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Kultur Regional Satiriker Martin Sonneborn: „In Sachsen gibt es besonders viele Dumme“
Nachrichten Kultur Kultur Regional Satiriker Martin Sonneborn: „In Sachsen gibt es besonders viele Dumme“
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23:22 25.11.2017
Der frühere Chefredakteur des Satire-Magazins Titanic Martin Sonneborn, 52, sitzt seit 2014 als Abgeordneter der Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative (PARTEI) im Europaparlament. Quelle: dpa
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Leipzig

Interview mit Martin Sonneborn:

Die FDP scheut Jamaika. Würde die PARTEI auch so herumeiern?

Auf keinen Fall, wir arbeiten machtorientiert. Ich ärgere mich gerade über die Fünfprozent-Hürde. Gäbe es die nicht, wären wir jetzt im Bundestag und Die PARTEI könnte eine Sieben-Sitz-Minderheitsregierung anstreben.

Hätte die Bundesversammlung Anfang des Jahres nicht Frank-Walter Steinmeier, sondern Ihren kandidierenden Vater gewählt – was würde Engelbert Sonneborn in der gegenwärtigen Lage tun?

Er würde dem unseriösen FDP-Bengel die Ohren langziehen für seine Schaumschlägerei. Was ist denn das für eine Berufsauffassung? Außerdem würde er die SPD in die große Koalition befehlen. Kommt es nämlich zu Neuwahlen, müssen wir aus dem Stand heraus in knapp zwei Monaten 30 000 Unterstützer-Unterschriften sammeln, um teilzunehmen.

Gehen Sie kommende Woche eigentlich als Künstler oder als Parlamentarier auf Tour, um solche Fragen mit Ihren ostdeutschen Wählern zu erörtern?

Als Künstler betrachte ich mich weniger. Nein, ich reise als bekennender Populist durchs Land. Wie der bayerische Schwachkopf Horst Seehofer trete ich vor besoffenem Bierzelt-Publikum auf und gebe auf der Bühne populistischen Unsinn von mir. Der einzige Unterschied ist, dass ich Eintritt nehme.

Können Sie die Reisekosten über das Europaparlament abrechnen?

Nein, aber ich werde derzeit auch so schon mit Geld überhäuft. Ich teste doch in Brüssel seit drei Jahren ein bedingungsloses Grundeinkommen in erheblicher Höhe. Und, wie soll ich sagen, ich konnte noch keinen einzigen Nachteil entdecken!

Wie hoch ist es denn?

Genau kenne ich den aktuelle Stand gar nicht. Das wird ja regelmäßig erhöht, ohne dass die Gewerkschaften groß drängeln müssten. Bei ungefähr 9000 Euro brutto. Es kommt aber natürlich noch Geld dazu, das man sich leider nicht mehr direkt einstecken kann, seit die Osteuropäer der EU beigetreten sind. Knapp 25 000 Euro darf ich monatlich für Angestellte ausgeben, meine Bürokostenpauschale beträgt etwa 4400 Euro pro Monat für Faxpapier, Kaffee und Bleistifte. Dazu kommen die Tagegelder – 307 Euro steuerfrei für jeden Tag, an dem ich mich in Brüssel oder Straßburg einschreibe.

Auf die Sie jetzt wegen der Lesereise täglich verzichten. Ist das für Sie kein Verlustgeschäft?

Doch, in der Tat. Auf Tour gehe ich aus, äh, Idealismus. Smiley.

„Ab Abitur wird PARTEI gewählt, darunter AfD“

Sie treten in Leipzig, Magdeburg, Erfurt, Chemnitz und Dresden auf, aber in keiner westdeutschen Stadt. Haben Sie als Mauer-Befürworter doch noch Ihre Liebe zu den Ostdeutschen entdeckt?

