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Kultur Regional Peinlich Bären und übersehene Filme
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16:41 17.02.2019
Bäriges Ende nach 18 Jahren: Berlinale-Chef Dieter Kosslick bekommt auf der Bühne des Berlinale-Palastes zum Amtsabschied einen großen Teddy, links Jury-Präsidentin Juliette Binoche, hinten die Jurymitglieder Trudie Styler und Sebastiàn Lelio. Quelle: Foto: Ralf Hirschberger/dpa
Berlin

Letztes Jahr im kalten Februar: ungläubiges Entsetzen im Berlinale-Palast. Dieses Jahr im lauen Frühlings-Februar: Ratlosigkeit. Jedenfalls bei denen, die das Kino wirklich lieben. Erneut heftige, unfassbare Aussetzer einer deutlich überforderten Jury. Auf „Touch me not“ (Gewinner 2018) folgt nun „Synonyme“. Eine schrecklich kopflastige Produktion aus Israel, die die Säle leerte – und dafür mit dem Goldenen Bären belohnt wurde.

Tagelang ging es bei der Berlinale um Netflix und die Kino-Bedrohung. Prämiiert wurde prompt etwas, das diese Zukunft kleiner macht. Wer versteht so was noch? Nadav Lapids „Synonyme“ bebildert die bizarren Versuche eines verwirrten Israeli in Paris, seine israelischen Wurzeln abzuschneiden. Durch Verweigerung jedes hebräischen Wortes, durch Gerangel mit Botschafts-Beamten, durch Sex mit der Frau des französischen Nachbarn, durch Ablehnung des Vaters. Alles unglaublich ausgedacht, klamottig bis krampfig – und wenn es nicht mehr weitergeht, zieht sich Yoav einfach nackt aus.

Noch Fragen?

Leider nicht der einzige Blackout der Preistruppe um Juliette Binoche. Auch der zweite Berlinale-Saal-Entleerer wurde ausgezeichnet: „Ich war zuhause, aber“. Der linkische Selbstfindungs-Alltagstrip einer Witwe mit zwei Kindern, der selbstgenügsam beweist, dass Filme auch ohne Drehbuch und Story entstehen können.

Regisseurin Angela Schalanec, die schier unglaubliche Sätze für ihre unverständlichen Szenen und Situationen in ihr handlungsloses Drehbuch schrieb, unterrichtet auch narrativen (also: erzählenden) Film an einer Hochschule in Hamburg. Noch Fragen zur Zukunft des deutschen Kinos?

Silberne Bären für die besten Darsteller Yong Mei (l) und Wang Jingchun aus dem Film „Di jiu rian chang (So Long, my Son)“. Quelle: Jens Kalaene/dpa

Auftritt François Ozon. Der wunderbare Franzose („5x2“, „Swimming Pool“, „Angel“) reiste mit einem erschreckend schwachen Werk um Missbrauch in der katholischen Kirche in den Wettbewerb – und gewann mit „Gelobt sei Gott“ tatsächlich den Großen Preis der Jury. Dass „Gelobt sei Gott“ aussah wie ein zum Aktenvorgang missratenes Aufklärungsdrama im André-Cayatte-Gestus bemerkte offenbar niemand. Gewürdigt wurde da nicht der Film, sondern das Thema. Leider aber war im Erzählen nicht nur Polens Hit„Klerus“ (2018) weitaus origineller.

Wenn eine Produktion wirklich seine Bären verdient hatte, dann Chinas „So long, my son“. Doch anstatt das auszuzeichnen, was daran wirklich hervorstach (das Besinnen aufs filmisches Erzählen) regnete es die Darsteller-Bären (Wang Jinchun und Yong Mei) für das bewegte und bewegende Schicksal zweier Familien in 40 Jahren chinesischer Geschichte.

Bäriges Kino erschreckt brave Juroren

Doch der überragende Darsteller dieser Berlinale hieß Jonas Dassler als Hamburger Serienmörder Fritz Honka. Ohnehin war Fatih Akins kraftvolle Milieustudie „Der Goldene Handschuh“ das Beste, was der Wettbewerb zu bieten hatte. Allerdings wilderte er zu radikal, rau und rabiat im ungeschminkt krassen Realismus unter Trinkern und Trostlosen. Was einst bei Fassbinder gefeiert wurde und in der Weimarer Republik internationale Filmgeschichte schrieb (Sittenfilm, Expressionismus), erschreckt heute brave Juroren nur. Bäriges Kino bekommt keine Bären.

