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Kultur Regional Retropop mit Sahnehäubchen: Neues Album von Götterscheiße
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08:01 24.05.2018
Tino Kulisch (links) und Martin Neuschulz schreiten im Studio zuweilen selbst nur im Schneckentempo voran, wie sie verraten. Quelle: Johannes Amm
Leipzig

„Eigentlich arbeiten wir wie eine ganz normale Band“, sagt Tino Kulisch. Er ist der Herr der Tasten beim Duo Götterscheiße. Der Satz überrascht, weil eine ganze Menge seiner Tasten zu einem Laptop gehören, das verschiedene elektronische Geräte steuert. Bei Konzerten bleibt es oft sein Geheimnis, ob der Fingertipp oder das Drehen am Knopf einen Live-Ton erzeugen oder einen Loop starten. Elektromusik halt.

Kulisch meint mit der Band-Nummer zuallererst die Klangphilosophie. Er setzt bei Götterscheiße nicht auf die Suche nach dem abgefahrenen Sample sondern auf Beschränkung. Ein paar Kultgeräte aus den Achtzigern – analoger Syntheziser, Bass-Sequenzer und Drum-Machine – das war’s. Schließlich haben „normale“ Pop-Musiker auch nur wenige Instrumente zu Verfügung; oft Gitarre, Bass und Schlagzeug. Sowas muss doch auch für Götterscheiße reichen, so Kulischs These. Also zaubert er mit dem erlesenen Retrozeug handliche Vier-Minuten-Nummern für den Dancefloor. Und prompt klingt das Ergebnis wie aus Zeiten, als die Synthi-Popper noch Typen waren und nicht Algorithmen, erinnert an Human League oder Boytronic.

Abgesehen vom Gesang. Martin Neuschulz steht bei Götterscheiße am Mikro. Auch er erzählt von den Bandmomenten im Proberaum. „Manchmal lassen wir einen Part stundenlang in Schleife laufen“ – während der Tastenmann nach der richtige Melodie sucht, singt Neuschulz Textfetzen und schreibt Worte auf. Die Stücke wachsen und mit dem deutschsprachigen Gesang biegt der Sound in Richtung NDW ab.

Das liegt vor allem am exaltiertem Vortrag. Am liebsten ruft Neuschulz seine Worte, zerhackt die Reime in ihre Einzelteile. Für den Liebreiz sorgt auch hier die Elektronik – ein Vocoder simuliert eine Frauenstimme, mit der Neuschulz sich durch die gesamte Platte im Duett tiriliert. Das hat etwas von Foyer Des Arts oder AG Geige. Auch bei den Texten. „Eine echte Frau/ Ich weiß es noch genau/ Ich dachte wow, ich dachte wow“ – gewagte Metrik zum Rhythmus aus der Maschine.

Referenz an die Puhdys

Die Lyrics lesen sich ziemlich ambitioniert. „Dann lieber Utopia“ wendet sich gegen die Haters im Netz und anderswo, würde zur Klampfe einen echten Protestsong abgeben und kulminiert im Refrain: „Denn ihr Hass kann uns nicht lähmen/ Und ihre Angst kann uns nicht zähmen.“ Im fertigen Lied bekommt die Parole allerdings durch den Sprechgesang ordentlich Augenzwinkern mit auf den Weg. Hier geht es um Entertainment, den Inhalt gibt es als fakultatives Sahnehäubchen obendrauf.

Am meisten treibt Neuschulz das Thema Liebe um. Die Zweisamkeit tritt in allen fürs tanzende Partyvolk relevanten Facetten auf – früh um vier im abgeranzten Klo im Kellerclub („Komm Schnell“), als galaktische Romanze (Mondmaloche), als Lovestory zwischen einem Veganer und einer Fleischereifachverkäuferin. Da ist manches albern, vieles sexuell konnotiert, aber dankenswerterweise wissen Götterscheiße auch, dass sie keine Tabus brechen müssen, sondern einer langen Tradition folgen: Im Track „Vanillepuhdy“ lassen sie mit einer Puhdys-Referenz den metaphorischen Drachen steigen. Ohne das Zitat könnte die Nummer auch als neuer deutscher Schlager durchgehen – oder wie Neuschulz sagt „als Italo-Dub mit deutschem Text“.

Wenige Wochen nach dem Erscheinen des ersten, selbstbetitelten Albums sind Neuschulz und Kulisch etwas überwältigt von der Aufmerksamkeit, die ihre Götterscheiße erfährt. Beide haben zuletzt noch in anderen Bandkonstellationen musiziert und das Duo als Nebenprojekt gestartet. Nun sind die erste Konzerte gespielt und sofort weitere Anfragen gekommen. Zu Pfingsten war das Duo beim Karneval der Kulturen in Berlin, im Sommer folgen Festivalgigs in Hamburg, Bremen und im polnischen Kołobrzeg. Das motiviert. Deswegen sitzen die beiden schon an den Songs für das zweite Album. Wie eine richtige Band halt.

goetterscheisse.net

Von Uwe Schimunek

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