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Kultur Regional Off Europa: Regierungskritische Performance aus Ungarn
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00:34 26.05.2018
Führt die Absurdität der Realität vor: die regierungskritische Performance „Ungarische Akazie“ im Lofft. Quelle: Foto: Grit Friedrich
Leipzig

Dass die ungarische Regierung Kunst zensiert, so weit würde Tamás Jászay nicht gehen. Der ungarische Theaterkritiker spricht eher von einer Selbstzensur der Künstler im Land – was er eigentlich noch viel schlimmer findet. Theatermacher, die aus Angst vor Konsequenzen lieber seichte als kritische Stücke produzieren – ein selbst geschaufeltes Grab. Tamás Jászay war am Dienstag im Rahmen des Festivals „Off Europa“ zu Gast im Leipziger Lofft. Im Fokus steht in diesem Jahr Ungarn. Zur Eröffnung war das Stück „Ungarische Akazie“ zu sehen, hochpolitisch, regimekritisch, lustig und absurd.

Die beiden Macher, der bildende Künstler György Pálinkás und der Regisseur Kristóf Kelemen, nennen ihre knapp anderthalbstündige Arbeit ein „post-faktisches Dokumentarstück“. Die Performance wurde am Dienstag zum ersten Mal außerhalb Ungarns aufgeführt, mit deutschen und englischen Übertiteln.

„Ungarische Akazie“ ist eine multimediale, rhythmisch dichte, nie langweilige Sprechtheater-Performance. Zwischendurch tragen die Schauspieler Gedichte vor, singen, spielen auf selbstgebauten Flöten, schauen auf die Videos, die hinter ihnen flimmern. Auf der Bühne ist Erde aufgeschüttet, fünf junge Akazien stehen darauf, darunter Gänseblümchen, ein bisschen Gras.

Die Ungarn halten die Akazie für typisch ungarisch

Zu Beginn erzählen die fünf Darsteller die Geschichte der ungarischen Akazie, die ursprünglich im 18. Jahrhundert von Amerika nach Ungarn kam und dort zum Nationalsymbol des Landes wurde. Leidenschaftlich verteidigt von einer Regierung, die Fremden gegenüber sonst nicht so offen ist – Viktor Orbáns landesweite Plakataktion gegen Geflüchtete im letzten Wahlkampf sei nur als ein Beispiel erwähnt.

Die Mehrheit der Ungarn, lernt der Zuschauer, hält die Akazie für einen typisch ungarischen Baum. Da lacht das Publikum zum ersten Mal – doch die Absurdität der Realität wird manchem noch häufiger ein Lachen hervorlocken, wenn auch ein ungläubiges, ein bisschen bitteres Lachen.

2014 identifizierte die Umweltkommission der EU die Akazie in Ungarn als „Invasive Alien Species“. Solche Arten sind Tiere oder Pflanzen, die auf unnatürliche Art und Weise in eine neue Umgebung gebracht werden und sich dort schädlich auf das ökologische Gleichgewicht auswirken.

Die Regierung schlug sich auf die Seite der Akazie

Der Aufschrei, der daraufhin durch Ungarn ging, war groß. Politiker der regierenden, nationalkonservativen FIDESZ-Partei solidarisierten sich umgehend mit der ungarischen Akazie. Auf Facebook, bei Veranstaltungen und im Fernsehen protestierten sie massiv gegen eine Ausrottung der Pflanze – die im Übrigen nie geplant war.

Die Akazie wurde sogar zum Hungarikum erklärt – eine Ehre, die nur Produkten zuteil wird, die typisch ungarisch sind. Dass eine eigentlich amerikanische, definitiv nicht-ungarische Pflanze mit aller Macht in Ungarn gehalten werden, dass sie das Land sogar repräsentieren soll, das sei doch ein schönes Zeichen, sagen die Performer spöttisch. Könnte diese Gastfreundschaft nicht auch auf den Empfang von Menschen aus anderen Kulturkreisen übertragen werden?

Die beiden Macher arbeiten schon am nächsten Stück

„Jede und jeder, unabhängig von Blut, Geschlecht, Sprache, Reichtum, sexueller Orientierung, religiösen oder politischen Ansichten, kann ein gleichberechtigter Teil der ungarischen Nation werden, wenn sie oder er auf ungarischem Boden Fuß fasst“, dieser Satz fällt während der Performance immer wieder. Dass Fremdes Neugier weckt statt Ablehnung, das ist in Ungarn im Moment noch Utopie.

„Ungarische Akazie“ ist derzeit die einzige explizit politische Performance in Ungarn. Die Regierung fördert lieber harmlose Komödien und Kindertheater. Pálinkás und Kelemen lassen sich davon nicht beeindrucken. Sie arbeiten gerade an ihrem zweiten gemeinsamen Stück. Es soll um das Phänomen des Hungarikums gehen, um Korruption und darum, wie diese den Wettbewerb beeinflusst.

Von Sophie Aschenbrenner

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