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Kultur Regional Politisierte Jugend: „Teenage Widerstand“ verhandelt Protestformen auf der Bühne
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13:51 26.02.2019
Jugendliche proben "Teenage Widerstand“ am Theater der Jungen Welt. Quelle: André Kempner
Leipzig

„Und jetzt wachklopfen“, sagt Choreograf Lukas Steltner und Hände klatschen Körper und Beine ab, bis es im Probenraum widerhallt. Der Boden wippt bald unter den Füßen von 15 hüpfenden Jugendlichen. Wachmachen für einen Probentag von „Teenage Widerstand“ am Theater der Jungen Welt, das am 2. März Premiere feiert. Ganz grundsätzlich, was das Leben anbelangt, da sind sie freilich schon wach, hellwach, die 13- bis 18-Jährigen. Schüler, die wissen, dass man selbst anpacken kann und muss, wenn sich die Welt ändern soll. So wie Lilia, die sich bei der „Fridays-for-Future“-Bewegung gegen den Klimawandel engagiert. Oder Maria, die den gesellschaftlichen Rechtsruck sehr genau beobachtet und sich dem Bündnis „Jugend gegen Rechts“ angeschlossen hat. „Das hat so eine große Reichweite bekommen“, sagt Lilia. „Wir werden wahrgenommen“, sagt Maria. Der Optimismus ist groß.

Mit seinen Jugendclubs bietet das Theater der Jungen Welt schon lange eine geschützte Plattform, die unmittelbar an der jugendlichen Lebenswelt anknüpfen will als Ort der Selbstbefragung und des künstlerischen Ausdrucks. Aber erstmals wird eine Stückentwicklung, in dem ausschließlich jugendliche Laien auf der Bühne stehen, in den normalen Spielplan des TdJW integriert, konzipiert für die große Bühne. Und erstmals arbeitet eine solche Produktion mit einem so großen professionellen Team zusammen. Mit den Tänzern Joy Alpuerto Ritter und Lukas Steltner, den man aus der TdJW-Produktion „Dolores“ kennt, als Choreografen. Mit der Musikerin und Soundkünstlerin Cornelia Friederike Müller. Mit der Ausstatterin Elena Köhler, den Dramaturgen Winnie Karnofka und Sebastian Schimmel und Theaterpädagogin Caroline Mährlein, die Regie führt in einem Probenprozess, der die Ausgangsidee längst an den Rand gedrängt hat.

Ursprünglich sollten die Leipziger Meuten, wie es Winnie Karnofka formuliert, als „Rampe ins Jetzt“ dienen. Jene unabhängigen Jugendgruppen der 30er Jahre, die sich der Vereinnahmung durch die Hitlerjugend entgegenstellten. Der Leipziger Historiker Sascha Lange hat sie ins öffentliche Bewusstsein geholt. Als Bezugspunkt und Hinweis auf die Zeitlosigkeit jugendlichen Aufbegehrens werden sie wohl aufflackern bei der Premiere. Aber letztlich überlagern die gegenwärtigen jungen Protestbewegungen und Einzelkämpfer alles. „Wir sind“, sagt Dramaturg Sebastian Schimmel, „von der Realität eingeholt.“

Als der Beamer endlich seinen Spleen aufgibt und nicht mehr alles spiegelverkehrt projiziert, flimmern über die Wand im Probensaal öffentliche Reden von Malala Yousafzai, Emma Gonzalez oder Greta Thunberg. Ein Zusammenschnitt, der im Rahmen der Aufführung eine Rolle spielen wird. Yousafzai, das pakistanische Mädchen, das gegen die Taliban aufstand und 2014 den Friedensnobelpreis erhielt. Gonzalez, die zum Gesicht der Anklage gegen die US-Waffenpolitik wurde nach dem Schulmassaker von Parkland vor einem Jahr. Und eben Thunberg, die Klimaaktivistin aus Schweden, deren zunächst einsamer Schulstreik in die internationale „Fridays-for-Future“-Bewegung mündete, an der sich auch drei Mitglieder des Theaterprojekts beteiligen. Was mitunter mit den Probenterminen kollidiert. So nah kommen sich hier Leben und Theaterthema.

Vor zehn Jahren noch galten Jugendliche als politisch desinteressiert wie nie zuvor. Doch Sozialwissenschaftler wie Klaus Hurrelmann, damals Leiter der Shell Jugendstudie, sahen bereits eine neue Protestkultur und Repolitisierung heraufdämmern. Dennoch überrascht die gegenwärtige Dynamik. Begünstigt wird sie durch die weltweite Vernetzung. Lilia schwärmt vom Kontakt zu „Fridays-for-Future“-Aktivisten in Israel. Heute wüssten Jugendliche, wenn an anderen Orten der Welt Jugendliche mit ähnlichen Forderungen aktiv werden, sagt Cornelia Friederike Müller: „Das stützt die eigene Haltung.“

Aber „Teenage Widerstand“ will nicht allein den politischen Protest spiegeln. „Es geht“, sagt Karnofka, „um Veränderungsprozesse.“ Und damit letztlich um Mut, den man braucht, um dafür einzutreten – auch wenn es um ganz persönliche Motive geht. „Was ist zum Beispiel, wenn die Sexualität nicht so ist, wie es die Eltern erwarten?“, fragt Karnofka.

Um das Feld abzustecken, um Themen aufzuschließen, wurde das „Zwei-Minuten-Meinungsfreiheit-Mikro“ eingeführt, wie es Regisseurin Mährlein nennt. Sie hat dafür Fragen vorbereitet wie: Wann hattest du zum letzten Mal Mut? Und die Jugendlichen sprechen dann offen, tauschen sich aus. „Das waren starke Momente, die uns als Gruppe zusammengeschweißt haben“, sagt Mährlein.

An einer Wand im Probenraum hängen noch Stichwortzettel. „Bundeskanzlerin“, steht auf einem, das Berufsziel eines Mädchens. „Ich und die Masse“ auf dem nächsten. Oder: „Wutbürger-Song“. Stichworte, die im Laufe der Zeit gefallen sind oder bereits beim Casting im September eine Rolle gespielt haben, als tatsächlich ein eigener Protest-Song vorgetragen wurde. Alles Inspirationsquellen für Szenen, die in der Inszenierung zusammenfinden, gesprochen, gespielt, getanzt. „Tanz ist ein gutes Mittel, um Themen unmittelbar umzusetzen“, sagt Steltner. Und um Emotionen pur abzubilden.

Emotionen kochen teilweise auch an Leipziger Schulen hoch. Gebührt jungen „Fridays-for-Future“-Demonstranten nun Rückendeckung oder ein Schulverweis? Die Meinung von Lehrern oder Rektoraten geht bei der Frage weit auseinander. Und dann sind da noch die spitzen Bemerkungen von Eltern oder Lehrern, die das jugendliche Engagement nicht ernst nehmen. „Es wird oft gesagt, dass wir nicht genug Lebenserfahrung haben“, sagt Maria. Aber das stachele sie erst recht an. „Wir werden am wenigsten beachtet, obwohl es unsere Zukunft ist“, sagt York. Und dann reibt er sich doch vergnügt die Hände und denkt an die Zeit, wenn die Trumps dieser Welt gegangen sind. Es gibt viel zu gestalten. Am Theater. Und in der Welt.

„Teenage Riot“, Premiere Jugendclub-Inszenierung, 2. März, 19.30 Uhr, Theater der Jungen Welt; Karten: 0341 4866016

Von Dimo Riess

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