Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Kultur Regional „Prinzessin Hamlet“ feiert in Leipzig Premiere
Nachrichten Kultur Kultur Regional „Prinzessin Hamlet“ feiert in Leipzig Premiere
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:08 03.12.2017
Alle sind Hamlet – und keiner: Tilo Krügel, Bettina Schmidt, Alina-Katharin Heipe, Anna Keil, und Andreas Dyszewski (v.l.). Am Samstag hat „Prinzessin Hamlet“ in der Diskothek Premiere gefeiert. Quelle: Rolf Arnold
Leipzig

Prinzessin Hamlet ist tot. Immer wieder klatscht das Publikum die Schauspieler heraus. Auf den Rängen wird getrampelt. Am Ende bleibt eine Perücke zurück, daneben ein Mikrofon – das Künstliche und das Laute. „Lang lebe Prinzessin Hamlet!“ hallt der Ruf des Volkes nach, obwohl sie eben nicht leben konnte, sie, der das Künstliche nicht lag und nicht das Laute. Am Samstag feierte „Prinzessin Hamlet“ in der ausverkauften Diskothek am Schauspielhaus Premiere.

„Ich bin nicht Hamlet“, sagt Horatia. Ein Satz aus Heiner Müllers „Die Hamletmaschine“, dort gesprochen von einem Schauspieler, der aus der Rolle tritt. Die „Tragödie im Comicformat“ wiederum, ein Stück der finnischen Autorin E. L. Karhu, setzt nun damit ein, um zu erklären, dass es ein Original gibt, Shakespeare und so. In Lucia Bihlers Leipziger Inszenierung, gleichzeitig deutschsprachige Erstaufführung, wird auf diesem Weg auch klargemacht, dass überhaupt niemand Hamlet ist. Und niemand deren Freundin Horatia, auch nicht Gertrud, die Mutter der Prinzessin. Alle sind alle, und alle sind Frauen. Ofelio zwar nicht, gewissermaßen aber doch, denn gespielt wird auch er von Frauenwesen.

Das Historische im Privaten

Drei Schauspielerinnen und zwei Schauspieler teilen sich rein: Anna Keil, Bettina Schmidt, Tilo Krügel und Andreas Dyszewski sowie Alina-Katharin Heipe vom Schauspielstudio. Sie sehen aus wie Marilyn Monroe. Josa Marx hat ihnen eine bonbonfarbene Bühne gebaut, sie in bonbonfarbene Kleider und Perücken gesteckt. Süßlich wirkt hier dennoch nichts, was kleben zu bleiben droht, wird am Zimmerspringbrunnen abgespült. Nur ein Totenschädel erinnert (womöglich ironisch) an Shakespeares Totengräber-Szene.

Prinzessin Hamlet ist am Ende. Sie kann den Erwartungen nicht genügen, die der Hof, das Reich, die Mutter an sie stellen. Auf dem Programm eines „ganz normalen Tages in einem ganz normalen Reich“ stehen „Wahnsinn, Tod und Katastrophen“, ein bisschen Repräsentieren noch dazu. Das genügt Hamlet nicht, darum genügt sie nicht mehr.

Alles fällt plötzlich maßlos schwer, sie hat keine Kraft mehr für die Normalität, und sei es das Entkleiden. Schwäche und Überdruss sind selten zu sehen – vielmehr werden sie mitgeteilt vom Chor der Gemeinschaft, in der die Einzelne sich eher auflöst, als dass sie Halt findet. Wobei das Feministische der angekündigten „feministischen Überschreibung“ sich auf der Suche nach dem Historischen im Privaten verliert.

„Prinzessin Hamlet allein in ihrem Gemach. Das Entsetzen schiebt ihr die Hand in die Kehle und ballt die Hand zur Faust“, erfahren die Zuschauer. „Wenn das hier niemand sieht, geschieht es eigentlich nicht“, heißt es wiederholt. Die Macht der Bilder trifft auf eine Ohnmacht des Selbstbildes.

Verraten und therapiert

Um noch mehr Zuschreibung auszublenden, sind die Stimmen hin und wieder technisch verzerrt. Ob da eine Frau spricht oder ein Mann – es soll keiner Rollen spielen. Und wenn niemand Hamlet sein muss – dann muss auch Hamlet niemand sein. Das könnte sie Sache, erleichtern, eine Sache, die Traurigkeit heißen mag oder Müdigkeit, Einsamkeit oder Selbsthass, die Faust in der Kehle. Für Hamlet ist das Leben „eine Art Zwangsbewegung“, Entsetzen das Einzige, was überhaupt Genuss bereitet, „und dann verwandelt sich das Entsetzen in gewisser Weise in das Leben selbst.“

