Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Kultur Regional Polnischer Journalist Tomasz Piątek bekommt Leipziger Medienpreis verliehen
Nachrichten Kultur Kultur Regional Polnischer Journalist Tomasz Piątek bekommt Leipziger Medienpreis verliehen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:11 08.10.2018
Der polnische Journalist Tomasz Piatek (Mitte) erhielt am Montagabend im Mediencampus den Leipziger Medienpreis. Harald Langenfeld, Vorstandsvorsitzender der Medienstiftung (r.) und OBM Burkhard Jung (SPD) freuten sich mit ihm. Quelle: André Kempner
Leipzig

Wenn die Träger des Leipziger Preises für die Freiheit und Zukunft der Medien so etwas wie Indikatoren für die Lage der Demokratie in Europa sind, dann ist die Botschaft unmissverständlich: Die Einschläge kommen näher. Nachdem in den vergangenen drei Jahren fast ausschließlich in der Türkei verfolgte Journalisten und Schriftsteller ausgezeichnet wurden, erhielt am Montagabend mit Tomasz Piatek (44) ein Investigativ-Journalist aus dem Nachbar- und EU-Land Polen den seit 2001 von der Leipziger Medienstiftung der Sparkasse vergebenen, mit 30 000 Euro dotierten Preis. Es ist nicht die erste hohe Auszeichnung für ihn. Die Organisation „Reporter ohne Grenzen“ hatte ihn 2017 zum Journalisten des Jahres gewählt, insbesondere wegen seiner akribischen Recherchen.

Die kommen naturgemäß nicht überall gut an. Piatek, Kolumnist der Tageszeitung „Gazeta Wyborcza“, ist spätestens mit seinem 2017 erschienenen Sachbuch „Macierewicz i jego tajemnice“ (Macierewicz und seine Geheimnisse) ins Visier der staatlichen Organe in Polen geraten: Piatek beschreibt darin die Verbindungen des damaligen polnischen Verteidigungsministers Antoni Macierewicz zum Umkreis des russischen Präsidenten Wladimir Putin, zum russischen Geheimdienst und zu kriminellen Gruppen in Russland.

Verfahren wurde eingestellt

Das Buch wurde zum Bestseller, verkaufte sich fast 250 000 Mal. Besonders pikant daran ist, dass sich Macierewicz öffentlich stets als entschiedener Gegner Putins darstellte. Piatek wirft ihm außerdem vor, in illegale Waffen- und Geldgeschäfte mit Russland verstrickt zu sein. Macierewicz, Anfang dieses Jahres als Minister entlassen, hatte die Staatsanwaltschaft eingeschaltet. Piatek drohten mehrere Jahre Haft. Das Verfahren wurde inzwischen eingestellt. Wirklich sicher, dass die Sache ausgestanden ist, sei er nicht, sagte er gestern bei der Pressekonferenz. Da Polen kein Rechtsstaat mehr sei, könne man auch jenseits des Verfahrens Überraschungen erwarten, sagte er.

Unmut im Vorfeld

Die Entscheidung für Piatek hat bereits im Vorfeld Unmut ausgelöst: In einem der LVZ vorliegenden Schreiben an die Medienstiftung protestiert der polnische Botschafter Andrzej Przylebski gegen die Vergabe des Preises an Piatek. „Die Tatsache, dass der aus deutschen öffentlichen Mitteln finanzierte Preis der Kritik der polnischen Regierung dienen soll und die Demokratie in Polen in Frage stellt, ist in diesem Fall besonders brisant (...) Wir können Ihre Entscheidung wirklich nicht respektieren, wenn (...) Sie einen Journalisten preisen, dem Lügen nachgewiesen worden sind“, heißt es in dem Brief unter anderem. Welche Lügen das sein sollen, führt der Botschafter nicht aus. Weiter schreibt er: „Es ist meine Pflicht, Ihnen bewusst zu machen, dass Sie, und zwar sowohl durch die Wahl des Preisträgers als auch durch die Begründung dieser Entscheidung, den guten deutsch-polnischen Beziehungen schaden.“

Bei der Medienstiftung hat man sich nicht von der Wahl des Preisträgers abbringen lassen. Harald Langenfeld, Vorstandsvorsitzender der Medienstiftung sowie der Sparkasse Leipzig, verwies bei der Verleihung am Abend auf viele Angriffe auf die Pressefreiheit in zahlreichen Ländern der Europäischen Union in den vergangenen Jahren: „Medienfeindliche Hetze, Diskreditierung unabhängiger Journalistinnen und Journalisten, ein Verächtlichmachen ihrer Arbeit scheint inzwischen auch in Europa vielerorts für gesellschaftsfähig gehalten zu werden“, sagte er. „Deshalb ist es wichtig, dass wir – auch mit unserem Medienpreis – frühzeitig und mit Nachdruck auf bedrohliche Entwicklungen hinweisen.“

Auszeichnung als „Geste der Solidarität“

Den Preis für Piatek versteht er auch als eine Geste der Solidarität: „Wir stehen an der Seite unserer Freundinnen und Freunde in Polen, die sich für das Recht auf uneingeschränkten Zugang zu Informationen, für die Freiheit und Unabhängigkeit der Presse einsetzen.“

„Tomasz Piatek hat sich in mehr als 20 Jahren journalistischer Tätigkeit den Ruf erworben, ein kritischer Beobachter und Begleiter der gesellschaftlichen Veränderungen in seinem Heimatland zu sein“, erläuterte Stephan Seeger, Geschäftsführender Vorstand der Medienstiftung.