Nein, im Gegenteil. Die Ereignisse in Katalonien haben mir die Augen geöffnet. Ich möchte die Saat für eine Revolution in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen legen. Die hier bereits vorhandene Bestrebung, autarker zu werden, unterstützen wir als Westdeutsche natürlich. Zumal in diesen Zeiten, in denen gerade Ihr kaputtes Bundesland in Verruf geraten ist. Wir sind seit 2004 als Polit­anbieter Ihres Vertrauens unterwegs. Da ärgern wir uns sehr, dass die unseriöse AfD, die erst seit kurzem Populismus betreibt, in der Bundestagswahl mehr Stimmen bekommen hat.

Warum ist der Populismus der AfD momentan erfolgreicher als Ihrer?

Die AfD spricht noch primitivere Reflexe an. Unser Problem ist, dass wir unseren Populismus moralisch abfedern. Wir sehen uns eher als Protestpartei für intelligente Wähler. Das Land ist praktisch aufgeteilt: Ab Abitur wird PARTEI gewählt, darunter AfD. Und offenbar gibt es in Sachsen besonders viele Dumme. Viele Rechte kenne ich übrigens persönlich. Im Plenum saß ich neben Marcus Pretzell und hinter Beatrix von Strolch, bevor sie heim ins Reich ging, um Kinder abzuknallen.

Immerhin verdanken Sie der Faulheit zweier Rechtsradikaler, dass Sie kürzlich das Zünglein an der Waage im Ausschuss für Bürgerliche Freiheiten, Justiz und Inneres sein konnten. Wie fühlt es sich an, richtig Politik zu machen?

Eigentlich ganz gut. Normalerweise stimme ich abwechselnd mit „ja“ und „nein“, aber es war natürlich bis dahin nie so, dass mein Votum in Europa irgendetwas entschieden hat. Jetzt aber doch, als es um die ePrivacy-Verordnung ging, wenn auch nur durch einen Geschäftsordnungstrick. Denn eigentlich bin ich gar kein Mitglied dieses Ausschusses. Im Vertrauen auf die Faulheit des Nazis Udo Voigt und eines rechtsradikalen Abgeordneten aus Griechenland, die regulär in dem Gremium sitzen, ging ich trotzdem hin – und durfte tatsächlich nachrücken und abstimmen.

Was haben Sie bewirkt?

Dass Datenschutz in Europa einen höheren Stellenwert erhält. Die Abstimmung ging mit 31 zu 25 aus. Für das ePrivacy-Verhandlungsmandat des Europaparlaments war die absolute Mehrheit gefordert, und die liegt im Fall von 60 Ausschussmitgliedern bei 31. Somit habe ich für einen kompletten Kontinent die Datenschutzrichtlinien verbessert. Übrigens auch für die Sachsen: Die Pegida- und Legida-Leute können sich weiterhin unkontrolliert über SMS und Whatsapp zusammenrotten.

„Wir wollen eine gemäßigte Herrschaft der Wissenden“

Sie haben dabei sich nicht nur gegen konservative Parlamentarier, sondern auch gegen die Lobby der Online-Firmen durchgesetzt. Gehört sich das?

Dass in der Tat vorher kein einziger Lobbyist bei mir auftauchte, ist eine Unverschämtheit. Aber ich glaube, dass sich das jetzt ändert. Aus dem Handelsausschuss war zu hören, dass die komplette deutsche Wirtschaft sauer ist wegen der Abstimmung. Das höre ich gern, ich gehe davon aus, dass ich jetzt sehr viele Einladungen zum Abendessen erhalte.

Sie bieten ja bereits an, die EU-Bürger von Ihrer offiziellen Mailadresse aus über teure technische Produkte zu informieren, die man Ihnen kostenlos zur Verfügung stellt. Ist das schon passiert?

Leider nicht. Ich bekomme immer nur Alkohol geschenkt. Das ging mit dem Bürgermeister von Straßburg los, der ein Interesse daran hat, dass die Abgeordneten ihm wohlgesonnen sind. Es kostet die EU immerhin 180 Millionen Euro im Jahr, dass der ganze Zirkus einmal im Monat von Brüssel nach Straßburg umzieht. Auch aus Marokko kamen Weinflaschen und zuletzt ein sehr netter Präsentkorb mit koreanischem Wein.

