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Kultur Regional Naturgeister sind die besseren Menschen
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14:25 08.04.2018
Die Hexe Jezibaba reitet auf ihrer eindrucksvollen Hütte auf Hühnerfüßen durchs Bild. Quelle: Leipzig report
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Leipzig

Wir kennen das: Alles mag so schön sein, wie es will, und doch sind wir nicht zufrieden mit dem, was wir haben. Das ist bei Seejungfrauen nicht anders als bei uns Menschen. Und darum liegt die zauberhafte Rusalka am Ufer ihres Heimatsees und singt verträumt den Mond an, auf dass er ihr sage, was er gerade treibt, der Prinz, den sie so liebt. Einen Namen hat er nicht in Antonín Dvoráks Märchenoper „Rusalka“, die am Sonntagabend in der ausverkauften Oper Leipzig Premiere feierte. Muss er auch nicht. Es geht ums Prinzip.

Rusalka ist nicht auf diesen schlaffen Blondling mit Eisenherz-Mähne unter Kinderbuch-Krone aus. Sie erträumt sich ein Leben als Mensch im Körper einer Frau, mag ihren silbrigen Fisch-Schwanz nicht mehr – obwohl er ihr ausnehmend gut steht, besser jedenfalls als die Finne, die sie auf dem Kopf trägt. Für diesen Traum ist sie bereit, alles zu zahlen. Und bei Rechnungsstellung am Ende zeigt sich, dass sie auch alles zahlen muss. Ihr Prinz ist tot, sie selbst hat als Gespenst keine Aussicht auf irgendeine Form von Erlösung, nicht einmal im Tod. Der hat immerhin den Prinzen geholt und von seinen Gewissensqualen befreit, weswegen Rusalka nun bis ans Ende aller Tage an (oder auf) seinem längst verwesten Körper Wache hält.

Ein großes Theaterbild, mit dem der Regisseur Michiel Dijkema die Oper beschließt. Es rührt zu Tränen in seiner Traurigkeit, die den letzten verhauchenden Des-Dur-Akkord noch überdauert. Und nur, wer jede Fähigkeit zur Rührung verloren hat, schafft es, in diesen Akkord hineinzuklatschen.

Es gibt viele große Bilder an diesem Premierenabend. Dijkema, der auch die Bühne schuf, hat mit Hilfe der Licht-Zaubereien Michael Fischers eine dunstige Seen-Landschaft ausgebreitet, darüber einen Mond aufgehängt – und lässt diese Welt der Natur für sich stehen. So sieht jeder sofort: Menschen haben hier nichts verloren, und wenn sie einbrechen in diese Welt, sei es als Jäger, als Festgesellschaft oder als Verliebte, dann richten sie nichts als Schaden an. Die Fabelwesen dagegen, mit denen Kostümbildnerin Jula Reindell diese Landschaft bevölkert, fügen sich prächtig zwischen die Nebelschwaden. Die drallen vergnügten Waldelfen, von Dvorák als Anti-Rheintöchter gezeichnet, der würdevolle Wassermann mit seinem Fischleib, seine entzückende Tochter Rusalka – selbst die grellbunte Hexe Jezibaba, die auf ihrer (auch mechanisch) eindrucksvollen Hütte mit Hühnerbeinen durch die Gegend reitet, finden ihr ganz natürliches Biotop.

Naturalistisch gezeichnetes Märchen

Eine ziemlich pralle Ausstattungsorgie, die Dijkema da auf die riesige Leipziger Opernbühne wuchtet. Und die Bildgewalt dieses naturalistisch gezeichneten Märchens tendiert dazu, die Inszenierung zu überdecken. Zumal die an einer logischen Kleinigkeit krankt: Rusalka und ihr Vater müssen ans Ufer, wenn sie sich Wichtiges zu sagen und zu singen haben. Unterhalb der Wasseroberfläche könnten sie sich mit ihren Fischkörpern gewiss eleganter bewegen.

Doch sind derlei Einwände vergessen mit dem ersten Ton, den Olena Tokar in der Titelrolle singt. Die zarte Ukrainerin ist der Dreh- und Angelpunkt dieser Opernproduktion. Sie ist es szenisch, weil sie ihr Unglück ohne Posen und doch unmissverständlich in Körpersprache übersetzt. Und sie ist es musikalisch, weil in ihren herrlichen Linien die Fäden von Dvoráks herrlicher Partitur zusammenlaufen.

