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Kultur Regional Schauspiel Leipzig verwickelt Zuschauer per Handy in mysteriöse „Kunstprobe“
Nachrichten Kultur Kultur Regional Schauspiel Leipzig verwickelt Zuschauer per Handy in mysteriöse „Kunstprobe“
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12:09 24.10.2017
Szene aus „Gewonnene Illusionen“ im Schauspiel Leipzig. Immer öfter verabredet sich das Theater vorab per Handy-Kunstprobe mit seinen Zuschauern. Quelle: Rolf Arnold
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Leipzig

Kann sein, du stehst an der Supermarktkasse, und der Hype schickt eine SMS. „Salut! wollen wir uns mal wieder treffen? in Klein-Paris? Inzwischen ist es allerdings riesig geworden. und das ohne Drama? oh nein. melde mich, bis gleich!“ Du hast längst vergessen, wie der an deine Nummer kommt, und jetzt vergisst du, die Milch aufs Band zu legen. Hinter dir entsteht Unruhe, und da weißt du es wieder, was vor sich geht, möchtest rufen: Leute, Kunstprobe!

So oder ähnlich kann es sich zutragen, wenn das Leipziger Schauspiel anruft. Wer auf Kunstprobe.de beim Theater seine Handy-Nummer hinterlässt – mehr ist nicht nötig - wird Teil eines experimentellen Formats. Zum Beispiel bei dem Stück „Gewonnene Illusionen“ von Jörg Albrecht, in dem Balzacs Paris des 19. Jahrhundert und der Hype um Leipzig die Zuschauer auch im Theater interaktiv beschäftigen. Zur Kunstprobe landen vorab geheimnisvolle SMS und Anrufe beim Empfänger, in der Regel nicht mehr als drei.

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Das Prinzip nennt sich „Suddenlife Gaming“ (Plötzlich im Leben spielen) und wird vom Schauspiel gemeinsam mit dem Know-How des Leipziger Erlebnisgeschichten-Erfinders Thadeus Roth realisiert. Die Schauspieler sprechen die Texte zur Aufzeichnung am guten, alten Festnetztelefon ein. „Das soll ja echt wirken“, sagt Florence Römer, also nicht zu perfekt. „Damit schaffen wir eine kurze Inszenierung im Alltag“, erklärt die Online-Redakteurin des Schauspiels, die gemeinsam mit Dramaturgie-Assistentin Clara Probst die Fäden hinter den virtuellen Kulissen des Projekts zieht.

Für einen Moment fließen per Mobiltelefon Alltag und Illusion zusammen. Intime Momente entstehen, in denen die Zuhörer plötzlich zu Vertrauten einer Bühnen-Person werden und eine Perspektive aufs Geschehen bekommen, die der Theaterabend nicht liefern kann. Nebeneffekt: Das Schauspiel verabredet sich quasi persönlich mit seinen Zuschauern.

Das findet immer mehr Anhänger. Per Mund-zu-Mund-Propaganda hat die experimentelle Form zwischen Spiel und Realität mittlerweile mehr als 300 Anhänger gefunden, der Kunst-Service ist für sie kostenlos. „Die Leute lieben die schöne Irritation“, weiß das Kunstprobe-Duo aus Rückmeldungen aus dem Bekanntenkreis. In der Aufführung kommt dann noch der Aha-Effekt dazu. „Dann fällt den Leuten auf: Die Stimme kenne ich, der hat mich angerufen“, schmunzelt Römer.

Aktion zur Eröffnung der „Diskothek“

Bisher sei der Einbruch der Kunst in die Realität wie ein virtuelles Geschenk vor der Inszenierung, sagt Clara Probst. Doch wer die Krimi- und Mystery-Storys von der Thadeus-Roth-Plattform kennt, weiß, dass Spieler aktiv eingebunden werden können. „Wir haben bereits überlegt, ob und wie Interaktion der nächste Schritt sein kann“, bekräftigt sie. Doch dafür sei wesentlich mehr Aufwand und Logistik nötig.

Rund acht Anruf-SMS-Pakete schnürt das Theater bisher pro Spielzeit, und der nächste Höhepunkt soll auf jeden Fall etwas mit der Eröffnung der Spielstätte „Diskothek“ nach dem großen Umbau zu tun haben. Römer und Probst machen aus der neuen Kunstprobe noch ein Geheimnis. Der Spielplan lädt schon mal zu Spekulationen ein. Am 16. November wird die „Diskothek“ mit der Premiere „Wolken.Heim“ eröffnet. Intendant Enrico Lübbe inszeniert Elfriede Jelinek – eine Kompilation von Texten, eine Collage über die Frage der Identität. Braucht sich also niemand zu wundern, wenn an der Supermarktkasse plötzlich ein mysteriöser Unbekannter in der Leitung hängt. Bei Anruf: Kunst.

Nächste Aufführungen: Gewonnene Illusionen 22.10./14.11./15.11. (Schauspielhaus) ; Wolken.Heim 16.11./17.11. (Diskothek). Anmeldung Suddenlife Gaming: www.kunstprobe.de

Von Evelyn ter Vehn

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