eine Veröffentlichung, es ahnte auch noch keiner, dass es das letzte sein würde. Diese Aufnahmen wurden nun zutage gefördert, vom damaligen Schlagzeuger Wolfgang „Zicke“ Schneider kritisch durchgehört und, sofern verwertbar, neu gemischt. „Noch nicht ganz weg (Das letzte DDR-Konzert)“ heißt das Album, das am Freitag beim Label Künstlerhafen erscheint.

So sah man 1977 aus: Krug und das Günther Fischer Quintett. Ein Live-Mitschnitt aus Wismar. Quelle: Künstlerhafen

Das genaue Datum war lange unsicher, die Künstler hatten nicht Buch geführt. Das aber tat die Stasi in der ihr eigenen perfiden Akribie. Ihre Unterlagen verraten das genau Datum des Konzertes: 12. April 1977. Und sie hatten es geschafft, unter die 470 Gäste im Theater Wismar ungefähr 100 Linientreue zu mischen. Denen scheint’s aber, der heftige Beifall legt es jedenfalls nahe, auch gefallen zu haben. Die ausführliche Meldung des Informanten „Emil“ ist im Booklet nachzulesen und vermittelt ein Bild von den deftigen Spitzen, die Krug in seine Moderationen einflocht.

Man hat beim Label eine Weile gerungen, diesen Spitzelbericht zu veröffentlichen, aber, so aberwitzig es klingen mag: er lässt heute schmunzeln. In der längeren Ansage, die als Tonaufnahme erhalten ist, begrüßt Krug voller Sarkasmus den Direktor der Konzert- und Gastspieldirektion Rostock, Herrn Kaltofen, „dem wir seit drei Jahren immer wieder mal ergebnislos schreiben, dass es uns gibt ...“. Er freue sich, einen echten Fachmann im Auditorium zu wissen.

Fescher kleiner Poptrack

Noch besser ist die Musik. Krug gilt heute als Jazzsänger, und tatsächlich muten die Stücke, zumal interpretiert vom hochkarätig besetzten Günther Fischer Quintett, wie Genre-Standards an. Das aber sind sie keineswegs. Es gibt nur eine echte Jazznummer auf der Platte, Herbie Hancocks „Watermelon Man“. Aber da singt Krug nicht. Die Band spielt das Stück in einer seinerzeit üblichen, stark verfremdeten Variante; „FreeJazz“ war hip.

Krug und Fischer spielen sich durch griffige Popularmusik. Das Album beginnt mit „Mame“, eins von Krugs Paradestücken, der Titelsong eines weitgehend vergessenen Musicals. Der Sänger macht mit einer heute kaum noch anzutreffenden groovigen Jazzphrasierung eine wirklich aufregende Nummer daraus. „Alone Again“ ist ein fescher kleiner Poptrack von Gilbert O’Sullivan, ein Stern, der damals nach zwei Hits wieder verglühte. „Que Sera Sera“ entstand als typisch rührseliger italienischer Festival-Schlager, in einer Version von José Feliciano wurde der Schmachtfetzen zum Hit in der spanischsprachigen Welt.

Selbst die drei Nummern von Stevie Wonder waren 1977 noch nicht die Klassiker, die sie heute sind. Wonder war ein brandaktuelles Hitparadenthema, die Songs liefen auf jeder Disco. Krug singt sich in „You Are the Sunshine of My Life“, „Isn’t She Lovely“ oder „It Ain’t No Use“ ohne Spur von falscher Bescheidenheit und leicht hemdsärmelig auch dort nach vorne, wo der Originalinterpret deutlich mehr Soul im Timbre bietet. Schön zu hören, wie „Manne“ sich so gar nichts draus macht.

Wismar oder Neubrandenburg?

Der Typ hätte mit seinem kantigen Kumpelcharme auch ein Telefonbuch vorsingen können (er hätte es zeitlich sogar geschafft, die waren dünn im Osten). Es sind auch einige der schönen deutschsprachigen Nummern wie „Nacht, ich träume düster“ enthalten, die Günther Fischer ihm auf die Stimmbänder komponiert hat.

Wenige Tage nach dem Konzert stellte Manfred Krug seinen Ausreiseantrag, der schnell genehmigt wurde. Als Sänger widerfuhr ihm Ähnliches wie nahezu allen Kolleginnen und Kollegen vor und nach der Wende: Im Westen war man nicht interessiert. Krug durfte nach vielen Jahren im „Tatort“ am Schluss ein wenig herumträllern, mehr nicht. Dieses Album erneut, wie schädlich diese Ignoranzmauer war.

Im letzten Stück verabschiedet er sich vom Publikum in Neubrandenburg. Also doch nicht Wismar? Hat der Star, wie das schon vielen passierte, bei der Absage des letzten der sechs Konzerte seiner Welttournee durch die Nordbezirke die Stadt verwechselt? Oder irrte die Stasi? Letzteres darf, jedenfalls in diesem Fall, wohl ausgeschlossen werden. Egal. Was vorliegt, ist ein großartiges Tondokument von beschwingender Zeitlosigkeit.

Von Lars Schmidt

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