In seiner Rede zur Preisverleihung zeichnete der polnische Journalist Bartosz T. Wielinski (40) ein prekäres Bild der Pressefreiheit in Ländern wie Ungarn, Tschechien, Rumänen oder Bulgarien, wo am Samstag eine Journalistin brutal ermordet gefunden wurde, und verwies auf die in Deutschland gezählten über 20 Angriffe gegen Journalisten – unter anderem in Chemnitz und bei Pegida-Demos. Und in seinem Heimatland? „Polen ist ein Schlachtfeld, wo die national-konservative Regierung der Partei Recht und Gerechtigkeit gegen die offene Gesellschaft, gegen den Rechtsstaat und nicht zuletzt gegen die unabhängigen Journalisten kämpft“, sagte der Leiter des Ausland-Ressorts der „Gazeta Wyborcza“ und regelmäßige Autor von „Zeit“-Online.

„Krieg gegen die Medien“ in Polen

Der Krieg gegen die Medien habe wenige Wochen, nachdem die Partei Recht und Gerechtigkeit im Oktober 2015 eine Mehrheit im Parlament erlangt hat, begonnen. „Das öffentlich-rechtliche Fernsehen und der Rundfunk fielen ihr zuerst zum Opfer. Ein Gesetz, das der Regierung die volle Kontrolle über sie übertrug, wurde nur innerhalb von wenigen Sitzungstagen und -nächten verabschiedet, ohne jegliche Diskussion.“

Mehr als 200 Journalisten seien aus Rundfunk und Fernsehen entlassen oder zum Rücktritt gezwungen und durch regierungsfreundliche Kollegen ersetzt worden. Auch Gerichte und das Parlament würden ihre Funktionen nur noch als „Hülsen unter dem Diktat der Parteizentrale“ ausüben. Heute reiche es, den Namen von Lech Walesa, dem legendären Anführer von Solidarnosc, zu skandieren, um angeklagt zu werden, berichtete Wielinski.

Die privaten Medien können noch außerhalb der Kontrolle der Regierung arbeiten. Wielinski: „Das heißt aber nicht, dass die Regierenden darauf verzichtet haben, die unabhängigen Journalisten an der kurzen Leine zu halten. Das Kultusministerium arbeitet unter absoluter Geheimhaltung an einem neuen Mediengesetz, das die Medien in Polen wieder in polnische Hände übergeben soll.“ Keine guten Aussichten, findet der Journalist, denn: „Es ist zu vermuten, dass diese polnischen Unternehmen, wie es in Ungarn passierte, mit den Regierenden verbunden sind. Der erzwungene Ausverkauf wird also eine feindliche Übernahme bedeuten.“

Tomasz Piatek lässt sich nicht einschüchtern

Noch ist die Pressefreiheit in Polen nicht ganz verloren. Auch Dank Leuten wie Tomasz Piatek, der sich nicht einschüchtern lässt, im Gegenteil: „Ich bin der Meinung, dass ich das Amt des Verteidigungsministeriums geschützt habe.“ Ein weiteres Buch über Antoni Macierewicz gehe gerade in den Druck. Er befasse sich darin mit Vorgängen in der Zeit des Kommunismus. Macierewicz sei damals aktiv in anti-kommunistischen Kreise gewesen, habe gleichzeitig unter dem Schutz der Geheimdienste gestanden, sagt Piatek.

Der Medienpreis wird seit 2001 an Journalisten verliehen, die sich in herausragender Art und Weise und häufig unter Gefahr für das eigene Wohlergehen um Medienfreiheit und eine unabhängige Berichterstattung bemühen. Die Verleihung orientiert sich am Leipziger Lichtfest. Im Vorjahr ging der Preis an Deniz Yücel und Asli Erdogan.

Von Jürgen Kleindienst

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Gothic meets Klassik: Diary of Dreams trifft auf Orchester und Joachim Witt den Nerv des Publikums. 40 Musiker saßen auf der Bühne des Gewandhauses, der einst böse Bube der NDW kurz auf einem Hocker – und alle Zuschauer standen vor Begeisterung.

08.10.2018

Der Gewinner steht fest: Die Medienstiftung der Sparkasse zeichnet den Polen Tomasz Piątek für seine Recherchen zu den Verquickungen des polnischen Verteidigungsministers zu Russland aus.

07.10.2018

Es ist ein kontroverser Titel, der wehtun soll: Im Leipziger Osten widmet sich eine Galerie der „Abnormalen Kunst“ – und stellt die Frage, ob anders automatisch schlecht ist.

07.10.2018