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Kultur Regional „Niemand hat die Kultur für sich gepachtet“
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16:40 17.04.2018
MDR-Programmdirektorin Nathalie Wappler Hagen. Quelle: Andre Kempner
Leipzig

Haben Sie es schon bereut, aus der gemütlichen Schweiz nach Mitteldeutschland gekommen zu sein?

Nein, warum sollte ich? Ich freue mich sehr, in dieser Region arbeiten zu dürfen, die so reich an Kultur ist und an Geschichte.

In dieser so reichen Region ist bei der letzten Bundestagswahl in Gestalt der AfD eine Partei zur stärksten Kraft geworden, die mit Vehemenz für die Abschaffung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks eintritt.

Ach ja – solche Debatten kenne ich auch schon aus der Schweiz. Aber ich finde, dass wir hier wie da als Medien, nicht nur für den Rundfunk gesprochen, für so starke Werte stehen und für so viel Qualität, dass wir diese Diskussion unerschrocken führen können.

Welche Diskussionen? Im Moment wird die Debatte eher mit Schlagworten, Sentenzen und Stanzen geführt.

Die müssen wir geduldig und immer wieder als Schlagworte, Sentenzen und Stanzen entlarven. Wir müssen zeigen, wofür wir stehen – für einen gemeinsamen freien Rundfunk aller Bürgerinnen und Bürger in einer freien demokratischen Gesellschaft.

Das hat die AfD in ihrem Wahlprogramm präzisiert: ein „objektiver Bürgerrundfunk“.

Ja – schon wieder so ein populistisches Schlagwort. Das ist derzeit eine der wichtigsten Aufgaben von Medien, wegzukommen von Schlagworten, die von Leuten in die Debatte gebracht werden, die von sich behaupten, die Mehrheit zu vertreten. Das tun sie nicht. Und wenn sie „Wir sind das Volk“ skandieren, entspricht auch das nicht der Wahrheit, sondern ist eine Anmaßung. Überhaupt ist in letzter Zeit zu viel von Volk oder Nation die Rede, wenn eigentlich die Gesellschaft gemeint ist – und schon in dieser Begriffsverschiebung zeichnet sich ein Angriff auf die Gesellschaft ab und auf ihre staatlichen Institutionen. Es wird Zeit, dass wir dem etwas entgegenhalten.

Was wollen Sie Emotionen und Ressentiments entgegenhalten?

Ein Großteil dieser Ressentiments, ja des Hasses, der sich da gerade in den und über die Medien entlädt, ist entstanden aus Enttäuschung über nicht erfüllte Erwartungen. Wir sollten also künftig sehr darauf achten, dass wir sagen, was wir tun, und tun, was wir sagen. Und dann müssen wir den Wert dessen erklären, was wir tun – dass es eben nicht das gleiche ist, wie das, was Sie im Netz finden.

Inwiefern?

Das Internet steht für eine nur scheinbare Demokratisierung des Wissens. Denn es schürt den Glauben, jeder könne in ihm alles erfahren. Tatsächlich ist es aber so, dass hier jeder Bestätigung finden kann für das, was er bereits zu wissen glaubt. Da finden selbst die verquersten Verschwörungstheoretiker Gleichgesinnte und Sprachrohre. Dem müssen wir noch deutlicher als bisher den Wert der Nachricht entgegensetzen, den der Wahrheit – die man allerdings nicht pachten kann. Auch wir nicht.

Wie meinen Sie das?

Wahrheit heißt: nach bestem Wissen und Gewissen und nach gewissenhafter Recherche zum jetzigen Zeitpunkt. Es gibt nur sehr wenige Wahrheiten, die wirklich unverrückbar wären. Nur wenn wir das offen benennen, haben wir eine Chance gegen den dumpfen Antiintellektualismus, diese Anti-Haltung gegenüber den Errungenschaften der Aufklärung, ja ganz grundsätzlich gegenüber den Geisteswissenschaften.

Und da kommt die Kultur ins Spiel, für die Sie ja verantwortlich sind beim MDR?

