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Kultur Regional Mozarts „Così fan tutte“ zwischen Shop und Bar
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00:22 09.02.2018
Premiere des Projekts „Wolfgang Amadeus Mozart: Cosi fan tutte?“ in der Hochschule für Musik und Theater in Leipzig. Quelle: André Kempner
Leipzig

„Schon mit 14 muss ein Mädchen die Männer rumkriegen.“ Klingt komisch, ist aber von Mozart. Mit dieser Arie treibt die niedliche Despina in „Così fan tutte“ ihre Dienstherrinnen in den aktiven Seitensprung. Doch hinter den zwei Kerlen, die den beiden den Hof machen, verbergen sich die echten Verlobten über Kreuz und prüfen, ob sie auf die Treue ihrer Liebsten vertrauen können.

Können sie aber nicht, denn bei Mozart sind die Männerintrigen ebenso abgefeimt wie die Frauenherzen flatterhaft. Daran nagen Regisseure immer wieder, wie an der Oper Leipzig zuletzt Peter Konwitschny. Jetzt ist das übergreifende Seminar aus Musiktheaterpädagogik, Theaterwissenschaft, aktiven Musikern und Schülern aus Brandis verantwortlich für eine, je nach Sichtweise, sakrilegische oder genialische Version.

Choreografie für Heerscharen

Der Personalaufwand übertrifft eine Produktion in derzeit hipper historisch informierter Aufführungspraxis. Man hat aus dem großen Hochschul-Saal der Grassistraße alle Stühle entfernt, das Kammerensemble und eine Bar in die Saalmitte gesetzt, vier Spielnischen inklusive Shop und Lustwiese mit Gaze-Schleier gebaut: Träume in Weiß! Das Publikum bewegt sich ebenso frei im Raum wie die Akteure. Ohne Chor, aber dafür mit einer Choreografie für Heerscharen.

Hier ist anderes geplant als die für Mozart angeblich so unverzichtbare Perfektion. Immerhin haben die Gesangssolisten Spielwitz und alles Wichtige für die sechs Rollen. Schon zur Mozartzeit wurden die Partien ähnlich amputiert und transplantiert, da war sogar Goethe mit seinem Schwager Vulpius in Weimar gern dabei. Hier haben die angehenden Pädagogen ein Händchen für Slapstick und Melodram.

Einen Shop gibt es auch in dieser üppig ausgestatten „Così fan tutte“-Inszenierung. Quelle: André Kempner

In zwei Stunden kommt alles dramatisch und musikalisch Wichtige – sofern es nicht zu hoch ist, zu laut oder mit zu vielen Koloraturen. Dank der Dirigenten Benjamin Huth und Davide Guarneri hat das zwar keine Eleganz, aber einen bombigen Theaterdrive. Gestrichen wurde nicht das Erotische, sondern die verzögernden Galanterien und stellenweise verlogenen Gewissensklimpereien, die das Original auf manchmal dröge vier Stunden dehnen.

Dazu gibt es Einlagen der eigens rekrutierten Band „Gegenfrage“, in denen Sängerin Deborah Fröhlich Mozart verdeutschrockt und sich sogar die sonst immer gestrichene Wut-Arie „Verraten!“ in einem von Conrad Mummelthey heruntergekühlten Song zeigt. Alles über den Geist dieser Inszenierung ist gesagt, wenn aus der lebensklugen Zofe eine offenbar männergegerbte Mitbewohnerin wird.

Getümmel mit phantastischen Kostümen

Schwellenängste zur unmöglichen Kunstform Oper werden vor Beginn abgebaut. Jeder Solist leitet mit einem Kurzreport zur Rollen- und Handlungslage eine Gruppe hinein. Das Getümmel hebt an mit phantastischen Kostümen, die eine Hommage an die vor einem knappen Jahr gestorbene Künstlerin Rosalie sein könnten. In der Ausstattung des Betts, von Despinas Laden und den in Gold und Silber anrückenden Lovern wird an Zweideutigkeiten nicht gespart.

Als Bewegungschor mischen Schüler des Gymnasiums Brandis mit und erleben Probleme, die zu viele Schmetterlinge im Bauch auslösen vor dem angeblich so offenen siebten Himmel. Ein Zweifel lässt sich nicht ganz entkräften: Taugen diese Oper und das in ihr dargestellte Experiment, das letztlich nur aus dem Geist der Aufklärungsepoche tiefere Bedeutung zieht, wirklich als Education-Projekt für Heranwachsende?

Mitten im Saal eine Bar, um sich runterzukühlen. Quelle: André Kempner

Die Entscheidung für das Ende, das nach dem Platzen der Konfliktbombe bei Mozart immer brüchig und schal wirkt, überlässt man den Zuschauern: „Così fan tutte?“ – „Machen es alle so?“ Die Anwesenden entscheiden sich bei der Premiere für die Haltbarmachung der neuen, nicht der alten Paarkonstellation. Das kann an den Folgeabenden anders aussehen. Am Mittwoch nun zum dritten und leider schon letzten Mal.

Zum letzten Mal am Mittwoch, 19.30 Uhr, Hochschule für Musik und Theater, Großer Saal, Grassistraße 8; Eintritt frei, dennoch ist eine Platzreservierung erforderlich unter Tel. 0341 2144615 (13 bis 15 Uhr) oder an der Abendkasse

Das Projektteam

Wolfgang Amadeus Mozart: Cosi fan tutte? So machen’s alle!“ ist ein Projekt des Instituts für Musikpädagogik in Zusammenarbeit mit dem Institut für Kunstpädagogik sowie der Theaterwissenschaft der Universität Leipzig und dem Gymnasium Brandis.

Künstlerische Projektleitung: Anja-Christin Winkler

Regie: Despina Rhaue, Marlene Schleicher, Damian Thüne

Musikalische Leitung: Benjamin Huth

Fiordiligi: Johanna Ihrig

Dorabella: Alexandra Berger

Guglielmo: Marius Schnelle

Ferrando: Elmar Kühn

Despina: Darja Schäfer

Don Alfonso: Leo Summerer

Bewegungschor: Schüler des Gymnasiums Brandis

Orchester des Musikpädagogischen Instituts; Band „Gegenfrage“

Eine Ausstellung im Foyer der Hochschule zeigt Arbeiten des „Così fan tutte“-Seminars „Musik und Bildende Kunst“; Künstlerische Leitung: Verena Landau und Constanze Rora

Von Roland H. Dippel

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