Schauspieler Jonas Dassler, der in Fatih Akins „Der goldene Handschuh" den Serienmörder Fritz Honka spielt. Quelle: Christoph Soeder/dpa

Da passt vielmehr der Alfred-Bauer-Preis auf „Systembrecher“, eine TV-Produktion vom Kleinen Fernsehspiel des ZDF, also einem Berlinale-Hauptsponsor. Das distanzlos betroffen nickende Porträt über eine gestörte Neunjährige mit überforderter, prekärer Mutter. Die kleine Blonde mit der großen Wut im Bauch, die nichts und niemand dämpfen kann, ist bestens am Montag um Mitternacht im ZDF-Programm aufgehoben. Ein Drama, das neue Wege in der Filmkunst geht (Preisbeschreibung), ist das sicher nicht.

Größter Bärendienst

Peinliche Bären und übersehene Filme sind wieder mal das Markenzeichen einer Berlinale, die im Abschiedsjahr ihres Chefs Dieter Kosslick die Mittelmäßigkeit feierte. Da sollte man sich nichts vormachen. Zu befürchten ist allerdings, dass das selbstgenügsame Schulterklopfen weitergeht. „Elisa und Marcela“, einer wunderschönen lesbischen Liebesballade in Schwarz-weiß, einen Preis zu geben, kam nicht in Frage. Netflix hieß der feindliche Produzent – und die Jury-Chefin war Französin. Kam also aus jenem Land, für dessen Festival in Cannes Netflix ein Paria ist, weil es – geht die Argumentation auch hierzulande – das Kino zerstört.

Ein Glaube, der blind macht – und leichtsinnig Filme erhebt, die im Kino-Alltag das Kino tatsächlich zerstören. Weil er schlichtweg vergisst, was die Magie des Films ausmacht: Geschichten erzählen, Gestalten zeichnen, Gefühlen folgen. Die diesjährigen Bären sind nicht weniger als der größte Bärendienst für eine gern schwarzmalende Kino-Zunft.

Goldener Kurzfilm-Bär: „Umbra“ von Florian Fischer (l), Johannes Krell. Quelle: Jens Kalaene/dpa

Durchatmen kann man im Grunde nur bei Neben-Bären. Den für das beste Drehbuch an das realistische, italienische Teenie-Mafia-Drama „Der Clan der Kinder“ oder die Kamera-Auszeichnung für den Dänen Rasmus Videbæk, der mit „Pferde stehlen“ in schwedischer Natur, sommers wie winters, derart schwelgte, dass sie unversehens zur Seelenlandschaft wurde.

Zwei Preise (Ökumenische Jury, Gilde) bekam der Bären-Favorit „Gott existiert, sie heißt Petrunija“ aus Mazedonien. Der einzige Film aus Osteuropa war eine überzeugende Komödie um eine träge 30-Jährige, die sich bei einem religiösen Ritual, zu dem nur Männer zugelassen sind, ein Holzkreuz schnappt.

Ans Kino glauben

Freude am Preisabend bei der Mitteldeutschen Medienförderung (MDM): „Umbra“ von Florian Fischer und Johannes Krell aus Halle (Rosenpictures), ein experimentelles Spiel um optische Naturphänomene, gewann den Gold-Bären im Kurzfilm-Wettbewerb.

Gut angelegte 20 000 Euro Förderung für den Dreh im Harz. Sichtlich bewegt stand der 32-jährige Mehmet Akif Büyükatalay auf der Bühne. Er gewann für „Oray“, ein Drama um Ehe, Scheidung und Islam, den Preis für den besten Erstlingsfilm. „Ich danke allen, die an den Film und das Kino glauben“, sagte er mit tränengetränkter Stimme. Das sind nicht mehr allzu viele – sagen die Bären 2019.

Preisträger

Goldener Bär: „Synonyme“ von Nadav Lapid (Israel)

Silberner Bär, Großer Preis der Jury: „Gelobt sei Gott“ von François Ozon (Frankreich)

Silberner Bär, Alfred-Bauer-Preis für einen Spielfilm, der neue Perspektiven eröffnet: „Systemsprenger“ von Nora Fingscheidt (Deutschland)

Silberner Bär für die beste Regie: Angela Schanelec für „Ich war zuhause, aber“ (Deutschland)

Silberner Bär für die beste Darstellerin: Yong Mei in „So Long, My Son“ (China)

Silberner Bär für den beste Darsteller: Wang Jingchun in „So Long, My Son“ (China)

Silberner Bär für das beste Drehbuch: Maurizio Braucci, Claudio Giovannesi, Roberto Saviano für „Piranhas“ (Italien)

Silberner Bär für herausragende künstlerische Leistung: Rasmus Videbæk, Kamera für „Pferde stehlen“ von Hans Petter Moland (Norwegen)

Goldener Bär für den besten Kurzfilm: „Umbra“ von Florian Fischer, Johannes Krell (Deutschland)

Silberner Bär für den besten Kurzfilm: „Blue Boy“ von Manuel Abramovich (Argentinien, Deutschland)

Alle Preise der Internationalen Jury wie auch die Preise von unabhängigen Jurys auf www.berlinale.de

Von Norbert Wehrstedt

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