Ja – und mit der verhält es sich ähnlich wie mit der Wahrheit: Niemand hat die Kultur für sich gepachtet, auch und schon gar nicht die AfD mit ihrem sehr konventionellen bis rückwärtsgewandten Leitkultur-Begriff. Wir haben in Deutschland sehr unterschiedliche Kulturen, die müssen wir in Kontakt zueinander bringen, ohne sie zu nivellieren. Und unsere Aufgabe als Rundfunkanstalt ist es, mit verschiedenen Kulturbegriffen verschiedene Zielgruppen zu erreichen.

Sieht es in der Realität nicht eher so aus, dass vor lauter Angst, irgendjemanden bei irgendetwas auszuschließen, das Niveau immer weiter abgesenkt wird, oder komplexere Formate auf dem Abstellgleis digitaler Sparten-Kanäle landen?

Ganz falsch ist das nicht. Obwohl ich Ihre Einschätzung der digitalen Kanäle so nicht teile. Ich habe während meiner Zeit beim Schweizer Fernsehen beispielsweise die wirklich anspruchsvolle Gesprächsreihe „Sternstunde Philosophie“ gemacht. Damit erreicht man natürlich kein allzu großes Publikum – aber nach der Ausstrahlung mit Abrufen aus der Mediathek über die Zeit doch beachtliche Reichweiten.

Aber ist nicht auch dafür der Anker im linearen Programm wichtig? Gibt es den nicht, schließt man entdeckungsfreudige Laufkundschaft von vornherein aus ...

... ja, das ist so. Und für den MDR arbeite ich daran. Mir liegt das am Herzen.

Man hört, das sei bei der Musik nicht anders ...

... oh ja, und die Verantwortung für die Klangkörper war einer der Gründe, dass ich mich für den Wechsel entschieden habe.

Bei den Klangkörpern haben Sie sich auch für einen Wechsel entschieden: Chefdirigent Kristjan Järvi hört zum Ende der Spielzeit auf – was macht die Suche nach einem Nachfolger?

Da lassen wir uns die Zeit, die wir brauchen, um den Richtigen zu finden.

Wissen Sie denn, wonach sie suchen?

Auch darum lassen wir uns Zeit: Wir müssen zuerst die Position des Orchesters in dieser musikalisch so reichen Region definieren. Es ist nicht ganz leicht, in diesem Umfeld ein Alleinstellungsmerkmal zu finden.

Ist denn die Position der Klangkörper innerhalb des Senders geklärt? Vor allem im Fernsehen ist die Präsenz doch sehr begrenzt.

Der aufmerksame Beobachter könnte festgestellt haben, dass sich seit meiner Ankunft die Sichtbarkeit der Klangkörper bereits erhöht hat. Zum Beispiel mit der Übertragung des Deutschen Requiems von Johannes Brahms aus der Dresdner Frauenkirche. Aber es muss ja immer auch ins Programm passen. Niemandem ist geholfen, wenn wir beliebige Konzerte abfilmen und sie an beliebiger Stelle ausstrahlen.

Auch beim Radio muss die Musik ins Programm passen – Neue Musik scheint es nur noch sehr selten zu tun. Und ihre Produktion hat der Mitteldeutsche Rundfunk abseits der eigenen Klangkörper vollends eingestellt.

Für mich gehört die Neue Musik ganz klar zum Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Wir haben die Kompetenz.

Die Zukunft der Klangkörper steht aber trotz aller Ungewissheiten und Sparzwänge grundsätzlich nicht in Frage?

Nein. Gewiss nicht.

Auch in den Dimensionen eines großen Konzertchors und eines Sinfonieorchesters, das im Grunde das ganze Repertoire spielen kann?

Auch daran rüttelt niemand.

Dann wäre es zum Beispiel eine schöne Aufgabe für einen neuen Chef, sich wieder vermehrt um Chorsinfonik zu kommen. Kristjan Järvi scheint dieses Repertoire nicht so brennend zu interessieren.

Ja, das ist eine schöne Aufgabe – aber längst noch kein Profil oder gar ein Alleinstellungsmerkmal in der mitteldeutschen Musiklandschaft

Von Peter Korfmacher

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