Horatia lässt sich davon nicht lähmen, sie scheint für die Gegenwart besser gerüstet zu sein, für eine Daseinsbewältigung, mit der sich auszukennen hat, wer nicht mehr Kind ist. Im Machtgefälle wird Freundschaft zur Prüfung. Weil Hamlet das Leiden als Lebenszeichen nicht reicht, beschließt sie ihren Abgang mit großer Geste. Am 29. Geburtstag soll es sein, brennen will sie und für immer 29 bleiben. „Man erinnert sich an die Prinzessinnen, die sich umbringen. (...) Die anderen, das sind nur Frauen, die nicht fähig waren zu leben.“

Doch Hamlet wird verraten und nach London geschickt, in den Buckingham Palace, eine Art königliches Therapiezentrum, in dem Patienten Kinderreime singen und auch sonst alles schön ist. Es hilf freilich nichts, denn es ändert ja nichts daran, dass etwas faul ist im Reich. Hamlet hilft sich selbst, Krone und Ofelio vererbt sie Horatia.

Inhalt in Bewegung

Regisseurin Lucia Bihler hat den Text gestrafft und bewegt ihn durch sich bewegende Schauspieler, Puppen, in die das Grauen fährt. In diesem Gruppenbild ohne Herren muss und darf niemand einzeln glänzen. Es gibt starke Momente, keine starke Entwicklung. Haltungen und Gesten gehen von einer auf die andere über, die Narben, die Hamlet davonträgt, tragen alle.

Die Wirkung des vom Publikum mit Begeisterung aufgenommenen Abends entfaltet sich weniger aus der Sprache, dem Text; vielmehr schält sich Tragik aus Bewegungsmustern der Figuren, die nicht aneinander vorbei, nicht zueinander kommen und nicht voneinander los. „Angst oder Liebe“ lautet das Spielzeitmotto am Schauspielhaus. Diese anderthalb Stunden betonen das Oder.

Weitere Aufführungen: am 10. und 23. Dezember sowie am 27. Januar, jeweils 20 Uhr; Diskothek im Schauspielhaus, Bosestraße 1 in Leipzig; Karten unter Telefon 0341 1268168

Gegenwartsdramatik in der „Diskothek“

„Prinzessin Hamlet“ ist die dritte Eröffnungs-Premiere der neuen Zweitspielstätte Diskothek – nach „Wolken.Heim“ am 16. November und „Choreographien der Arbeit“ am 25. November. Kam mit Enrico Lübbes Jelinek-Inszenierung zuerst eine der profiliertesten Autorinnen der Gegenwartsdramatik im deutschsprachigen Raum zu Wort, folgte mit Sascha Hargesheimer Stück die Uraufführung eines Auftragswerkes für die neue Diskothek (Regie: Mirja Biel).

„Prinzessin Hamlet“ ist – entsprechend der Programmatik, „neue Stimmen der Gegenwartsdramatik aus Europa und der Welt“ zu entdecken – eine deutschsprachige Erstaufführung. Das Stück stammt von der 1982 geborenen finnischen Autorin E.L. Karhu, übersetzt hat es Stefan Moster. Regie führt Lucia Bihler, Jahrgang 1988, die zuletzt am Theater Lübeck Grillparzers „Medea oder Das goldene Vlies“ inszeniert hat.

Für Bühne und Kostüme ist Josa Marx verantwortlich, für das musikalische Konzept das Multimedia- und Performance-Projekt Planningtorock der Künstlerin Jam Rostron. Es spielen die Ensemblemitglieder Anna Keil, Bettina Schmidt, Tilo Krügel und Andreas Dyszewski sowie Alina-Katharin Heipe, Mitglied des Schauspielstudios an der Hochschule für Musik und Theater Leipzig.

Von Janina Fleischer

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Doro Pesch hat in diesem Jahr ihr erstes rein deutschsprachiges Soloalbum veröffentlich. Mit den Song von "Für immer" war die 53-Jährige am 1. Dezember live im Haus Auensee. Unser Fotograf André Kempner war mit dabei.

15.01.2018
Kultur Regional Konzert für Leipziger Stiftung „Leipzig hilft Kindern“ - Benefiz im Gewandhaus: Aus dem Zauberkasten der Rhythmus-Magie

Benefiz-Gala von Gewandhaus, LVZ, VNG, Sparkasse und Porsche Leipzig bringt 50 000 Euro für „Leipzig hilft Kindern“ – und der einzigartige Martin Grubinger mit seinen Kollegen und dem Gewandhausorchester unter der Leitung von Andrés Oroczo-Estrada den Saal zum Kochen

03.12.2017
Kultur Regional Steptanz-Premiere im Lofft Leipzig - Webers bravouröses „Caboom“

Mitreißender Steptanz, der Sehgewohnheiten aushebelt: Sebastian Weber hat mit seiner neu gegründeten Dance Company aus internationalen Tänzern das Stück „Caboom“ im Lofft präsentiert. Im Mittelpunkt steht das Chaos, in furiosen Schritten und Szenen verarbeitet.

03.12.2017