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Raubkunst in sächsischen Museen: Der Skandal um die Benin-Bronzen

Leipzig und Dresden Raubkunst in sächsischen Museen: Der Skandal um die Benin-Bronzen

Über 200 geplünderte Antiquitäten des Königreichs Benin befinden sich in Museen in Dresden und Leipzig. Ein internationales Team unter Leitung des Leipziger Journalisten und Afrikanisten Lutz Mükke recherchierte Hintergründe und Restitutionsansprüche. In einer Artikelserie berichten wir über den milliardenschweren Raubkunst-Skandal.

Fordert das Kulturerbe seines Landes zurück: König Ewuare II bei Feierlichkeiten in Benin-City.

Quelle: Lutz Mükke

Leipzig. Das kostbarste Stück der Leipziger Benin-Sammlung ist eine Kopfplastik, die irgendwann zwischen 1350 und 1550 hergestellt wurde. Die Dünnwandigkeit der Skulpturen dieser Epoche weist darauf hin, wie wertvoll im Königreich Benin Metalle gewesen sind. Das Luxusgut musste von weit her importiert werden, teils aus Europa vom jahrhundertelangen Handels- und Kriegsverbündeten Portugal, und wurde deshalb äußerst sparsam verwendet.

Wahrscheinlich handelt es sich bei der Plastik um den Kopf eines getöteten feindlichen Herrschers. Solche Bronze-Köpfe sandte das Königreich Benin, das Sparta Westafrikas, an die Verwandten der Getöteten, um ihnen ihre Untertanenpflicht zu verdeutlichen.

Es ist schwer zu sagen, wie viel dieser Kopf heute auf dem Kunstmarkt wert ist. 10, 20, vielleicht 50 Millionen Euro? Sein immaterieller Wert steht jedoch fest: Er ist unbezahlbar. Denn der Kopf erzählt über ein Königreich, das die Briten 1897 auf brutalste Weise plünderten und unterwarfen. Er ist eine von 3500 bis 4000 Antiquitäten, die die Royal Navy aus dem Königspalast in Benin-City raubte. Der Palast wurde niedergebrannt, die Stadt ging in Flammen auf.

Kriegsbeute im Auktionshaus

Die Ethnografischen Sammlungen des Freistaates Sachsen besitzen heute mehr als 200 der damals geraubten Reliefplatten, Kopfplastiken, Elfenbeinschnitzereien und Terrakotta. Und das kam so: Der Sieg über Benin, das letzte zu dieser Zeit noch nicht kolonialisierte Königreich Westafrikas, wurde 1897 in London begeistert gefeiert. Königin Victoria gratulierte der Royal Navy zur gelungenen Strafexpedition. Londoner Zeitungen brachten Sonderausgaben darüber, wie die britischen Truppen einer grausamen afrikanischen Herrscherdynastie ein Ende bereitet hätten. Damals begann die Odyssee für tausende Beute-Bronzen. Einige der schönsten Stücke gingen an die Queen, viel von der Kriegsbeute behielten die Elitesoldaten. Aber die meisten wurden nach der Rückkehr der Truppen zur Refinanzierung des Kriegs versteigert und landeten in Völkerkundemuseen und Sammlungen in Europa und Amerika, in denen sie bis heute zu den wertvollsten afrikanischen Ausstellungstücken zählen.

Den Leipziger Kopf erwarb zunächst der Londoner „Kuriositäten“-Händler C. D. Webster, einer der umtriebigsten Verkäufer für 1897 geraubte Benin-Objekte. Er verkaufte sie 1899 weiter an den Leipziger Industriellen, Verleger, Kolonialpolitiker, Geheimrat und Professor Hans Meyer. Der wiederum gab sie mit einer Zahl weiterer Benin-Objekte 1902 als Dauerleihgabe ans Leipziger Völkerkundemuseum. Nach der Wiedervereinigung 1990 kündigten die Erben Meyers das Leihgabeverhältnis und forderten die Sammlung zurück. Es folgte ein zehnjähriger Rechtsstreit durch drei Instanzen. In dieser Zeit wurden die Benin-Objekte sogar unter rechtlichen Schutz gestellt, um zu verhindern, dass sie außer Landes gebracht werden.

Nach einem Vergleich ging die Meyer’sche Benin-Sammlung 2001 ins Eigentum des Freistaates Sachsen über. Die Erbengemeinschaft erhielt für 53 Benin-Objekte 6,9 Millionen Euro. Ein Schnäppchen. Denn heute, nach dem Preis-Boom für afrikanische Antiquitäten der letzten Jahre, ist die Sammlung ein Vielfaches wert. Internationale Auktionshäuser erzielen derzeit bereits für einzelne antike Benin-Kunstwerke Millionen.

Geraubte Heiligtümer

Ihr immaterieller Wert drückt sich nirgends so deutlich aus wie in den seit 100 Jahren andauernden erfolglosen Bitten und Forderungen nach Rückgabe der Objekte. Denn die Briten raubten damals nicht nur Kunstwerke, sondern die heiligsten Gegenstände einer knapp 1000 Jahre alten Kultur, die keine Schrift benutzte und ihre historischen Aufzeichnungen auf hunderten Bronzetafeln festgehalten und in hunderte große Elfenbeinzähne geschnitzt hatte: Die Briten raubten damals das Nationalarchiv und die Reliquien eines der stärksten westafrikanischen Königreiche. Benin, im Süden des heutigen Nigeria liegend und nicht zu verwechseln mit dem Staat Benin, überdauerte die koloniale Vergewaltigung und ist heute wieder ein einflussreicher Machtfaktor im modernen Nigeria.

Ein internationales Team aus nigerianischen und deutschen Journalisten recherchierte unter Leitung des Leipziger Journalisten und Afrikanisten Lutz Mükke monatelang über den geraubten Kunstschatz – in Europa, Afrika und den Vereinigten Staaten. In den kommenden Wochen erscheint in der Leipziger Volkszeitung eine Artikelserie, in der historische Hintergründe, Restitutionsansprüche aus Nigeria, der internationale Kunsthandel mit afrikanischen Antiquitäten sowie der schwierige Umgang westlicher Museen mit der afrikanischen Beute-Kunst behandelt werden.

Die Recherchen wurden unterstützt vom Verein „Fleiß und Mut“ und dessen „Kartographen-Mercator-Stipendienprogramm“ für Journalisten. Partner des Rechercheprojektes waren neben der LVZ auch die Frankfurter Allgemeine Zeitung sowie die panafrikanische Organisation Code for Africa.

Von Lutz Mükke

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