Offenhörlich ist Tokar angekommen im lyrischen Fach. Wie sie in ihrem traumschön schattierten Sopran unbändige Kraft und mädchenhaftes Timbre, Natürlichkeit und Ausdruck, dabei Gesang nicht als ästhetischen Selbstzweck versteht, sondern als Sprachrohr der Seele, das geht sofort tief unter die Haut. Diese Stimme, die sich bei aller Schönheit die Menschlichkeit bewahrt hat, stützt die von Dvorák glutvoll melancholisch auskomponierte These, dass Naturgeister die besseren Menschen sind. Daneben fällt der für sich betrachtet gute Prinz Peter Wedds (der einzige Gast in dieser Produktion) ein wenig ab. Zwar zeigt er in der Höhe schönen Brokat-Schimmer, doch unten herum und in der Mittellage bleibt er etwas matt.

Die übrigen Ensemble-Mitglieder dagegen lassen nichts anbrennen in dieser „Rusalka“: Karin Lovelius als Hexe Jezibaba und Kathrin Göring als Fremde Fürsten (Dijkema zieht sie zu einer Garstigen in zwei Erscheinungen zusammen) lassen aus ihren markanten Stimmen die verführerische Kraft des Bösen funkeln; Tuomas Pursios kraftvoller Bass scheint wie geschaffen für die verletzte Autorität und den Zorn des Wassernmanns; Magdalena Hinterdobler, Sandra Maxheimer und Sandra Fechner strahlen als wunderbar neckische Waldelfen, Jonathan Michie gibt einen erstklassigen Heger und Mirjam Neururer einen hinreißend verstörten Küchenjungen (warum aber im Pumuckl-Kostüm?). Der von Alexander Stessin einstudierte Chor fällt hinter der Bühne zwar schonmal in andere Zeitebenen, klingt aber warm und rund und schön.

In Dvorák-Fragen die Spitze

Vielleicht hat er sich diese Farben vom Gewandhausorchester abgehört, das unter der Leitung von Christoph Gedschold den Beweis abliefert, dass dieser Klangkörper in Dvorák-Fragen auch im Operngraben die Spitze markiert. Was durchaus keine Selbstverständlichkeit ist. Denn in der späten „Rusalka“-Partitur fließen viele Stile ineinander. Da gibt es Spielopern-Geplapper und Slawische Tänze, Lyrische Wallung und dramatische Wucht, impressionistische Licht- und Wagner-Reflexe. Alles zusammengehalten vom Geflecht der Erinnerungs- und Leitmotive. Das alles macht Gedschold hörbar – und schafft es dabei dennoch, die drei Akte jeweils auf einen Atem zu nehmen. So ist es auch sein Verdienst, dass das Publikum nach dem von Tokar wirklich überirdisch schön gesungenen Lied an den Mond der übergroßen Versuchung zum Zwischenapplaus zu widerstehen vermag.

Klug zeichnet Gedschold das Geflecht der Linien nach, sinnlich mischt er das Orchester zu immer neuen Farben – und kann dabei aus dem Vollen schöpfen, weil die Kollegen vom Gewandhaus aus allen Ecken und Enden des Grabens bereitwillig und in Echtzeit liefern. Betörende Soli, und Mittelstimmen, die Dvorák erfand wie kein anderer, sie sind beseelt bis in die letzte Note.

Kurzum: Musikalisch ist diese „Rusalka“ so schön, dass es keinen Grund gibt, nicht zufrieden zu sein, mit dem, was wir hier haben. Und die szenische Üppigkeit dieses Märchen-Bilderbogens wird ebenso dazu beitragen, dass diese „Rusalka“ ein Renner wird im Spielplan der Oper Leipzig. Daran lässt auch der Premieren-Jubel keinen Zweifel zu, der für Tokar und Gedschold samt Orchester noch etwas enthemmter ausfällt als für den Rest. Das Inszenierungsteam eingeschlossen.

Vorstellungen: 9., 14. Dezember, 4. März, 1. Juni; Karten (15–73 Euro) gibt’s unter anderem in allen LVZ-Geschäftsstellen, über die gebührenfreie Tickethotline 0800 2181050 und auf www.lvz-ticket.de, unter Telefon 0341 1261261 oder an der Opernkasse.

Von Peter Korfmacher

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