Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Kultur Regional Nikolaus Habjan glänzt mit dem Puppensolo „Böhm“
Nachrichten Kultur Kultur Regional Nikolaus Habjan glänzt mit dem Puppensolo „Böhm“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
17:25 08.11.2018
Nikolaus Habjan zeigt „Böhm“ bei der Euro-Scene. Quelle: Lupi Spuma
Leipzig

„Der Musik muss das Politische egal sein. Und wenn sich die Politik für die Musik interessiert, dann kann man nichts machen.“ Diesen Satz lässt Nikolaus Habjan in seinem Figurentheaterstück „Böhm“ den Dirigenten sagen, als der im kalten Licht des Scheinwerfers dem Konzertmeister Wolfgang Schneiderhan die Welt erklärt. Zufällig interessiert sich die Politik gerade sehr für die Musik, die Nazis sind an der Macht, und Künstler wie Karl Böhm und Schneiderhan profitieren. Weil sie zu Nachfolgern werden von aus dem Amt gedrängten Musikern. Weil sie sich später auf der Gottbegnadetenliste widerfinden. „Da kann man nichts machen.“ Diabolisch leuchtet Böhms Gesicht. Wie diabolisch seine Einstellung ist, lotet die Inszenierung aus, überlässt das Urteil aber dem Publikum. Am Mittwochabend feierte die Produktion des Schauspiels Graz im Rahmen der Euro-Scene Deutschlandpremiere im Schauspiel Leipzig.

Schildkrötenartig windet sich der Hals des alten Herren aus dem blauen Hemdkragen. Mit herrischer Geste dirigiert er Schubert zum Klang der Schallplatte. Dann faltet er mit österreichischen Schimpftiraden das Orchester zusammen. In dieser Eingangsszene zeigt sich bereits die große Kunst Habjans, der erstens den lebensgroßen Puppen-Greis im Rollstuhl selbst gebaut hat (in Zusammenarbeit mit Marianne Meinl sind alle Figuren entstanden) und ihn zweitens hoch realistisch spielt mit zitternden Händen, autoritärem Dirigat oder resigniertem Kopfzucken. Das gerät hinreißend und Habjan zieht das Publikum mit der Magie seines Spiels sofort in Bann.

Zugleich deutet die Bühne von Julius Theodor Semmelmann die Doppelbödigkeit der Inszenierung an. Der alte Herr sitzt im Rollstuhl umgeben von Holzmöbeln, tickenden Uhren und dem Plattenspieler. Außerhalb der Wohnzimmerbox aber stehen verwaiste Notenpulte. Zeichen einer großen Vergangenheit als Dirigent? Das bleibt bewusst offen. Der Theatertext von Paulus Hochgatterer taucht die Identität des alten Herren in Unschärfe. Ist er der alte Böhm, ein ehemaliger Wegbegleiter, Kollege, Freund, Feind?

Auf jeden Fall grantelt er, betreut von einem Pfleger, den Habjan selbst verkörpert. Als Puppe wiederum kommt die kleine Schwester der Pflegers ins Spiel, ein Kind noch, das in einen naiven Dialog tritt mit dem Greis. „Wären Sie auch gern mitgelaufen – beim Marathon?“, fragt sie ihn, obwohl an Laufen natürlich nicht zu denken ist. Das kommt harmlos daher, zündet aber sogleich, weil durch den Kontext des Satzes die Assoziation in eine andere Richtung gelenkt wird: das Mitläufertum im Nationalsozialismus.

So rollt die Inszenierung über Bande die Biografie Böhms auf. Vom sicheren Grund des Wohnzimmers, Ankerpunkt der Inszenierung, springt der Abend zu entscheidenden historischen Wegmarken in kleine So-könnte-es-gewesen-sein-Szenen. Zitate aus einem Kontext bekommen im Licht der anderen Zeitebene eine neue Bedeutung. Das ist klug montiert und vermeidet scharfe Anklagen. Doch die Frage, wo Böhm, der nicht NSDAP-Mitglied war, sich hätte unter moralischen Aspekten anders verhalten müssen, schwebt permanent über den (Puppen-)Köpfen.

So taucht Fritz Busch auf, ein Vorgänger Böhms an der Dresdner Semperoper, der lieber emigriert, als sich von jüdischen Kollegen und Freunden zu distanzieren. Habjan platzt sächselnd als Gaukunstwart in die Probe. Busch behält seine Würde, indem er zurücktritt. Richtiges Verhalten, sagt er, sei wichtiger, als gute Musik zu machen.

Busch ist eine von mehreren etwa ein Meter großen Figuren, mit denen Habjan in dieser Inszenierung erstmals spielt. Keine Klappmaulpuppen, aber schmale, bewegliche Gestalten mit jeweils einer charakteristischen Körperbewegung. Eine erweiternde Facette in Habjans Spiel, der vor zwei Jahren zur Euro-Scene seinen Erstling „Schlag sie tot“ um den Grantler Herr Berni mitbrachte. Und wer sich in Optik und Habitus von der Böhmpuppe an Herrn Berni erinnert fühlt, liegt nicht falsch: Ein zufällig auf dem Tisch liegendes CD-Cover von Böhm inspirierte Habjan vor zehn Jahren zur Berni-Figur – seither beschäftigt sich der 31-Jährige mit Böhms schwieriger Biografie. Der Grundstein für das aktuelle Stück.

Böhms Stationen sind genau recherchiert, das Publikum folgt zur Musik von Böhm-Dirigaten den Wechseln der Konzerthäuser. Am 9. November 1938 dirigiert Böhm im Wiener Konzerthaus. Reichspogromnacht. Die Nacht, in der Böhm im Stück zu Schneiderhan sagt: „Da kann man nichts machen.“

Am Ende stößt der alte Mann eine Böhm-Skulptur vom Sockel. Was etwas billig wäre als Finale des gelungenen Stücks – schlüge sich der Mann nicht sogleich erschrocken die Hand vor den Mund. Nur ein Versehen.

www.euro-scene.de; Karten: 0341 2154935

Von Dimo Rieß

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

„Showtime“, die Winterproduktion des Krystallpalast-Varietés soll an die gute alte, die große Zeit der Kleinkunst in Leipzig anknüpfen, an den großen Krystallpalast, der zu den Top-Adressen in Europa gehörte. Dies indes gelingt nur zum Teil.

11.11.2018

Nachdem der Leipziger Buchbinder Theodor Trampler 1928 arbeitslos geworden war, ging er nach New York, um dort für die Familie Geld zu verdienen. 15 Monate arbeitete er da und hielt als Hobbyfotograf fest, was ihn faszinierte. Auch sein Enkel, der Musikproduzent Ulrich Balß, hat in den letzten Jahren bei seinen Aufenthalten in New York viel fotografiert und nun ein Buch veröffentlicht: „New York“.

07.11.2018

Sakrale Innigkeit und brodelnde Lebensfreude gehen Hand in Hand in „Requiem pour L.“ von Komponist Fabrizio Cassol und Regisseur Alain Platel. Mit dem szenischen Konzert, das Mozarts Requiem weltmusikalisch überschreibt, hat die bis Sonntag dauernde Euro-Scene Leipzig erfolgreich begonnen.

07.11.2018