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Retro-Pop aus dem Westen: Leipziger Band Choirs mit neuem Album im Ilses Erika

Soundcheck L.E. Retro-Pop aus dem Westen: Leipziger Band Choirs mit neuem Album im Ilses Erika

Warum machen junge Leute Musik aus einer Zeit vor ihrer Geburt? Die Eltern sind Schuld. Ein Besuch im Proberaum der Leipziger Band Choirs, die am Donnerstag im Ilses Erika das Erscheinen ihres neues Albums „In The West“ mit einem Konzert feiert.

Mit Instrumenten aus den 80ern machen Choirs Musik aus selbigem Jahrzehnt.

Quelle: PR

Leipzig. Das alte Schulgebäude tief im Westen wirkt im Laternenlicht düster – es erinnert an die 1980er Jahre, bevor das Westgeld und die bunte Fassadenfarbe nach Leipzig kamen. Wenn die Band Choirs drinnen in ihrem Proberaum die Synthesizer anwirft, klingt es nach der Neon-Version der selben Zeit. Es würde nicht verwundern, wenn die Musiker blondierte Dauerwellen zu Karottenhosen trügen. Doch beim Ortstermin sitzen Jungs um die Dreißig am Pausentisch – Frisuren und Klamotten sind von heute. Eine leere Flasche Mate-Brause steht zwischen originalverpackter Elektronik und ein paar Notizen.

Warum machen junge Leute Musik aus einer Zeit vor ihrer Geburt? Die Eltern sind Schuld. „Wir sind mit diesem Sound aufgewachsen“, sagt Bassist und Keyboarder Sebastian Schütze. Schon in das Choirs-Frühwerk schlichen sich die Klänge der Ahnen in homöopathischen Dosen. Auf der EP „The Plain Living“ (2011) und dem Album „Segments“ (2013) lugten New-Wave-Anleihen durch die eingängigen Indiepop-Songs. Mit dem Titel „In The West“ spielen die fünf Musiker auf die Lage ihres Proberaums und den Pet-Shop-Boys-Smasher „Go West“ an – und machen auf dem neuen Album Ernst in Sachen Retro.

In den stärksten Momenten klingt die Platte, als wären die Musiker bei Tears For Fears oder Spandau Ballet in die Lehre gegangen und hätten die Produzenten der Ikonen gleich mitverpflichtet. Zweieinhalb Jahre haben die fünf an den Songs gefeilt – und einen Haufen Zeit und Geld in Equipment aus der Pop-Antike gesteckt. „Ich stand schon immer auf die alten Sounds und habe viel dazu recherchiert“, erklärt Schütze. Nun war nicht nur die Zeit reif, sondern auch das nötige Kleingeld da – bei den Musikern fließt inzwischen Einkommen statt Bafög auf die Konten.

Da wird die Sache mit den alten Sounds einfach: „Wenn man ein Keyboard aus den 80ern anmacht, klingt es halt wie damals.“ Im Video zu „Belong“ ist ein Yamaha DX7 so präsent, als spiele es eine Hauptrolle. Das Kult-Keyboard ist das sichtbare Symbol der Retrotechnik. Bis hin zur Mikrofonie haben die Musiker bei der Produktion auf jedes Detail geachtet, „den Sound wirklich eingespielt und nicht nur am Computer simuliert“.

War halt ein bisschen ruhiger, der Pop damals

Vor allem hat die Band die Songs von damals gehört – und genau analysiert. Das fängt beim getragenen Tempo an und hört mit den großen Melodien noch nicht auf. „View“ würde in einer heutigen Disko fast als Ballade durchgehen, früher wäre die Nummer ein Dancefloor-Kracher gewesen – wie zum Beweis singt Lukas Steinbrecher: „Will you ever be able to dance with me?“ War halt ein bisschen ruhiger, der Pop damals. Lange probiert habe man für das richtige Maß, gibt Schütze zu Protokoll. Drummer Jens Göb springt ihm zur Seite und hält einen kurzen Exkurs über die Wirkung von bestimmten Beat-Zahlen pro Minute – es wurde auch viel nachgedacht.

Für das Album hat die Band ihr Songwriting auf den Kopf gestellt. „Früher kam erst die Musik, dann hat Lukas etwas dazu gesungen“, erklärt Schütze, „dieses Mal stand die Melodie am Anfang.“ Der Sänger darf sich durch melancholische Nummern schmachten und dabei zur großen Geste ausholen. Das macht ihm hörbar Spaß, passt zu Timbre und Tonlage – und an Kitsch verschwendet er keinen Gedanken, sagt er.

Meist handeln die Texte von unerfüllter Liebe. Schütze hat die Zeilen verfasst, ohne Persönliches zu verarbeiten. Hier geht’s um Ästhetik. „Everything seems different to me/since you disappeared“, darf sich Lukas Steinbrecher in „Moon­beam“ durch eine Mörder-Hook schluchzen. Vor 30 Jahren hätte ihn die Mädchen dafür knuddeln wollen.

Funktioniert das heute noch? Bei den acht Tracks auf dem Album ohne Zweifel. Und am Donnerstag packt die Band ihr schönes, altes Equipment im Proberaum ein. Die Release-Party zu „In The West“ steigt in Ilses Erika im Süden der Stadt. Anspielungen auf die Achtziger sind in der Bernhard-Göring-Straße auch beliebt.

Choirs: In The West – Record Release Party Donnerstag ab 22 Uhr (Einlass), Tanzcafé Ilses Erika (Bernhard-Göring-Straße 152), Vorverkauf 8,80 Euro

Von Uwe Schimunek

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