Sie sind ja auch Mitglied der Delegation für die Beziehungen zur Koreanischen Halbinsel. Wie wirkt sich der forsche Ton des aktuellen US-Präsidenten gegenüber Kim Jong Un aus?

Trumps Äußerungen würde ich keinen Wert beimessen, und meines Wissens tun das auch die Nordkoreaner nicht. Ich halte Kim Jong Un für zurechnungsfähiger als Trump. Und auch für interessanter. Ich bin als Lernender in der Delegation. Es häufen sich schließlich die Hinweise auf ein paar gravierende Schwächen unserer Demokratie. Der Brexit, die Wahl von Trump, die Erfolge der AfD zeigen das. Sobald wir an der Macht sind, werden wir das Wahlrecht diversifizieren.

Inwiefern?

Wir wollen eine gemäßigte Epistokratie einführen, eine Herrschaft der Wissenden. Auf dem Wahlzettel sollen drei Wissensfragen gestellt werden. Etwa vom Schwierigkeitsgrad: „Wie heißt die Hauptstadt von Paris?“ Wenn nicht mindestens eine dieser drei Fragen korrekt beantwortet wird, ist die Stimme ungültig. In Nordkorea lässt sich darüber hinaus studieren, wie ein Machthaber auch unpopuläre Entscheidungen durchsetzt. Das unterscheidet ihn von Merkel. Mich interessiert das – für später.

„Unseren Sitz zu verteidigen, sehe ich als sportliche Herausforderung“

Hängt es Ihnen noch nach, dass Martin Schulz Sie als netten und lustigen Komödianten bezeichnet hat und Sie wundervoll findet?

Es ist mir peinlich, und ich nehme es Martin Schulz bis heute übel. Bei meinen Lesungen verschweige ich das selbstverständlich.

Ist Ihre Achtung vor Politikern eher gestiegen oder gesunken, seit Sie selbst einer sind?

Meine Achtung vor Menschen ist jedenfalls nicht gestiegen, seit ich im Parlament sitze. Es gibt ein paar Parlamentarier – meistens ganz junge oder ganz alte – deren Idealismus mich beeindruckt. Sie versuchen, sich mit Wirtschaft und Lobbyismus auseinanderzusetzen und wirklich etwas für die Menschen zu tun. Aber das ist nicht die Mehrheit.

Machen Sie sich Gedanken um Ihre Wiederwahl 2019?

Selbstverständlich. Bei den größeren deutschen Parteien gibt es Bestrebungen, die Dreiprozent-Hürde für Europawahlen wieder einzuführen, um die sieben Sitze zurückzuholen, die 2014 an kleine Parteien gingen. Unseren Sitz zu verteidigen, sehe ich als sportliche Herausforderung. Bei der Bundestagswahl im September erhielt die PARTEI etwa ein Prozent der Stimmen. Da sind drei Prozent in Europa nicht unmöglich. Die Wahlbeteiligung ist geringer, und kleine populistische Parteien wie wir können ihre Wähler besser mobilisieren. Zumal, falls einem Bundestag zwar zwölf Jahre lang keine Reform des unseriösen Wahlrechts mit Überhangs- und Ausgleichsmandaten gelingt, er aber in kurzer Zeit per Grundgesetzänderung die Dreiprozent-Hürde einführt.

Martin Sonneborn tritt am 27. November in Magdeburg auf, 28. November in Leipzig (Haus Auensee, Gustav-Esche-Straße 4), 29. November Erfurt, 30. November Chemnitz, 1. Dezember Dresden. Karten für 19,40 Euro unter anderem bei der Ticketgalerie, den LVZ- Geschäftsstellen, unter der gebührenfreien Nummer 0800 2181050 und ticketgalerie.de.

Von Mathias Wöbking

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