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Kultur Regional Rabenschwarze Messe mit Egersdörfer & Co.
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16:54 26.10.2018
Einvernehmlicher seelischer Sadomasochismus mit Matthias Egersdörfer, Claudia Schulz und Andy Maurice Müller (v.l.). Quelle: André Kempner
Leipzig

Ahnungslos in ein Programm von Matthias Egersdörfer zu geraten, kann zu echter Kulturschockstarre führen. Am Donnerstag gastierte der fränkische Kabarettist gemeinsam mit Claudia Schulz und Andy Maurice Müller im Academixer-Keller, um dort wiederum die finstersten Kellerwinkel deutschen Kleinbürgerseelenlebens zu entrümpeln. Mit einem Humor, von dem man nicht weiß, ob man ihn witzig nennen soll.

„Carmen oder Die Traurigkeit der letzten Jahre“ heißt das Programm. Eine sanfte Betitelung, die, auch wenn sie alles andere als falsch ist, gefährlich falsche Erwartungen wecken könnte. Der Name des Vorgängerprogramms war unmissverständlich: „Carmen oder Die Würde des Menschen ist ein Scheißdreck“.

Erneut mimt Egersdörfer den manischen Wurstfresser und Hasstiraden-Berserker Egersdörfer, der seiner Gattin Carmen (Claudia Schulz zwischen apathisch schicksalsergeben und naiv heimtückisch) das Leben verwurstet. Frohgemuter Zaungast dieses einvernehmlichen seelischen Sadomasochismus ist Nachbar Rene Eichhorn, „schwul wie Winnetou“ und mit ganz eigenen Abgründen (Andy Maurice Müller).

Es ist ganz klar die rabenschwärzeste Messe dieser Lachmesse, die hier zu erleben ist und die ohnehin eher lichten Zuschauerreihen nach der Pause noch weiter lichtet. Egersdörfer folgt in beeindruckend radikaler Konsequenz seinem künstlerischen Kodex. Und der heißt: Keine Konzessionen an das Publikums!

„Carmen“ ist ein Aderlass, ein in gemütlichster fränkischer Mundart polternder Amoklauf mit Schussrichtung „guter Geschmack“. Einfach, weil der ja immer etwas Abgeschmacktes hat in einer Welt, die so ist, wie sie ist. In und an der man den Geschmack eben verlieren kann, so sehr man sich dagegen auch wehren mag. Mit Völlerei und Suff, Kleingarten und Hund, der Begeisterung für Barbra Streisand und Gina Wild oder gehässigen Psychospielen samt einfältig ausgelebter Sexualpathologie zwischen Nekrophilie und Zoophilie.

Was letztlich bleibt, ist „zu warten bis der Körper gefüllt ist mit Traurigkeit und explodiert“. Genau das wird hier unter aller Absurdität, Grobheit und Obszönität zunehmend spürbar. Die Poesie des Zorns schützt den Bühnenexzess davor, zur Provokationsmasche zu verkommen. Vielmehr ermöglicht sie dem Trio zum Finale einen utopischen Wunschtraumtext, bei dem man nicht weiß, ob man eher vor Traurigkeit oder vor Lachen explodieren soll.

Von Steffen Georgi

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