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Peter Sloterdijk spricht in Leipzig über Gott und ein Müllproblem

Leipziger Literarischer Herbst Peter Sloterdijk spricht in Leipzig über Gott und ein Müllproblem

Ein philosophisches Gespräch mit Peter Sloterdijk hat den 21. Leipziger Literarischen Herbst eröffnet. Bis zum Reformationstag finden unter dem Motto „Martin Luther – Superstar“ 42 Veranstaltungen statt.

Rainer Totzke im philosophischen Gespräch mit Peter Sloterdijk. Im Haus des Buches haben sie den 21. Leipziger Literarischen Herbst eröffnet.

Quelle: Dirk Knofe

Leipzig. Gelesen hat er nicht. Peter Sloterdijk ist gekommen, um mit seinem Band „Nach Gott“ (Suhrkamp) den 21. Leipziger Literarischen Herbst zu eröffnen. Im ausverkauften großen Saal im Haus des Buches erleben die von Anfang an heiter gestimmten Besucher einen Gesprächsabend: Sloterdijk im Dialog mit dem Leipziger Autor, Philosophen und Performer Rainer Totzke alias Kurt Mondaugen, Jahrgang 1966. Da bot sich am Dienstagabend die so gute wie seltene Gelegenheit, Menschen, die sich damit auskennen, beim Denken zuzuhören. Zumal der 70-jährige Gast derart pointiert formuliert, dass ein Satz schon Spaß macht, bevor man seine Tragweite erfasst. Nicht wenige notieren die schönsten Zitate.

Totzke retourniert souverän, ohne sich zu exponieren. Weil er das Gespräch über die Lage, über Gott, Welt und Seele aber nicht mit dem Nietzsche-Diktum „Gott ist tot!“ beginnt, spricht Sloterdijk von sich aus über diesen „schweren Metaphernfehler“ („Sterben können nur Organismen.“), denn auf diese Frage ist er vorbereitet.

Festival-Projektleiter Steffen Birnbaum seinerseits war auf die Begrüßung des Oberbürgermeisters vorbereitet, Burkhard Jung habe aber kurzfristig und „aus persönlichen Gründen“ abgesagt. Also kommt Projektleiterin Regine Möbius gleich zum Eigentlichen: „Ein Buch zu lesen, ist sicherlich die denkbar intimste Erfahrung der Gedankenwelt eines anderen Menschen“, zitiert sie Margaret Atwood aus deren Dankesrede bei der Friedenspreis-Verleihung vor gut einer Woche, hält ein kleines Plädoyer für „faszinierende Gedankengebäude“ und die Tradition intellektueller Verständigung.

„Wir wollen keinen Superstar entdecken“, sagt sie in Anspielung auf das Festival-Motto „Martin Luther – Superstar“, sondern Auswirkungen der Reformation und Denkanstöße für die Gegenwart beschauen. Und zwar bis zum Reformationstag – mit über 100 Mitwirkenden in 42 Veranstaltungen an 25 Orten.

Nullsummenspiel zwischen Gott und Welt

Luther habe sich selbst zum Superstar gemacht, befindet Peter Sloterdijk, „durch eine in seiner Zeit beispiellose Medienstrategie“, die ja auch dem Buchdruck zu verdanken war. Und er „hatte Glück, dass Bach nach ihm kam“. Inzwischen sind die „neuen Medien“ das große Ding und „parasitieren unsere Lesefähigkeit“, ausgenommen die digital natives, die „Eingeborenen unserer großen digitalen Insel“.

Als Pessimist aber tritt Sloterdijk nicht auf. Er weiß ja um die Art und Weise des In-der-Welt-Seins und vom Sterben als einer Art Nullsummenspiel des Verhältnisses zwischen Gott und Welt. Seit 600 Jahren glaubten die Europäer an die Kreativität, daran, dass ein Teil der Schöpfungsfähigkeit auf Menschen übergegangen sei. „Die Menschen vererben einen Teil ihrer geistigen Aktivität an die Nachwelt. Sie haben aber dadurch auch ein Müllproblem.“

Sloterdijk, dessen Zuspitzungen, nicht allein in der Kritik an Merkels Flüchtlingspolitik, Beifall von Rechts provozieren, polarisiert an diesem Abend nicht. Auf dieses Gelände setzt er nur die Zehenspitzen, als er sagt: „Verweigerung gegen die Moderne ist keine Erfindung der AfD“, sondern entstand Anfang des 15. Jahrhunderts.

Der Philosoph schreitet das ihm vertraute Terrain aus und trägt dabei die Klassiker unterm Arm. Er zitiert sich sinngemäß selbst mit dem Satz: „Geschichte kann es erst geben, wenn wir mindestens im Montag der zweiten Schöpfungswoche leben.“ Er verweist auf Giovanni Pico della Mirandolas Rede „Über die Würde des Menschen“ und Nicolaus Cusanus’ „Der Laie über den Geist“. Flüssig zitiert er Heinrich Heine, Matthias Claudius und zuletzt Gottfried Benn: „Ich habe mich oft gefragt und keine Antwort gefunden, woher das Sanfte und das Gute kommt, weiß es auch heute nicht und muss nun gehen.“

Wer wissen wollte, was in den beiden Texten der schon älteren Sammlung „Nach Gott“ geschrieben steht, hat es an diesem Abend gehört. Wen die rhetorische Meisterschaft interessiert, der wird nachschauen müssen. Nach gut einer Stunde angeregter Plauderei befindet Peter Sloterdijk: „Ich glaube, wir haben unsere Pflicht erfüllt.“ Vor allem die Kür.

Alle Termine unter www.leipziger-literarischer-herbst.de

Von Janina Fleischer

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