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Kultur Regional Mario Schröders Magnificat in der Oper Leipzig gefeiert
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16:57 10.02.2019
Tanz vor dem Schicksalsrad: Mario Schröders Magnificat in der Oper Leipzig. Quelle: Leipzig report
Leipzig

Nach der Passion nach Johannes folgt der Lobgesang der Maria. Am Samstag feierte in der ausverkauften Oper die choreografische Umsetzung von Johann Sebastian Bachs Magnificat Premiere, das zweite Bach-Großprojekt, dem sich Ballettdirektor und Chefchoreograph Mario Schröder widmet. Und wieder dankt es das Publikum mit begeistertem, wenn nicht beseeltem Applaus.

Musikalischer Welthorizont

Mit klotzen, nicht kleckern im Namen des Herrn könnte man auf den Punkt bringen, was hier für 100 Minuten zu erleben ist. Wobei mit „Herr“ natürlich erst einmal der Herr Bach gemeint ist. Was wichtig ist für eine Produktion, die erklärtermaßen weniger die Sphären des Transzendentalen als vielmehr das irdische Jetzt und Hier und darin das Menschheitsverbindende anvisiert. Es ist klar, das sich unter solchen Prämissen zum Lob- auch ein Klagegesang fügen muss. Da braucht man sich nur mal in der Welt hier und jetzt umschauen. Um zugleich aber auch den musikalischen Welthorizont zu weiten, hat Schröder nicht nur Giovanni Battista Pergolesis „Stabat mater“, sondern auch klassische Musik aus Indien in sein Magnificat eingewoben.

Pulsierende Klangadern

Zum Gewandhausorchester unter der stilsicheren und sinnlichen Leitung Christoph Gedscholds, zu Chor und Kinderchor der Oper Leipzig und zu den exzellenten Gesangssolisten Steffi Lehmann, Susanne Krumbiegel, Marie Henriette Reinhold, Martin Petzold, Dirk Schmidt, die allesamt das Changieren zwischen Bachs vitalem Zupacken und Pergolesis ätherischem Entschweben zu meistern wissen, gesellt sich somit noch das Trio Indigo Masala. Zu den abendländischen Sakralwerken fügt das die pulsierenden Klangadern der Ragas.

Eine Musik, die indes nicht ganz so horizontfern weit weg ist wie suggeriert wird. Ähnelt sie doch nicht nur in ihrer Struktur westlichen Kirchentonarten, sondern dürfte hiesigen Hörgewohnheiten auch sonst vertraut sein. Also zumindest jedem, dem etwa schon mal Jazz, die Beatles oder auch Bollywood-Filme begegnet sein sollten.

Schicksalsrad oder Dharmachakra?

Nach letzterem sieht auch das Anfangsbild von Schröders Magnificat aus. In einem von safrangelbem Tuch umspannten Karree knien dort mit dem Rücken zum Publikum die Tänzer. In Weiß, mit roten Umhängen, die sich just dann hübsch erheben, wenn der Chor mit Bachs „Meine Seele erhebt den Herren“ die Inszenierung beginnen lässt. Eine Inszenierung, in der dieses Seelen-Sinnbild nur das erste einer ganzen Reihe ist. Zu denen gehört natürlich auch jenes Rad, das sich dem Blick offenbart, wenn sich bald die Stoffrückwand lüftet. Das Schicksalsrad der Fortuna? Oder doch eher das buddhistische Dharmachakra, westlich kurz als Dharma-Rad bekannt? Beides ist möglich – und zeigt in jedem Fall auch deshalb Wirkung, weil dieses Rad als fast hypnotischer Blickfang inmitten rechteckig hochaufragender Käfige rotiert.

Subtile Unterströme

In dieses Bild hinein fügt sich eine Farbdramaturgie, die sich sowohl bei den Kostümen wie der Lichtsetzung niederschlägt (Bühne, Kostüme: Paul Zoller, Licht: Michael Röger). Sie scheint forciert genug auf, um die Frage aufzuwerfen, ob hier mit den Mitteln indischer Farbsymbolik (in der Orange für Opfer und Mut, Weiß für Wahrheit und Frieden stehen) über bloße ästhetische Aspekte hinaus Sinnebenen eingezogen sind. Subtilere Unterströme, vielleicht sogar Gegenströme zu dem, was die Choreographie auf der Oberfläche zeigt.

Wellenhaftes Gruppenwogen

Es ist im Großen, im Ensembleauftritt, das Schröder-typische wellenhafte Gruppenwogen. Die Wucht der Masse wird in weiter Geste ausgespielt, die Menschheitsrotation vorm und im Schicksalsrad illustriert. Zugleich aber flattern darin immer wieder, zart, pfiffig, bunt wie Kolibris über Sturmwellen, die oft (auch im Wortsinne) vogelgleichen Figurationen indischen Tanzes. Das ist von erstaunlicher Leichtigkeit, die gerade dann einen schmerzlichen Stich verspüren lässt, wenn sich dieses Leichte mit der entkörperten Musik Pergolesis koppelt.

Sehr gelungen

In den kleineren Gruppen, im Solistischen, mehr noch im tänzerischen Zweier-Zwiegespräch, verdichtet sich das. Urania Lobo Garcia und Lou Thabart gelingt da gleich ziemlich zu Beginn zur Musik von Indigo Masala ein Kabinettstück, in dem jede einzelne Körperbewegung exakt zwischen Geschmeidigkeit und Eckigkeit an den Raga-Tonskalen entlang driftet. Sehr gelungen.

Am Ende ist immer Gloria

Man könnte die Beispiele fortsetzen. Schröders Magnifcat ist eine Choreografie der Detailfülle, die weit mehr und empathischer auf das Kleine bedacht ist, als es bei solchen Großproduktionen und auch bei Schröder selbst gemeinhin üblich ist. Ganz erwartungsgemäß allerdings lässt er dieses Magnificat enden lässt. Das Schicksalsrad, von dem auch das erneute Wiedererklingen des klagenden „Stabat mater“ im letzten Viertel der Inszenierung kündet, es mag sich drehen, wie es will. Keine fernöstliche Setzung vom versklavenden Wesen des Lebens aus dem nur das Nirvana befreit, kein Kreuz der Welt, keine Verwerfungen des „Hier und jetzt“ werden zumal für diesen Choreographen daran was ändern: Am Ende ist immer Gloria. Und weil’s von Bach stammt, möchte man es fast glauben.

Aufführungen: 16., 22. Februar, 8., 29., 31. März, 21. April, 14., 16. Juni. Karten (15–78 Euro) u.a. bei der Ticketgalerie im LVZ Foyer, Peterssteinweg 19, im Barthels Hof, Hainstr. 1, über die gebührenfreie Ticket Hotline 0800 2181050 auf www.ticketgalerie.de oder an der Opernkasse sowie unter Tel. 0341 1261261.

Von Steffen Georgi

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