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Kultur Regional Satire und ihre Nebenwirkungen
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14:08 28.10.2018
Podiumsdiskussion in der Galerie KUB, mit Holger Kersten, Crister Garrett, Katja Kanzler, Schwarwel und Sabine Müller-Mall (v.l.). Quelle: André Kempner
Leipzig

Mit besten Aussichten auf einen Besucherrekord hat die zweite Hälfte des Leipziger Literatischen Herbstes begonnen. Der Plan, dass sich die Veranstaltungen des Literaturfestivals mit denen zum Jubiläum der Städtepartnerschaft Leipzig – Houston verknüpfen und gegenseitig befruchten, sei aufgegangen, melden die Veranstalter. Eine Kooperation mit der Lachmesse war die ebenfalls gut besuchte Podiumsdiskussion am Sonnabend in der Galerie KUB.

Etwas mühselig, ja dröge ist es oft, über Humor zu diskutieren. Tatsächlich ist das Podium ein überwiegend akademisches: vier Professoren und ein Humorpraktiker. Das Thema hingegen klingt spannend: „Trump! Über die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten von Satire“. Katja Kanzler (American Studies Leipzig) inszeniert als Moderatorin ihre Gesprächspartner antagonistischer, als sie es am Ende sein werden.

Die Rolle des Idealisten kommt dem „Stargast“ Schwarwel zu, allein knapp 60 Karikaturen des Künstlers über Trump zieren den Ausstellungsraum. Eine zunächst stark auf die USA zentrierte Perspektive nimmt der in Leipzig lehrende Crister S. Garrett ein, während Literaturwissenschaftler Holger Kersten aus Halle versucht, die Wirkungslosigkeit von Satire zu begründen. Die Dresdner Verfassungsrechtlerin Sabine Müller-Mall spricht gar von Gefahren, wenn sich durch Satire Fronten verhärten.

Nicht jeder Witz ist Satire

Kersten referiert zunächst vorlesungshaft über begriffliche Trennschärfen: Satire definiert er als die Verspottung von Missständen und Unsitten, eine missbilligende Darstellung zum Zwecke der Entlarvung, mithin eine Gegenüberstellung von Ideal und Wirklichkeit. Nicht jede Satire muss somit witzig sein, nicht jeder Witz Satire. Vor allem muss das Publikum in der Lage sein, aufgrund von Umfeld und gemeinsamen Parametern im Wertesystem, die Satire einzuordnen. Nicht darauf berufen können sich somit vor allem rechtspopulistische Politiker in ihrem häufigen Zurückrudern nach moralischen Geschmacklosigkeiten mit dem Vorwand, man habe alles nicht so gemeint.

Dass in diesen Bereichen auch echte Satire an ihre Grenzen stößt, da einerseits jemand wie Trump kaum noch überzeichnet werden kann und andererseits Schwarwel sich mittlerweile weigert, über jedes Stöckchen zu springen, dass ihm etwa die AfD hinhält, wertet Kersten als Indiz für ihre Wirkungslosigkeit.

Garret bezeichnet ihr Vorhandensein immerhin als Zeichen für eine gesunde poltische (Streit-)Kultur. Humor auszuhalten, hat viel mit Demokratie zu tun. Bezeichnend ist hier, ergänzt Schwarwel, dass gerade Autokraten von Trump bis zur AfD oft über entlarvend wenig Selbstironie verfügen und schnell, samt Anhängerschaft, beleidigt sind. Genau hier sieht Müller-Mall auch Nebenwirkungen: Kommt man an die „andere Seite“ nicht mehr heran, kann Satire sogar das Gegenteil ihrer Absicht bewirken.

Ein Problem der Selbstabschottung

Dem Einwand hält Schwarwel in einem der wenigen echten Diskussionsmomente des Abends angenehm unakademisch entgegen, dass es nicht an Satire liegt, dass sich Fronten verhärten, eher an der Selbstabschottung gegenüber anderen Meinungen und Fakten. Den Anspruch, Nazis zu bekehren, hat er nicht. Aufklären und am Meinungsbild derer drehen, die noch auf der Suche nach politischer Orientierung sind, schon. Im Entlarven des so humor- wie realitätsfernen Extremen kann Satire somit die demokratische Mitte stärken, so Garret.

Am Ende ergänzen sich die Stimmen mehr, als sich die Geister scheiden. Wichtig ist der Maßstab, den man für die Wirkung von Satire ansetzt. Klar ist: Sie stößt keine Systeme um. Weder hat Satire 1933 die Nazis verhindert noch 2015 Trump, noch wird sie allein die AfD aus dem Bundestag jagen.

Es daher zu lassen, kommt für Schwarwel nicht in Frage. Dass mutige, drastische und intelligente Satire mehr denn je gefragt ist – darüber sind sich am Ende alle einig: The Show must go on!

Von Karsten Kriesel

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