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Kultur Regional Leipziger Ost-Passage-Theater eröffnet mit furiosem Experimentalstück
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06:57 12.03.2018
So lief das auch mit dem Bauantrag: Tauziehen während der Eröffnungsperformance im Ost-Passage-Theater in der Konradstraße. Quelle: Foto:
Leipzig

„Alles, was wir wollten, war Theater spielen.“ Sagt Karolin Süßmann. Sie ist Kulturwissenschaftlerin und Theatermacherin beim Ost-Passage-Theater (OPT) in Neustadt-Neuschönefeld. Zusammen mit Matthias Schluttig, Dramaturg und für den Spielplan verantwortlich, steht sie auf einem Podest. Schluttig heißt die 220 Menschen, die sich in dem 400 Quadratmeter großem Raum über einem Discounter in der Konradstraße verteilen, zur Eröffnungsperformance „Theaterhelden wie wir“ willkommen.

Publikum greift ein

Mehr Besucher waren nicht möglich. Denn es soll ein „einmaliges Experiment“ aufgeführt werden, bei dem sich die Akteure quer durch den Raum bewegen – dafür wird Platz benötigt. Dass immer wieder Leute aus dem Publikum aufgefordert werden, in die Handlung einzugreifen, soll zeigen: Das OPT will ein Theater für jeden sein.

Stoff des Stücks ist die eigene Entstehungsgeschichte. Von der ersten Idee bis zur Eröffnung sind beinahe acht Jahre vergangen. Das Stück ist eine Art Aufarbeitung für das eigene Seelenheil. Denn, das wird schnell klar, es war nicht leicht, dieses Theater zum Leben zu erwecken.

Die Probe fällt aus

Nichts ist an diesem Abend geprobt, beteuert Schluttig. Jeder Akteur bekommt, sobald er an der Reihe ist, seinen Text mit Regie-Anweisungen in die Hand gedrückt. Und jeder, der vorliest, sei angehalten, den Text beliebig zu erweitern, ergänzt Süßmann. Nacheinander werden Wegbegleiter seit 2011 auf die Bühne gerufen. Die Handlung findet inmitten des Publikums abwechselnd auf einer der fünf Spielinseln statt. Es gibt also keine feste erste Reihe und auch keine schlechten Plätze. Der Leipziger Osten – er ist in Bewegung.

Vier Stühle sind ein Nissan Micra

Bereits die Suche nach einem geeigneten Objekt war eine Herausforderung. Auf vier Stühlen, die für einen Nissan Micra stehen, machen sich die Initiatoren der ersten Stunde – Matthias Sterba, Matthias Schlüttig, Daniel Schade und Thomas Grahl – auf Entdeckungstour durch „Bruchbuden und leerstehende Häuser“ auf. In das 1909 als Verkaufshalle errichtete und 1912 zum Lichtspielhaus umgebaute Gebäude zwischen Rabet und Eisenbahnstraße verlieben sie sich sofort. Mit dem damaligen Eigentümer erzielen sie schnell Einigkeit: „Sie bauen, wir zahlen Miete. Ich baue, Sie zahlen Miete.“ So der Deal in Kurzform.

Nächste Episode: Wie soll das Kind heißen? Dafür wird eines der dienstäglichen Plenen aus dem Jahr 2013 nachgestellt – und einige Vorschläge samt Reaktionen werden wiederholt: Volxs-Bühne („Das hatten wir doch schon abgewählt“), Stammtisch-Theater-Ost, Schauspiel Reudnitz, Rabatztheater („Boah, das dauert alles ewig“). Im Saal Kichern und Applaus. Letztendlich seien alle Namen in eine Liste mit Punktesystem gepackt und demokratisch abgestimmt worden. Das Ergebnis ist bekannt.

Das Tauziehen um den Bauantrag kommt zur Aufführung

Dagegen war das Ende des Bauantrags aufgrund ständiger Nachforderungen lange nicht abzusehen gewesen. Um dem Publikum davon einen Eindruck zu vermitteln, „veranstalten wir jetzt ein Tauziehen“, sagt Süßmann. Dazu werden Zuschauer benötigt. Auf der einen Seite können diese für die „Bürokratie“, auf der anderen für die „Graswurzelinitiative“ antreten. „Auf die Seite der Bürokratie müssen noch mehr Leute, sie hat erheblichen Widerstand geleistet“, koordiniert Schluttig. „Es ist März 2014. Los geht’s!“ Etliche Monate verstreichen und werden von Zwischenrufen Schluttigs wie „Schallschutzgutachten“, „Brandschutzvorgaben“ und „Denkmalschutz“ begleitet. Die Baugenehmigung wird schließlich im Mai 2015 erteilt. Das Publikum jubelt.

„Der Mensch soll hier die Mitmenschen studieren“

Zum Ende der Aufführung trägt Süßmann noch ein Zitat von der ersten feierlichen Eröffnung des Hauses als Lichtspiel-Theater vor: „Die lebende Bilderkunst möge den Beweis erbringen, dass sie mehr sei als bloßes Vergnügen. Der Mensch soll abends seine Feierstunde verleben, er soll hier die Mitmenschen studieren, wie sie sind in Hass und Liebe.“

Es bleibt zu hoffen, dass im Ost-Passage-Theater sehr viele Menschen sehr lange zu studieren sein werden.

Von Mathias Schönknecht

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