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Kultur Regional Nachtschwarz und rosarot: James & Priscilla mit toller Performance in den Cammerspielen
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00:38 12.03.2018
Nicolas Schneider und Clara Minckwitz in den Cammerspielen. Quelle: André Kempner
Leipzig

Memories are made of this: Am Donnerstag wurde in den Cammerspielen „Unser großes Album elektrischer Tage“ aufgeschlagen. Eine Inszenierung der Hildesheimer Performancegruppe James & Priscilla, basierend auf dem gleichnamigen Roman der Leipziger Autorin Johanna Maxl. Ein 60-minütiges Stück über Kinder, Mütter, Popsongs und die Suche nach jenem fadenscheinigen Stoff, aus dem wir und unsere Wahrnehmungen gewoben sind. Und die Erinnerungen natürlich auch.

Damals war das nämlich. Also, in diesem seltsamen Damals, in dem Frauen modische Fake-Bärte trugen und einen auch schon mal jemand angrinste, dessen strahlendes Lachen sich einem Gebiss aus LED-Lämpchen verdankte. Aus jenem Damals nun stammt auch dieses Erinnerungsbild: das von der Mutter, die sich im Morgengrauen davonstiehlt, während das Kind im Schlafanzug ihr nachblickt und denkt „Fuck, fuck, fuck!“

Was dann tatsächlich so ein Bild ist, das haften bleibt. In „Unser Album …“ wird es beschworen nicht als szenische Illustration, nicht als melodramatische Emotionsmache, sondern in ruhigen Worten, in denen etwas wirkt, das man den Zauber des Lapidaren nennen könnte.

Etwas also, das Wesen und Gestus der Arbeiten von James & Priscilla generell ganz gut beschreibt. Es sind Inszenierungen eines Low-Budget-Pathos des forcierten Understatements. Eine gezielt schrägwinklige, traumähnliche Verschrobenheit, in der das Sujet, die Szene, das Bild indes verblüffend oft klar und stark zum Wirken kommen. Und das auch, weil sie sehr effektvoll mit teilweise schon absurd minimalistisch dargebotenen Popsongs – je nach gewünschter Stimmungslage – rosarot oder nachtschwarz ausgemalt werden.

Was heißt schon „wirklich“?

Für „Unser Album…“ nun sieht das konkret so aus, dass in einem an trostlosen Kleinstadt-Popband-Probenraum erinnernden Setting eine Performerin und drei Performer die von ihrer Mutter verlassenen Kinder geben. Und zwar frei von allem infantil possierlichen Kindlichkeitsgetue. Nur um es erwähnt zu haben. Geht es doch hier vielmehr um diesen Akt des Suchens als solchen. Des Suchens nach der Mutter wie auch des Erinnerns an sie. Nicht zuletzt des Suchens nach dem, was man selbst sein könnte – was sich hier insgesamt als ein einziges Selbst-Bild-Machen entpuppt.

Freilich ohne, dass die Inszenierung sich dabei groß um Bilder – sprich: Visualisierungen – schert, sondern rigoros szenisch spartanische Sehnsuchtsprojektion in Poesie und Pop betreibt und mittels einem Tanz im Bühnendunkel auf Schuhen mit Partybeleuchtung dann eben doch ein tolles Bild findet, welches den Charakter dieser Kinder-Odyssee gut trifft. Möglich, dass die dabei das Kinderzimmer (den Probenraum) nie wirklich verlässt. Aber was heißt schon „wirklich“?

Zumal, wenn sich die Handlung mit den spröde suggestiven Kinderzimmer-Fassungen von Songs wie Angel Olsens „Shut Up Kiss Me“, des Unknown Mortal Orchestras „So Good At Being In Trouble“ oder Lana Del Reys „Ride“ durchwebt. Ach, der schöne, fadenscheinige Stoff des Pop! Prägend wie Mütter und Erinnerungen. Und wenn es dann zum Ende im Stück so schön heißt „Wir gehen jetzt unsere eigene Person sein“, ist schwer zu sagen, ob die Kids da einer emanzipatorischen Utopie folgen, oder einer Illusion erliegen.

„Unser großes Album elektrischer Tage“ ist erneut am Freitag und Samstag, je 20 Uhr, in den Cammerspielen, Kochstraße 132, zu erleben, Eintritt 10/6 Euro

Von Steffen Georgi

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