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Kultur Regional Museum für Druckkunst zeigt „Paradox“
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17:38 07.12.2018
Zunahme der Farbigkeit: „Paradies der Väter“ von Steffen Fischer (Ausschnitt) – zu sehen bei der 35. Leipziger Grafikbörse im Museum für Druckkunst. Quelle: André Kempner
Leipzig

Es scheint ein Selbstläufer zu sein. Die Zahl 35 verdeutlicht, dass es die Institution Leipziger Grafikbörse schon zur DDR-Zeit gab. Damals noch mit Wühltischen, auf denen man sich in den drei Tagen Laufzeit ein Schnäppchen herausziehen konnte. Heute sieht das viel gediegener aus.

Zum vierten Mal ist die zuvor vagabundierende Ausstellung nun im Museum für Druckkunst an der Nonnenstraße zu Gast. Das erscheint als eine ideale Symbiose mit der Dauerausstellung des Hauses.

Dennoch sieht sich der Trägerverein mit der Frage konfrontiert, ob denn nicht mal Schluss sein sollte mit dem Konservieren solch eines im Zeitalter effektvoller Installationen, Videos und Performances hoffnungslos verstaubt erscheinenden Mediums.

Die Grafik „Tagwerk“ von Steffen Volmer . Quelle: André Kempner

Der Vereinsvorsitzende Steffen Böttcher widerspricht. Die Druckgrafik sei schon häufig totgesagt worden, ebenso wie die Malerei. Und obwohl weder der Markt noch die Fachpresse große Unterstützung leiste, sei die künstlerische Grafik wieder spürbar im Aufwind.

Nicht nur für Sammler haben die vergleichsweise günstigen Preise von Auflagendrucken Anziehungskraft. Viele junge Künstler schätzen verstärkt den Reiz des Umgangs mit den alten Geräten, die viel Wissen und Aufwand bedingen, um zum gewünschten Resultat zu kommen.

Genau 100 solcher Ergebnisse sind nun zu sehen. Nicht nur vom Nachwuchs, die Spannweite der Geburtsjahre reicht von 1936 bis 1989. Auf einen Frauenanteil von 55 Prozent ist der Verein aber stolz.

Die Grafikbörse hat in jedem Jahr ein Thema. „Paradox“ nennt es sich 2018. Manche Beteiligte nehmen das sehr genau. So hat Uwe Klos eine Radierung zu Schrödingers Katze geliefert.

Preise für Baldwin Zettl und Kai Spade

Constanze Hohaus stellt den für Achilles nicht zu gewinnenden Wettlauf mit der Schildkröte dar. In anderen Blättern ergibt sich das unauflösbar Widersprüchliche aus dem Bildinhalt. Der Chemnitzer Jürgen Höritzsch hat ein „Damendoppel mit Hasendreier“ aus körperlichen Versatzstücken konstruiert.

Bei Madeleine Heublein blickt ein Mann in den Spiegel, sieht aber nur den Stuhl, nicht sich selbst. Ebenfalls eine Reflexion ist bei Harald Alff das Motiv. Der Betonblock am Beginn der Gottschedstraße spiegelt sich in einer Pfütze – als Altbau mit Erker und Türmchen.

Arbeiten der 35. Leipziger Grafikbörse „Paradox“ im Druckkunstmuseum. Quelle: André Kempner

Bei anderen Drucken braucht man mehr Fantasie für die Erkenntnis, was denn daran paradox sein soll. Besonders schwierig ist das bei den wenigen Vertretern der Abstraktion wie Susanne Werdin oder Nora Mona Bach.

Die Grafikbörse vergibt zwei Preise. Der Träger des Karl-Krug-Preises für Druckgrafik wird gemeinhin mit dem Etikett Altmeister belegt: Baldwin Zettl aus Freiberg. Der 1943 Geborene beherrscht den Kupferstich in verfeinerter Manier. Bei seinem „Apfelwerfer“ haben die drei nackten Schönen offenbar kein Interesse daran, den Apfel von Paris zu bekommen, darum wirft er ihn ziellos in die Luft. Paradox.

Träger des Förderpreises für Druckgrafik ist Kai Spade aus Leipzig. Er ist 37 Jahre jünger als Zettl, doch auch seine Radierung „Der Tisch der Asisa“ ist sorgfältig durchgearbeitet.

Zunahme der Farbigkeit

Handwerkliches Können ist ohnehin ein durchgängiges Merkmal der gezeigten Arbeiten, egal ob im Hoch-, Tief-, Flach- oder Durchdruck. Das überrascht nicht, wurden doch die Teilnehmerinnen und Teilnehmer direkt vom Vereinsvorstand ausgewählt und eingeladen. Ebenso wenig überraschend ist dann aber auch, dass notorische Besucher der Veranstaltung viele Namen schon mehrfach gesehen haben.

Verfolgt man die Grafikbörse über Jahre, fällt eine Zunahme der Farbigkeit auf. Druckgrafik darf heute auch mal quietschbunt sein. Zudem wagen sich manche Künstler an Formate, deren technische Umsetzung eine Herausforderung darstellt. Nach wie vor ausgeschlossen sind aber Arbeiten, bei denen im Vorfeld der Computer zum Einsatz kam. Es soll die handwerkliche Tätigkeit gestärkt werden.

„Macht und Ohnmacht“ von Klaus Süß. Quelle: André Kempner

Ob sich das in der Zukunft so durchhalten lässt, ist fraglich. Zudem ist es kein Widerspruch per se, digitale Geräte zur Bildfindung mit ganz und gar traditionellen Techniken bei der druckgrafischen Umsetzung zu kombinieren.

Doch auch mit dieser Begrenzung ist erneut eine Art Leistungsschau des aktuellen Schaffens auf diesem Gebiet in Sachsen und angrenzenden Regionen entstanden, vielseitig und qualitativ durchweg anspruchsvoll. Sie wird im kommenden Jahr an fünf weiteren Stationen zu sehen sein.

Dass der künstlerische Auflagendruck nicht stirbt, kann man bei dieser Grafikbörse gern glauben. Noch überzeugender wäre der Eindruck, könnte künftig der Altersdurchschnitt unter 50 Jahre gesenkt werden.

Paradox. 35. Leipziger Grafikbörse, Museum für Druckkunst Leipzig (Nonnenstr. 38); bis 27. Januar 2019, Mo–Fr 10–17 Uhr, So 11–17 Uhr

Von Jens Kassner

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