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Kultur Regional Nir de Volff im Lofft Leipzig: Wie syrische Tänzer in Deutschland ankommen
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Mussten sich erst an die Berliner Tanzszene gewöhnen: Die syrischen Tänzer in „Come as you are # 2017“ von Nir de Volff.   Quelle: Bernhard Musil
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Leipzig

 Wie geht es syrischen Tänzern, die vor dem Krieg aus ihrer Heimat geflohen sind, in Deutschland? Und wie verhält sich ein Körper, der monatelang durch verschiedene Länder gelaufen ist, der auf dem Boden geschlafen hat, der Angst hatte? Mit diesen Fragen beschäftigt sich Choreograph und Tänzer Nir de Volff in seinem Stück „Come as you are #2017“, das ab Donnerstag im Lofft in Leipzig gezeigt wird.

„Das Thema hat uns sehr interessiert und wir sind gespannt“, sagt Anne-Cathrin Lessel, Produktionsleiterin des Lofft-Theaters. Die Tänzer, die de Volff ausgewählt hat, haben in ihrer syrischen Heimat als Showtänzer gearbeitet, sie sind Bewegungen gewohnt, die wenig mit der zeitgenössischen Tanzszene in Deutschland zu tun haben. „Ich wusste: Sie müssen ihren Körper und ihren Bewegungsstil verändern, sonst werden sie in Deutschland nie Arbeit finden“, erzählt de Volff. Von diesem Prozess des Ankommens in der europäischen Tanzszene, aber auch in einem neuen Alltag, erzählt „Come as you are“.

Tänzer und Choreograph Nir de Volff. Quelle: Bernhard Musil

Die drei Tänzer Medhat Aldaabal, Moufak Aldoabl und Amr Karkout tanzen im Stück nicht nur, sondern erzählen auch von ihren Erlebnissen, sprechen über die Tanzszene in Damaskus („Folklore und Ballett!“) und Deutschland („In Berlin suche ich die totale Freiheit des Körpers“). „Come as you are“ folgt keiner festen Choreographie, es gibt ein Grundgerüst, das sich immer wieder leicht verändern kann.

Nir de Volff wurde in Tel Aviv geboren, machte dort eine Tanzausbildung und arbeitete in verschiedenen Kompanien. 2007 gründete er „Nir de Volff / TOTAL BRUTAL“. Die Kompanie arbeitet weltweit und sitzt in Berlin. „Als 2015 so viele Geflüchtete nach Deutschland kamen, wollte ich helfen“, sagt de Volff. Gemeinsam mit einer Gruppe von Freiwilligen lud er Geflüchtete ein, kam irgendwann auch mit Tänzern aus Syrien in Kontakt.

Ein persönlicher Krieg gegen den eigenen Körper

Als er sich zum ersten Mal mit dem Tänzer Mehdat Aldaabal traf, merkte de Volff: „Sein Körper war wie ein Stein.“ Diese Begegnung der beiden Männer beschreibt de Volff als einen „sehr besonderen Moment in meinem Leben.“ Dass de Volff aus Israel kommt, Aldaabal aus Damaskus in Syrien, spielte keine Rolle. „Für mich ist das unwichtig, wir sind alle Menschen.“

Zusammen mit zwei weiteren Tänzern erarbeiteten sie „Come as you are“. „Ich wollte zeigen, wie sich die Angekommenen nach zwei Jahren in Berlin fühlen, wie sich ihr Körper verändert hat“, sagt der Choreograph. Auf der Bühne bewegen sich die Tänzer geschmeidig und scheinbar mühelos, von der Unbeweglichkeit und der langen Tanzpause ist zumindest äußerlich nichts mehr zu sehen. Leicht sei der Weg dorthin nicht immer gewesen, sagt de Volff. „Das ist wie ein persönlicher Krieg gegen den eigenen Körper.“ Der Choreograph half den Tänzern auch, Probleme im Alltag zu bewältigen. Er gab Tipps zur Wohnungssuche, zum Einkaufen, zum Verhalten in Deutschland.

In Berlin wurde die Performance bereits gezeigt. „Die Reaktionen waren sehr emotional, Menschen haben geweint“, erinnert sich de Volff. Die Co-Produktion mit dem Leipziger Lofft ist schon seit anderthalb Jahren in Planung. „Nir de Volff nimmt sich oft Themen an, anhand derer man etwas verhandeln kann, die polarisieren“, sagt Lessel. Auch 2015 gab es schon eine Zusammenarbeit zwischen de Volff und dem Lofft.

Eines ist de Volff noch wichtig: Er wünscht sich, dass Menschen nicht aus Mitleid mit den Geflüchteten in sein Stück kommen. „Lieber mit der Lust, das Leben der Tänzer zu beobachten und etwas von der syrischen Kultur zu lernen. Die Tänzer betrachten sich als Syrer, nicht als Flüchtlinge“, sagt der Choreograph.

Info:
Vorstellungen im Lofft-Theater am 26., 27. und 28. Oktober 2017 jeweils um 20 Uhr.
Tickets gibt es hier.

Von Sophie Aschenbrenner

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