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00:37 06.05.2018
Ilse Lafer ist die neue Chefin der HGB-Galerie in Leipzig. Quelle: André Kempner
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Leipzig

Es sieht aus wie eine Lieferung aus dem Baumarkt. Doch die zugeschnittenen Spanplatten liegen genau in der Achse der Eingangstreppe der HGB und sollen eine dekonstruierte Fortsetzung jener sein. Nur nach oben geht es nicht mehr, man bleibt auf gleichem Level. Dem Österreicher Johannes Porsch geht es um das Ausstellen als eine Form der Kunstausübung an sich. Darum hat er außer den Platten noch sparsame Grafiken an die Wände gehängt, die in der Werkstätten der Hochschule gedruckt wurden.

Außerdem sieht man einen Stapel von Blättern. Es sind Andrucke für ein noch unvollendetes Buch, zum Mitnehmen einladend. Der Ausstellungstitel „The Metapher Problem, Again, Again“ ist davon abgeleitet. Es ist eine Neuinterpretation von John Baldessaris und Lawrence Weiners Arbeit vor zwei Jahrzehnten. Der Betrachter oder Leser bekommt keine visuelle Darstellung geliefert, muss ich selbst ein Bild machen. Kopfkino in Reinform.

Die Leute sollen stehen bleiben. Eine Performance von Johannes Porsch. Quelle: André Kempner

Bei den im Raum verteilten Bildschirmen sieht man zwar etwas. Doch das Bild steht. Es sind Stills aus der Videoaufzeichnung einer Performance von Porsch, bei der Leute ruhig stehen bleiben sollen. Die Unmöglichkeit des reinen Einfrierens der Bewegung wird erst in der Aufzeichnung nachträglich erreicht.

Ilse Lafer hat sich diese Zutat zur Ausstellung gewünscht. Als neue Leiterin der HGB-Galerie ist sie dazu befugt. Auch sie ist Österreicherin, unterrichtet parallel weiterhin an Wiener Kunsthochschulen. Warum dann die Bewerbung im vergleichsweise provinziellen Leipzig? Eine interne Galerie in einer Akademie ist eine Rarität.

Zwar finden auch Studierende anderer Hochschulen noch vor dem Diplom Möglichkeiten, sich in Ausstellungen auszuprobieren. Ilse Lafer wirkt an solchen informellen Projekten in Wien selbst mit. „Doch hier gibt es zumindest mit einer 70-Prozent-Stelle eine kuratorische Betreuung.“ Dass es jemanden gebe, der als Persönlichkeit für das Gesicht solch einer Einrichtung steht, sei einmalig.

Die letzten Jahre waren für die HGB-Galerie vor allem durch häufigen Wechsel und Provisorien gekennzeichnet. Außenstehenden mag das nicht sonderlich aufgefallen sein, stehen doch mit den Präsentationen von Diplomarbeiten, Meisterschülern und Studienpreis-Trägern mehrere jährliche Termine fest. Doch dazwischen gab es viel Improvisation.

Das Angebot an die Studierenden, selbst den attraktiven Raum zu bespielen, wurde kaum angenommen. Möglicherweise, weil eben dieses helfende Händchen fehlte. Vielleicht ist es aber auch reizvoller, sich einen Offspace ganz nach eigenem Gustus zu erschließen, ohne dass ein Professor oder nörgelnder Journalist vorbeikommt.

Schaufenster zur Stadtbevölkerung

Ilse Lafer umschreibt ihr Programm mit „Bildung und Politik“. Der erste Punkt erscheint naheliegend für eine Hochschule. Der zweite ist kein Muss für Nachwuchskünstler, gerade an der HGB aber auch seit vielen Jahren keine Seltenheit.

Zunächst sei aber eine Struktur aufzubauen. Zehn Studierende konnten für eine Arbeitsgruppe gewonnen werden. Sie sind Aufsichtskräfte und helfen beim Aufbau der Ausstellungen, haben aber auch Mitspracherechte beim Programm. Der Charakter der Galerie als Schaufenster zur Stadtbevölkerung hin gehe auch außer den gesetzten Fixpunkten nicht verloren, so Lafer. Studentische Arbeiten seien weiterhin ein roter Faden, doch nicht sauber nach Klassen sortiert, eher in interdisziplinärer Kooperation. Das soll in schneller Rotation erfolgen, manchmal nur für zehn Tage.

Daneben aber möchte sie aber auch die Welt hineinholen. Als die Galerie in den 70er Jahren gegründet wurde, war das ein Hauptanliegen von Christine Rink als erster Leiterin. Verständlich angesichts des Informationsmangels in der DDR. Heutige Studenten sind mobil, können sich alles ansehen und tun es auch nach eigener Auswahl. Dennoch möchte Ilse Lafer beispielsweise Adam Szymczyk, den Chef der vorigen documenta, als Gastkurator holen und aus gegebenem Anlass das Bauhaus zum Thema machen.

Was der hochschuleigenen Galerie seit geraumer Zeit fehlt, ist nicht unbedingt die Qualität der Ausstellungen, sondern vor allem Kontinuität, eine erkennbare Linie. Genau das möchte Ilse Lafer ändern. Ob es ihr bei dem Pendeljob zwischen Wien und Leipzig gelingen kann, bleibt abzuwarten.

Johannes Porsch. The Metapher Problem, Again, Again: bis 19. Mai, Di–Fr 14–18 Uhr, Sa 12–16 Uhr; Galerie der HGB Leipzig, Wächterstraße 11

Von Jens Kassner

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