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Kultur Regional Neeme Järvi dirigiert im Großen Concert Werke von Mahler und Schostakowitsch
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16:43 09.11.2018
Neeme Järvi dirigiert das Gewandhausorchester, Solist ist der Bariton Matthias Goerne. Quelle: Andre Kempner
Leipzig

„Alle Probleme des menschlichen Lebens von Anfang bis Ende überlagern sich hier“, sagte Uraufführungsdirigent Maxim Schostakowitsch 1972 über die 15. Sinfonie seines Vaters Dmitri. Der selbst merkte an, sie bedeute die Summe eines Lebens – solle aber keinen Schlusspunkt setzen. Und was nun sagt uns das über das Hauptwerk der von der in Estland geborenen US-Dirigenten-Legende Neeme Järvi (81) geleiteten Großen Concerte dieser Woche? Hilft es beim Hören – beim Verständnis gar? Kaum. Aus der ersten Aussage lernen wir nur, dass die 15. nicht nur fröhlich ist – was jeder recht schnell merkt. Und an der zweiten ist das Wichtigste das Aber. Denn Schostakowitschs Sinfonien, und das unterscheidet sie von der Kammermusik des Russen, sind Aber-Musik. Sie klingen heroisch, sozialistisch, realistisch, positiv – aber sind all das nicht. Immer ist da ein doppelter Boden, unter dem das Individuum sich behauptet, wo es spottet, leidet, Kritik übt und ganz persönliche Hoffnungen hegt.

Heißt es zumindest immer. Auch und gerade im Zusammenhang mit dem Kopfsatz der 15. – weil ja klar ist, dass der tragische Grübler unter den Sowjet-Komponisten das nicht ernst gemeint haben kann. Die pumpelmuntere Spielmusik, die durchsetzt ist von Zitaten aus Rossinis „Tell“-Ouvertüre, deren Witz an den Nerven zerrt, deren Groteske sarkastisch klingen kann – oder banal. Meta-Musik also, in der nichts ist, wie es scheint, Musik, die nicht versteht, wer nicht die Hintergründe kennt ...

Alles ganz anders?

Oder ist doch alles ganz anders? So wie bei Neeme Järvi, der das Allegretto beim Wort nimmt. Der hinter musikalischem Witz nicht auf Teufel komm’ raus nach Welthaltigkeit suchen muss, nach Leid und Trauer und Tragik. Der den so virtuosen wie zerbrechlichen Satz laufen lässt. Ziemlich flott sogar. Der keine Angst vor Jahrmarkt-Klängen hat und vor Banalem. Und der diesen Anfang vom sinfonischen Ende dennoch nicht harmlos klingen lässt oder hohl. Denn Neeme Järvi ermuntert das Gewandhausorchester um Konzertmeister Frank-Michael Erben zu jeweils individuellem Spielwitz. Das ist dem Zusammenspiel, zumal im Blech, nicht immer zuträglich, hilft dem Kopfsatz aber ungemein. Weil er so belebt und durchlüftet das Holzschnittartige ablegt und das Kunstgewerbliche.

Auch das erste Adagio lässt Järvi in neuem Licht erscheinen – also überhaupt erst einmal beleuchtet. Denn die meisten Kollegen legen diesen Satz in schwärzester Tristesse an. Järvi und das Gewandhausorchester dagegen suchen eher nach Schönheit als nach Verzweiflung. Gewiss – auch so nach vorn musiziert wird keine Polka draus. Aber wie sich nacheinander immer wieder neue Duette finden in dieser strukturell zweistimmigen Musik, immer neue Kombinationen aus Farben und Stimmungen, das bedarf übers klingende Ergebnis hinaus keiner Erläuterungs- und Einordnungs-Prosa.

Beim mechanisch-motorischen zweiten Allegretto und dem zweiten Adagio mit seinen raunenden Wagner-Zitaten wird indes auch unter Neeme Järvis weise sparsamem Schlag kein Schuh draus. Ersteres wirkt seltsam hohl. Und das Finale zieht sich doch gar sehr – bis zum aparten Schlagwerk-Dengeln der Coda. Das klingt wie eine Kindheitserinnerung an mechanisches Spielzeug und schließt so diese ästhetisch nicht unproblematische „Summe des Lebens“ mit dem Anfang kurz.

Aber vielleicht ist auch alles ganz anders. Wie bei Gustav Mahler – auch so ein Aber-Komponist. Wie Schostakowitsch baute auch er seine sinfonischen Kosmologien schon aus höchst heterogenem Material zusammen. Aus Bekanntem, Banalem, Alltäglichem, aus Tanz und Marsch, Kaserne und Kirche, Salon und Synagoge. Aber während Schostakowitsch sein Material oft nur auffädelt, schob Mahler es zusammen, türmte es zu ungeheuren Gebirgen. Der Schlüssel zu deren Verständnis liegt indes in den frühen Orchesterliedern. Nicht nur, weil die erste Hälfte durchzogen ist vom Material der Wunderhorn-Lieder, sondern mehr noch, weil bis ins Lied von der Erde hinein Liedstrukturen diese Organismen tragen. Insofern beleuchtet die erste Konzerthälfte, in der Järvi sieben der Wunderhorn-Lieder präsentiert, den Beginn des sinfonischen Entwicklungsstrangs, der mit Schostakowitschs 15. endgültig endete.

Volkston und Tod

Als Solist steht der Bariton Matthias Goerne auf der Bühne – und zeigt erneut, warum er weltweit als einer der Größten im Liedfach (ganz gleich ob vom Klavier begleitet oder vom Orchester) gehandelt wird. Er belässt mit seinem geschmeidig geführten samtenen Bariton den Liedern ihren vermeintlichen Volkston, überfrachtet sie nicht mit Dramatik, sondern richtet seine unbändige Gestaltungskraft gleichsam nach innen. So klingen „Das Rheinlegendchen“, „Wo die schönen Trompeten blasen“, „Das irdische Leben“, „Urlicht“, „Des Antonius von Padua Fischpredigt“, „Revelge“ und „Der Tambourg’sell“ ganz natürlich – und doch unentrinnbar intensiv. Denn natürlich ist auch bei Mahler nichts harmlos, schon gar nicht der Volkston. Und eigentlich handelt er immer vom Tod.

Wie in „Revelge“ und dem „Tambourg’sell“, zwei spukhaften, düsteren, verstörenden Liedern, die weit in die Zukunft der Musik weisen. Goerne platziert den Gesang tief unter der Haut des Zuhörers, und Järvi umfängt ihn mit Klängen, die weit über Begleitung oder Illustration hinausgehen. Das Orchester wird hier selbst zum Erzähler, fahl und giftig, schrill und verzagt, zärtlich und böse. Der Vater des gewesenen MDR-Chefdirigenten hält das Metrum flexibel, folgt in den Strophen sensibel dem Wunderbariton an seiner Seite, gestaltet die Übergänge frei, beinahe rhapsodisch.

Auch hier ist das Zusammenspiel wieder nicht makellos. Aber angesichts der beglückenden Fülle an Farben und Schattierungen, die Järvi aus Mahlers einzigartiger Instrumentation herausholt, spielt derlei keine nennenswerte Rolle. Jubel, Bravi.

Von Peter Korfmacher

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