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Kultur Regional Meisterwerke des Expressionismus in Zwickau
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13:00 24.09.2018
Die Ausstellung „Back to Paradise - Meisterwerke des Expressionismus“ ist in den Kunstsammlungen Max-Pechstein-Museum in Zwickau zu sehen. Quelle: Sebastian Kahnert/dpa
Zwickau

Mit dem Kopf der Barbarenfürstin, ein Farbrausch aus Alexej Jawlenskys Reigen imaginärer starker Frauen, wirbt das Zwickauer Museum auf Plakaten für sein Glanzlicht 2018: „Back to Paradise“. Die Ausstellung vereint in enormer Dichte 18 Größen, zeigt alles, was in Deutschland im Expressionismus Rang und Namen hatte.

Aus einem Konvolut von Meisterwerken aus dem Aargauer Kunsthaus und dem Ostheim Museum Hagen, das bereits in Aarau in der Schweiz und in Schweinfurt gezeigt wurde, haben die Zwickauer aus Platzgründen eine Auswahl von mehr als 100 Malereien und Grafiken getroffen. Dabei ließen sie sich auch von ihrem eigenen Bestand an Arbeiten des 1881 in Zwickau geborenen Max Pechstein leiten.

Kuriose Fügung: Mit der Schau kehren Arbeiten von Christian Rohlfs zurück in ein Haus, in dem sie bereits 1930 gezeigt wurden. Dem Maler galt die letzte Ausstellung, die Museumschef Hildebrand Gurlitt hier organisiert hatte, bevor er nach fünf Jahren von seinem Posten verdrängt wurde – wegen seiner Vorliebe für die Moderne. Immerhin hatte er das Farbkonzept des Museums in die Hände von Bauhaus-Künstlern gelegt, schon damals Arbeiten von Pechstein, Heckel, Nolde, Schmidt-Rottluff und Feininger angekauft. Dieser Direktor, der später als Hitlers Kunsthändler reüssierte, war Vater von Cornelius Gurlitt, der 2013 mit seinem Bilderschatz umstrittener Herkunft in die Schlagzeilen geriet.

Alexej von Jawlensky „Mädchenkopf mit rotem Turban und gelber Agraffe (Barbarenffürstin)“, um 1912 Quelle: Achim Kukulies

Zurück zum Paradies – der Titel der Ausstellung ist Klammer für ein Lebensgefühl, das sich in der Polarisierung der Gesellschaft durch die Industrialisierung zurücksehnte zu Natürlichkeit und Wahrhaftigkeit. Das drückte sich in einer Kunst aus, die mit wilden Farben und ungezügelten Formen Amok lief gegen tradiertes akademisches Dogma. Ihr Paradies fanden die Maler, die sich in der Künstlergruppe Brücke und bei der Herausgabe des Kunstalmanachs Blauer Reiter zusammentaten oder von diesen Kreisen stark beeinflusst wurden, in den Moritzburger Teichen bei Dresden, im Voralpenland, in deutschen Kolonialgebieten der Südsee oder in ihren privaten Refugien.

Max Pechsteins „Liegendes Mädchen“, ein Hauptwerk des Expressionismus, macht wesentliche Merkmale des Brücke-Stils transparent. Das gilt für die Unmittelbarkeit der Komposition durch unkonventionelle Anschnitte ebenso wie die starken Kontraste ungebrochen leuchtender Farben, die als Echo der französischen Moderne widerhallen. Auch die Landschaft übte auf die Expressionisten enorme Faszination aus. Dabei folgten sie ganz ihren Empfindungen. Da gibt es zum Beispiel die rigoros vereinfachenden Bilder Karl Schmidt-Rottluffs, die mit lodernden Farben ein emotionales Feuerwerk offenbaren.

Die Akte von Otto Müller, ganz im Grün der Umgebung eingebunden, bekräftigen in kantiger Formensprache die Einheit von Mensch und Natur. Sie sind Ausdruck einer Natürlichkeit, die von den Brücke-Künstlern auch beim Aktstudium unter freiem Himmel ausgelebt wurde. Verhaltener ist die Märkische Landschaft, in der Erich Heckel kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges innere Befindlichkeiten reflektierte. Dramatische Naturstimmungen greift Emil Nolde auf, während der Blumengarten in seiner Blütenfülle eher paradiesische Heiterkeit heraufbeschwört.

Max Pechstein: „Liegendes Mädchen“, 1910 Quelle: Jörg Müller

Einprägsam ist auch eine Alpenlandschaft von Gabriele Münter, die in qualvollem Bruch mit realistischer Gegenständlichkeit in der radikalen Vereinfachung zur Steigerung ihres Ausdrucks fand. Sie kultivierte im Landstrich rund um Murnau mit Wassily Kandinsky, Alexej Jawlensky, Franz Marc und August Macke eine expressive Bildsprache, die – die Schau belegt es an wenigen Beispielen – stark unterschiedlichen Individualstilen folgt. So werden Macke und Marc eher von kubistischer Formensprache beeinflusst. Sie fielen in Frankreich, der Erste Weltkrieg setzte ihrer künstlerischen Entfaltung ebenso brutal ein Ende wie bei Walter Bötticher, der seine Landschaft mit kühner Farbwahl zum Stimmungsträger macht und Nähe zur Brücke-Kunst anklingen lässt.

Neben der Malerei zeigt die Ausstellung eine ganze Reihe bemerkenswerter Holzschnitte, eine auf das Wesentliche abzielende Technik, die expressionistischen Künstlern entgegenkam. Die Zwickauer Präsentation führt dem Besucher durch eine geschickte Hängung eindrucksvoll die ganze Vielfalt expressionistischer Kunst von 1905 bis 1938 vor Augen. Kurze Texte ziehen zudem im Schaffen befreundeter Künstler Parallelen, beleuchten schlaglichtartig wichtige biographische Konstellationen. Dem Max-Pechstein-Museum ist mit dieser Schau ein großer Wurf gelungen.

Back to Paradise – Meisterwerke des Expressionismus: bis 6. Januar 2019, geöffnet: Dienstag bis Sonntag 13 bis 18 Uhr; Kunstsammlungen Zwickau, Max-Pechstein-Museum, Lessingstraße 1

Von Ingrid Leps

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