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Kultur Regional Phillip Boa in Bestform
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00:19 30.12.2017
Klug aufgebauter Abend, der alle Erwartungen erfüllt: Phillip Boa & The Voodooclub in der Moritzbastei. Quelle: Foto: André Kempner
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Leipzig

Man kann darüber nachdenken oder einfach genießen, was dieser Mann da vorn anstellt – wie er sich spielt, wie er Musik macht. Es ist der Zweite Feiertag und der erste Boa-Abend von insgesamt dreien in der ausverkauften Moritzbastei. Ein verdammt guter. Das Zwei-Stunden-Erlebnis Phillip Boa anno 2017 offenbart, dass seine teils 30 Jahre alten Songs keinen Deut weniger Drive und Sog haben. Und dass der Künstler sehr dezent eine Veränderung in seiner Außenwirkung zulässt.

Seit der inzwischen 54-Jährige die Bühnen rockt, provoziert oder auch fasziniert er durch aufreizenden Narzissmus, durch Launenhaftigkeit und ausgefeilte Präsenz distinguierter Arroganz. Da kann man sich fragen, wie ernst ein Mensch zu nehmen ist, der sich zu ernst nimmt. Als Kreativer ist er definitiv zu respektieren. Nach wie vor gilt er als wohl erfolgreichster deutscher Independent-Musiker, und wenn in der ausverkauften Moritzbastei mit Stücken wie „Love On Sale“ in diesen Strudel aus treibender Gitarre reißt, wenn mystische Melancholie durch „Deep in Velvet“ wabert, packt es einen unweigerlich. Seit jeher kennt Boa die Triggerpunkte, die Knoten lösen. Das ist meisterhaft, grandios, nicht zu toppen.

Hinzu kommt die Aura des Unantastbaren mit diesem eingefrorenen Gesicht, dem Habitus des eigensinnigen, unangepassten Gentleman, dem die Eitelkeit bis in jede seiner langen Strähnen reicht. Mimische Sparsamkeit vor großem musikalischem Reichtum.

Und doch – zumindest in der Moritzbastei, nun im 18. Jahr sein stets rappelvolles Wohnzimmer im späten Dezember – schert der gebürtige Dortmunder aus seiner Obercoolness aus und gibt sich für seine Verhältnisse gesprächig. Wünscht er zu Beginn noch eher lapidar „Schöne Weihnachten und so“, gesteht er später, dass ihn die Erwartungshaltung gerade vor den Leipziger Kult-Konzerten nicht unbeeindruckt lässt. Der Mann, in dessen Pass der Name Ernst Ulrich Figgen steht, bedankt sich bei den Fans „für eure Treue und eure Loyalität“.

Gelegentlich reagiert er sogar auf Rufe aus dem Publikum. Dann kneift Boa verschwörerisch ein Auge zu und stellt einen Mundwinkel zu einem schrägen Lächeln auf – um gleich in die gewohnte Figur zurückzukehren, die fordernd den Zeigefinger ins Publikum streckt, die abgehackt ruckelt wie eine Marionette, die die Gitarre wütend schüttelt wie einen nervenden Hysteriker, der nicht zu brüllen aufhört. Und der manchmal den Vorhang aus langem Fronthaar breit herunterlässt, bis es scheint, jemand habe ihm die Frisur falsch herum aufgesetzt. Boa, der Ego-Inszenierer.

Verlässlich wie seine jährliche Wiederkehr ist die Qualität der Band The Voodooclub. Einen der Höhepunkte des Abends setzt ein Duell: Toett wendet sich von den Keyboards ab und den Percussions zu, um im Wettstreit mit Schlagzeuger Moses Pellberg ein Gewitter durch den Saal zu peitschen. Auch Thilo Erhardt am Bass, Oliver Klemm an den sechs Saiten – sie geben dem Mastermind seinen typischen Sound. Zum Bedauern nicht nur der Leipziger hat sich Katharina Helmke als Background-Sängerin zu Gunsten der eigenen Band Far Or Near verabschiedet, nun gibt Vanessa Anne Redd Songs wie „Container Love“ und „And Then She Kissed Her“ ihre Stimme. Das macht sie gut, und doch hinterlässt die charismatische Helmke eine gar nicht mal so kleine Lücke.

Natürlich tobt und feiert das Publikum gerade bei diesen beiden Stücken oder bei „This Is Michael“. Und wie druckvoll Boa und Kollegen hardrocken können, belegt ein Kracher wie „Albert Is A Headbanger“. Am Ende steht nicht zum ersten Mal „Kill Your Ideals“ und die Begeisterung über eine dramaturgisch kluge Show voller Steigerungen. Klar, dass die Erwartungshaltung an Boa auch für 2018 erneut hoch sein wird. Kann er sich gern was drauf einbilden.

Von Mark Daniel

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