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Kultur Regional Leipziger Schriftsteller Hans Joachim Schädlich erhält Erich-Loest-Preis
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21:05 24.02.2019
Vor der Verleihung: Loest-Preisträger Hans Joachim Schädlich und . Linde Rotta, Mitglied der Jury und Witwe Erich Loests. Quelle: André Kempner
Leipzig

Man gebe ihm den Erich-Loest-Preis für sein Buch „Felix und Felka“, sagt Hans Joachim Schädlich. Er aber verstehe die Entscheidung als ein Zeichen gegen Antisemitismus. Der nämlich werde in der deutschen Bevölkerung lauter, Menschenfeindlichkeit breite sich aus. Und mag die Entscheidung der Jury – auch – eine literarische sein, die Preisverleihung am Sonntagmittag im Leipziger Mediencampus Villa Ida wurde zum Appell für die Auseinandersetzung mit Flucht, Vertreibung und Fremdenhass.

In seinem Grußwort fordert Harald Langenfeld, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Leipzig: „Wir brauchen klare und mutige Stimmen, die auf die Dinge hinweisen und uns sensibel machen.“ Um zu ergänzen: „Und das tun Sie, Herr Schädlich.“ Langenfeld verweist darauf, dass Antisemitismus sich in Europa ausbreitet, nicht nur in Frankreich und Ungarn. „Wir lassen uns von Ihnen“, sagt er in Richtung des zu Ehrenden, „gerne einladen, uns mutig unseres eigenen Verstandes zu bedienen“.

Die von Otto Berndt Steffen geschaffene Preis-Plastik. Quelle: André Kempner

Die Medienstiftung der Sparkasse Leipzig würdigt mit dem seit 2017 im Zweijahresrhythmus vergebenen, mit 10 000 Euro dotierten Erich-Loest-Preis „Autoren, die die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse in Deutschland nicht nur beschreiben, sondern mit ihrer Stimme den demokratischen Diskurs mitgestalten.“

„Mein Buch ist keine kunstwissenschaftliche Darstellung, sagt der Schriftsteller in seiner Rede, „ich habe versucht, die letzten Lebensjahre von Felix Nussbaum und Felka Platek literarisch darzustellen. Es ist der Versuch, mir das alltägliche Leben der beiden vor Augen zu führen, der Versuch, die beiden lebendig zu machen.“

Die Leben enden in einem Memento, das Schädlich als Anlehnung an die Stolpersteine beschreibt: eine Liste der auftretenden Haupt- und Nebenpersonen, ihrer Geburts- und Todestage. Sie starben im KZ Auschwitz, im KZ Stutthof, Felkas Eltern sind verschollen.

Der Laute und der Stille

Schädlich spricht aber auch über seine Leipziger Studienzeit Ende der 50er Jahre, als Erich Loest verhaftet und Ernst Bloch zwangsemeritiert wird, als Gerhard Zwerenz die Flucht aus der DDR gelingt. Schädlich, Jahrgang 1935, verlässt das Land ein Jahr nach dem Liedermacher Wolf Biermann, gegen dessen Ausbürgerung er 1976 protestiert hat.

Wie beide 1996 im portugiesischen Coimbra an einem Internationalen Kongress der Germanisten teilnahmen, davon erzählt Tilman Spreckelsen, Literaturredakteur der „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, in seiner Laudatio. Er beschreibt zum einen den lauten, seine Texte selbstauslegenden Biermann.

Der Andere, der Stille und Zurückhaltende, nämlich Schädlich, habe damals seine Erzählung „Mal hören, was noch kommt“ vorgestellt. So findet Spreckelsen zum Literarischen dieses besonderen Autors, eines Virtuosen, wenn es darum geht, Imaginationsräume zu schaffen und die Leser in einen „Zustand fortwährenden Zweifelns am Gesagten“ zu versetzen. Stets bleibe eine Leerstelle, die vom Lesenden zu füllen sei.

Sprachliche Knappheit

Erich-Loest-Preis-Gewinner Hans Joachim Schädlich am Sonntag im Mediencampus Villa Ida: mit der Plastik von Otto Berndt Steffen und seinem Buch „Felix und Felka“. Quelle: André Kempner

Als ein prägendes Element dieses Schreibens macht der Laudator bei „Felix und Felka“ die „Spannung zwischen unserem Wissen und der Ahnung der Figuren“ aus. Das zweite prägende Element sei: w i e Schädlich erzählt. Eine Form, die „sich durch sprachliche Knappheit“ auszeichne, in äußerste Reduktion münde. „Alles wird weniger, alles wird enger in der Erzählzeit des Buches.“

„Kein Wort zu viel, jede Szene von schlichter Eindringlichkeit“, begründet der Juryvorsitzende Hartwig Hochstein die Entscheidung. Mit „Felix und Felka“ erweise sich Hans Joachim Schädlich als „Meister der literarischen Verdichtung“. Hochstein zitiert noch einmal Immanuel Kants Leitmotiv Sapere aude, habe Mut, Dich Deines Verstandes zu bedienen. Dies sei für Schädlich auch literarisches Programm.

Regine Möbius stellt ihr Buch „Schneisen der Zeitgeschichte“ über den politischen Loest vor. Quelle: André Kempner

Letztes Wort für einen Mahner

Da bei der Verleihung des Erich-Loest-Preises die Würdigung des Namensgebers, den Schädlich im Interview einen mutigen und ehrlichen Charakter nennt, nicht zu kurz kommen soll, liest Jurorin Regine Möbius, Vizepräsidentin des Deutschen Kulturrats, aus ihrem Buch „Schneisen der Zeitgeschichte“ und zeigt Erich Loest als politischen Menschen. Das Festliche unterstreicht Jazzpianist Jonas Timm, der auch eigene Kompositionen spielt.

Sein letztes Wort gebühre, sagt Schädlich in seiner Rede, dem Holocaustüberlebenden Max Mannheimer (1920–2016): „Ihr seid nicht verantwortlich für das, was geschah. Aber dass es nicht wieder geschieht, dafür schon.“

Der Erich-Loest-Preis

Der mit 10 000 Euro dotierte Preis wird von der Medienstiftung der Sparkasse Leipzig im Andenken an den Schriftsteller Erich Loest (1926–2013) alle zwei Jahre vergeben, immer am 24.Februar, seinem Geburtstag. Erich Loest war den Stiftungen der Sparkasse zeitlebens eng verbunden – als Gründungsmitglied der Medienstiftung und als Mäzen der Kultur- und Umweltstiftung, der er seinen literarischen Nachlass übereignete. Der nach ihm benannte Preis würdigt Autoren, die die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse in Deutschland nicht nur beschreiben, sondern mit ihrer Stimme den demokratischen Diskurs mitgestalten. Zudem sollen die Preisträger dem mitteldeutschen Raum verbunden sein. Erster Preisträger war im Jahr 2017 Guntram Vesper; in diesem Jahr wurde Hans Joachim Schädlich ausgezeichnet.

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Von Janina Fleischer

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