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Kultur Regional „Renaissance experience“ im Leipziger KunstKraftWerk
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00:49 30.04.2018
Eintauchen in die Renaissance: „Florenz und die Uffizien " im Kunstkraftwerk in Leipzig. Quelle: Kempner
Leipzig

Es sei keine Dokumentation, sondern Poesie, sagt Paolo de Rocco, einer der Macher dieser „Renaissance experience“. Ein digitales Museum ist es tatsächlich nicht, zumindest nicht der Hauptteil im großen Saal des KunstKraftWerkes. Näher dran an solch einer Definition ist der Nebenschauplatz, wo man auf einem großen Touchscreen durch die Bestände der Uffizien Florenz blättern kann.

Weltweit digitalisieren viele Sammlungen oder Organisationen Bildbestände. Das Stöbern am heimischen Computer ist schon Realität. Die Besonderheit, die diese Datenbank aus der Toskana derzeit noch hat, ist die sehr hohe Auflösung der Reproduktionen. Man kann also bis in kleinste Details hineinzoomen.

Ob das den alten Meistern wirklich gefallen hätte, sei dahingestellt. Sie haben sich Gedanken über die optimale Größe der Darstellung gemacht, manchmal auch für einen festgelegten Ort der Präsentation gearbeitet. Aufhalten lässt sich der Trend zum computergestützten Sezieren aber nicht mehr.

Vor zwei Jahren hat sich Markus Löffler, Gründer des KunstKraftWerkes, entschlossen, seine private Einrichtung auf immersive Kunst auszurichten. Eine Batterie von Beamern unter der Hallendecke sorgt dafür, dass man „eintauchen“ kann in die visuellen Welten. Im Vorjahr wurde das mit einer Schau zu Hunderwasser sowie „Work in progress“ ausprobiert. Reichlich 70 000 Besucher kamen. Diese technische Ausstattung sei einzigartig in ganz Deutschland, so Löffler. Kein Wunder, dass sie auf das Interesse potenzieller Akteure stößt.

Die Ausstellungsmacher Paolo De Rocco (l.) und Marco Cappellini. Quelle: Andre Kempner

Als zufällig gleich drei verschiedene Gruppierungen anfragten, Themen der Renaissance zeigen zu können, stand fest, dass in den kommenden zwei Jahren diese Epoche im Mittelpunkt der Arbeit des KKW steht. Los geht es mit dem Teil zu Florenz und seiner Kunst, die im 15. und 16. Jahrhundert revolutionär war und auf ganz Europa ausstrahlte. Alle Wände und auch der Boden des Saales werden von bewegten Projektionen überzogen, begleitet von Musik. Dank des räumlichen Illusionismus kann sich der Betrachter tatsächlich so fühlen, als würde er in einem Palazzo oder auf einer Piazza zu dieser Zeit stehen, oder aber in ein Gemälde von Boccacios Primavera bis Caravaggios Medusenhaupt quasi hineingezogen werden.

Gezeigt wurde diese Präsentation bereits in Mailand. Für de Rocco und seinen Mitstreiter Claudio Focardi bestand die Herausforderung aber darin, das Ganze auf die Spezifik der Örtlichkeit zuzuschneiden. Die Projektionen sind exakt auf die Maße der Wände, der Lisenen und dazwischenliegender Felder berechnet. Hinzu kommt, dass dem früheren Heizkraftwerk die Patina der Maloche gelassen wurde, statt einen White Cube zu schaffen. So können zufällig ganz neue Bildgattungen wie die Madonna mit dem Kranhaken entstehen. Rund 25 Minuten dauert eine Vorführung.

Auf die Frage, ob das denn ein eigenständiges Kunstwerk sei, antwortet die wie auch der Florentiner Oberbürgermeister als Schirmherr aus der Toskana angereiste Vorsitzende des italienischen Restauratorenverbandes Stefania Randazzo ausweichend. Ohne die Verpflichtung zum diplomatischen Lavieren kann man aber sagen: Nein, es ist ein unterhaltsames Spektakel. Der technische Aufwand ist enorm. Mit ähnlichen Mitteln lassen manche zeitgemäßen Museen ihre Besucher in die Tiefsee oder kosmische Weiten reisen. Hier ist es nun ein Kunstthema, das derart aufbereitet wird.

Lust auf Weiteres

Nebenbei bekommt man noch einige Informationen mitgeliefert. Ob das nun, wie Markus Löffler meint, zum vertieften Verständnis der Renaissance beiträgt, ist fraglich. Es kann insbesondere bei Kindern und Jugendlichen oder auch kaum kunstaffinen Erwachsenen Lust auf eine weitere Beschäftigung wecken. Der Gehalt an Fakten ist allerdings in jeder Folge von ZDF History größer. Im Herbst geht die didaktische Vermittlungsarbeit weiter mit Caravaggio, es folgen die Giganten der Renaissance um Michelangelo und Raffael.

Das KKW besetzt mit solchen Shows eine Lücke, ist damit keinerlei Konkurrenz zu anderen Institutionen der Stadt und Region. Irgendwelche Vergleiche zum Programm hiesiger Museen und Galerien sind deshalb ohne Grundlage, außer vielleicht zu Assisis Panoramen. Den realen Besuch der Uffizien oder eines anderen Kunsttempels kann die Schau ohnehin nicht ersetzen. Die nicht erst seit Walter Benjamins berühmtem Essay diskutierte Frage zur Aura des Kunstwerkes im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit ist hier offensichtlich. Das Spektakel im KKW hat seine eigene Aura, ein echter Leonardo oder Tizian eine ganz andere, nicht kompensierbare.

Renaissance experience: Florenz und die Uffizien: bis September 2018, Di–So 10–18 Uhr; KunstKraftWerk Leipzig, Saalfelder Str. 8a

Von Jens Kassner

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