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Kultur Regional „#MeToo“ in der Romantik: Kaos-Werkstatt spielt „Klara trifft Clara“
Nachrichten Kultur Kultur Regional „#MeToo“ in der Romantik: Kaos-Werkstatt spielt „Klara trifft Clara“
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18:24 13.01.2019
Großartiges Spiel: Sonia Glade als Clara Schumann (links) und Lisa Wilfert als Klara Hühnerwadel in der Kulturwerkstatt Kaos. Quelle: Christian Modla
Leipzig

Frank Wedekinds Drama „Musik“ von 1906 steht selten in einem Spielplan. Auf Leipzig bezogen greifen Regisseurin Isabella Hertel-Niemann und ihr Ensemble in der Kulturwerkstatt Kaos den Stoff seit der Premiere am Wochenende überhaupt erstmals auf. Dabei wirkt die tragische Geschichte der Gesangsschülerin Klara Hühnerwadel, die dem Versprechen eines so charmanten wie gewissenlosen Musikpädagogen auf die große Gesangskarriere glaubt, wie ein Kommentar zur aktuellen „#MeToo“-Debatte. Merke: Neu ist weder die Tatsache, dass die Kulturindustrie manchem Mann die Möglichkeit zu sexuellem Missbrauch verschafft, noch die Kritik daran.

Nun befindet sich Leipzig seit zwei Wochen aber im Festjahr zu Ehren einer anderen Clara. Einer mit „C“, nicht mit „K“. Daher verknüpft Hertel-Niemann die fiktive Klara mit Texten Clara Schumanns, die vor 200 Jahren als Clara Wieck auf die Welt kam. Geschickt montiert das Stück Klara trifft Clara“ Wedekinds Handlung mit Tagebucheinträgen und Briefen und legt vielsagende Parallelen frei, die nicht auf den gemeinsamen Vornamen und die Liebe zur Musik beschränkt bleiben.

Beide werden sie von dominanten Männern beherrscht. „Mein Vater hat mich erzählt“, erklärt Clara dem Publikum. Nicht nur fing Friedrich Wieck, als die Tochter acht Jahre alt war, buchstäblich an, in Ich-Form ihr Tagebuch zu schreiben. Auch Talent und Leidenschaft für Musik lenkte er in erfolgreiche Bahnen. Letzteres bleibt in Klaras Fall Verheißung, und doch liebt Klara ihren Lehrer, den Professor Reißner, zunächst so aufrichtig wie Clara ihren Robert liebte. Klara und Clara lächeln sich an. „Dein Bild soll mir in jeder Lage ein tröstender Engel sein“, tragen sie gemeinsam aus einem Brief an Robert Schumann von 1837 vor.

Zwei 100-Mark-Scheine für eine Abtreibung – mit Claras Konterfei

Beide erleiden sie den Verlust eines Kindes. Clara ist die einzige Bühnenfigur, die aufrichtig mit Klara trauert, als ihr Säugling am Ende stirbt. „Felix, mein Sohn, du bist ein Elender wie dein Vater“, sagt Clara, während sie Klaras Hand hält und mit ihr auf dem Boden liegt. Ein starkes Bild. „Wie kämpfe ich dagegen, täglich das Leben zu ertragen?“, klagt sie. Jahrelang hat sie darunter gelitten, als Hausfrau und Mutter kaum noch Klavier zu spielen. Aber während Felix stirbt, gibt sie ein Museumskonzert. Nein, nicht einmal Clara entkam dem Patriarchat. Mögen auch die zwei 100-Mark-Scheine, mit denen Klara zu Beginn des Stücks ihre Abtreibung bezahlt hat, Claras Konterfei tragen.

Auf der im Sepia alter Fotografien ausgeleuchteten Bühne vertraut Hertel-Niemann ohne große Effekte mit gutem Grund dem großartigen Spiel ihrer Darsteller. Lisa Wilfert lebt die Wut ihrer Klara so glaubhaft, dass man sich fast um sie sorgt. Sonia Glade wandelt als Clara beeindruckend zwischen Euphorie und Bestürzung. Die Nebendarsteller überzeugen ebenso, allen voran Nils Matzka mit österreichischem Zungenschlag als Gesangslehrer. Nur die Lautstärke, in der das Ensemble spricht und schreit, müsste vielleicht nicht immerzu derart hoch sein. Wie sehr gerade leise Verzweiflung berührt, merkt man, als Clara kurz vor Schluss resigniert – und der Schauspielerin eine Träne über die Wange kullert.

Klara trifft Clara“ wieder am 26. Januar, 2., 30., 31. März, 13., 27. April, 18., 19. Mai, Kulturwerkstatt Kaos, Wasserstraße 18, Eintritt 9/6 Euro

Von Mathias Wöbking

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