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Kultur Regional Neue Ausstellung nimmt den „Hofcompositeur Bach“ ins Visier
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16:06 15.02.2019
Ausstellung „Hof-Compositeur Bach" im Bacharchiv in Leipzig. Johann Sebastian Bach: „Musikalisches Opfer“ für Friedrich den Großen. Quelle: Kempner
Leipzig

Hoforganist, Konzertmeister, Hofkapellmeister, Kirchen-Komponist, Thomaskantor, „Hof-Compositeur“ – Art und Umfang der Aufgaben musikalischer Ämter unterschieden sich erheblich in den mitteldeutschen Residenzen und Städten. Einheitlich gültige Stellenbeschreibungen waren nicht üblich. Aber es gab Spezifizierungen wie zwischen Hasse und Zelenka am Dresdner Hof, an den Johann Sebastian Bach (1685–1750) in späteren Lebensjahren gerne von Leipzig gewechselt wäre. Die gestern eröffnete neue Kabinettausstellung des Bach-Museums zeigt auch, warum Bach so intensiv abwägen musste, ob er die renommierte Stellung des Hofkapellmeisters in Köthen für das Amt des Thomaskantors aufgeben solle. Die Würdigung „Hof-Compositeur“, mit der der katholische Dresdner Hof Bach auszeichnete, war dagegen nur ein Ehrentitel, um den sich der evangelische städtische Angestellte Bach bei Friedrich August II. bis 1736 verbissen bemüht hatte.

Mit dem Bachfest eng verzahnt

Zum ersten Mal gibt es im Bach-Museum eine Ausstellung, die eng mit der Programmgestaltung des nächsten Bachfestes verzahnt ist. Damit bereichert sie die dramaturgische Verdichtung des vom 14. bis zum 23. Juni stattfindenden Festivals. Besonders stolz sind die Kuratorin Henrike Rucker, Kerstin Wiese (Leiterin des Bach-Museums) und Franziska Grimm (Geschäftsführerin des Bach-Archivs) auf die Präsentation der originalen Autographe der „Brandenburgischen Konzerte“, die Bach Markgraf Christian Ludwig von Brandenburg-Schwedt widmete, und der Jagd-Kantate für Fürst Leopold von Anhalt-Köthen. Die kommen allerdings erst am 25. März in die Ausstellung, weil die Staatsbibliothek Berlin eine Leihe von maximal drei Monate gestattet und Bachfest-Besucher die wertvollen Dokumente sehen können sollen. Gezeigt werden auch die kostbaren Autographe der h-moll-Messe und der erst 2005 vom heutigen Bachfest-Intendanten Michal Maul entdeckten Arie „Alles mit Gott und nichts ohn’ ihn“.

Vielzahl von Funktionen

Bach wirkte als Hoforganist und Konzertmeister in Weimar (1708–1717) sowie als Kapellmeister in Köthen (1717–1723). Zum Sachsen-Weißenfelsischen Hofkapellmeister wurde er 1729 ernannt. Wie sah damals die berufliche Realität von Musikern und Komponisten aus? Beim Eintritt in die Ausstellung fällt der Blick auf die Wand mit der stark vergrößerten Kopie der Zeichnung „Abendliche Festtafel am Hof in Dresden zum 49. Geburtstag Augusts des Starken am 12. Mai 1718“ von Johann Friedrich Wentzel. Unten tafeln die Würdenträger in der dem zeremoniellen Protokoll folgenden Tischordnung. Auf der Empore sorgen Sänger und Instrumentalisten für eine opulente Tafelmusik. Hier wird die Funktion von Musik bei Festlichkeiten und Huldigungen deutlich, ungestörte Aufmerksamkeit für die Werke erwartete bei solchen Anlässen niemand. Für Widmungsträger und Komponisten gab es ein mehrschichtiges System mit einer Vielzahl von Funktionen musikalischer Werke, die neben den Aufführungen das Prestige der Potentaten zu Lebzeiten und lange darüber hinaus steigern sollten.

Repräsentation und Reichtum

Auf der Rückseite der Kopie dieser Zeichnung bringt eine „Fürstenwand“ Ordnung ins Beziehungsgeflecht Bachs zu Residenzen und mitteldeutschen Kleinstaaten, die wie Weißenfels, Altenburg, Köthen, Weimar nicht mit der Dresdner Prachtenthaltung konkurrieren konnten, dafür aber dennoch beträchtliche Mittel einsetzten. Repräsentation und das Ausstellen von Reichtum gehörten einfach dazu. Auf der Fürstenwand sieht man Porträts von Bachs Auftraggebern wie Wilhelm Ernst, Herzog von Sachsen-Weimar, und Leopold, Fürst von Anhalt-Köthen.

Recycling

An den Hörstationen findet man Werke Bachs, die für höfische Auftraggeber entstanden. Viele verwendete Bach später für Sakralkompositionen ein weiteres Mal. Zu diesen gehört die für den 24. Geburtstag Leopolds von Köthen-Anhalt entstandene Serenata „Der Himmel dacht auf Anhalts Ruhm und Glück“ auf Verse von Christian Friedrich Hunold. Auch wenn die Noten dieses Repräsentationsstücks verloren gingen, gilt es in der Forschung als sicher, dass Bach fünf Sätze in die für Leipzig komponierten Kantate „Erfreut euch, ihr Herzen“ (1724) aufnahm. Ein Beispiel von vielen.

Bessere Aufstiegschancen

Auch die optimale Planung einer Musikerkarriere im 18. Jahrhundert ist Thema. Was bewog Bach zum Wechsel vom höfischen Köthen ins bürgerliche Leipzig? Eine Erörterung des Weißenfelser Hofmusikers Johann Beer gibt Antwort: Als städtischer Amtsinhaber konnte Bach auf eine stabilere berufliche Basis vertrauen als im Dienst bei einem Fürsten, der in der Regel mit dem Tod des Dienstherren endete. Ein städtisches Amt bot bessere Aufstiegschancen. Stipendien für die Ausbildung der Kinder wirkten auf den Familienvater Bach und seine zweite Ehefrau Anna Magdalena ebenfalls attraktiv.

Diese Ausstellung verdeutlicht Entstehungs- und Rahmenbedingungen von Musik im Absolutismus: Bachs weltliches und sakrales kompositorisches Schaffen ist nicht nur ästhetische Erfüllung, sondern auch tönende Geschichte. Begleitmaterial hält das Bach-Museum für Schulklassen bereit, bei Kamprad erschien eine informative Broschüre.

Bach-Museum: Kabinettausstellung „Hof-Compositeur Bach“; bis 23. Juni 2019; di–so und an Feiertagen 10–18 Uhr; www.bachmuseumleipzig.de

Von Roland Ha. Dippel

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