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Kultur Regional Schauspiel-Studenten überzeugen mit der Komödie „Container Paris“
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18:01 17.03.2019
Das Leipziger Schauspiel-Studio zeigt „Container Paris“. Quelle: Rolf Arnold / Schauspiel
Leipzig

Sie sind nicht gut zu übersehen diese standardisierten Riesenkisten, die den globalen Warenhandel in seiner heutigen Intensität erst ermöglichen. Und wenn etwas schief geht, tauchen sie spektakulär im Meer unter und in den Nachrichten auf, so wie zu Beginn des Jahres, als 270 Container vor der Küste der Niederlande über Bord gingen. Die tonnenschweren Transportkisten gehen gar nicht so selten verloren. Oder sind erst gar nicht da – wie im Fall des Anlagebetrugs einer Münchner Firma, die Milliarden-Summen für Container kassierte, die nur auf dem Papier existieren. Irgendwo in dieser fast schon mystisch-diffusen Grauzone zwischen weg und nie dagewesen bewegt sich das satirische Theaterstück „Container Paris“ von David Gieselmann. Vom Studio des Schauspiels Leipzig als wunderbar übermütige Komödie auf die Bühne gebracht. Am Samstagabend war Premiere.

Container gesucht

Der Schriftzug Container, oder besser CONTAINER, in geschätzt container-hohen, dreidimensionalen Leuchtbuchstaben zieht sich über die komplette Breitseite der Diskothek-Bühne. Ein Bühnenbild (von Maximilian Lindner) als Behauptung, aus dessen Zwischenräumen sich die Schauspieler fädeln wie Maden aus dem Biomüll. Eine Assoziation, die so lange hält, wie man Sanddorn-Worldwide-Logistik-Chef Wolf Schaub (Paul Trempnau) mit seinem engen, braunen Rollkragenpullover beobachtet. Zu ihm gesellen sich sieben weitere karikaturhafte Gestalten, die wie Jetset-Model Lynn Preston (Nina Wolf) nach dem Aufwachen erstmal ihren persönlichen Assistenten (Friedrich Steinlein) anrufen müssen, um zu erfahren, wo sie eigentlich sind. Aha, Paris.

Im Prestons Hotel steigt Hans-Peter Grothe (Julian Kluge) ab, Schaubs beflissener Mitarbeiter mit Schnauzbart, Buchhalter-Krawatte und Spezialauftrag: Er soll einen verlorenen Container der Firma finden. Was Fragen aufwirft, nicht zuletzt bei Grothes eifersüchtiger Frau Linda (Nicole Wiedera). Wieso sucht ihr Mann einen Hochseecontainer ausgerechnet in Paris?

Die Ungereimtheiten häufen sich. Und der an sich profane Container, von dem keiner weiß, was er enthält, lädt sich mystisch auf. Sein Wert schießt völlig abgekoppelt vom potenziellen Inhalt in die Höhe. Er gerinnt zum Symbol des Spekulativen im Kapitalismus, zum Platzhalter des Unsichtbaren in unseren Finanzströmen, zum Gleichnis für die Mogelpackungen der Investmentgeschäfte.

Schauspieler als schlecht animierte Spielfiguren

Regisseur Miguel Abrantes Ostrowski, einst selbst Schauspielstudent an der Leipziger Theaterhochschule, inszeniert das Stück mit dem aktuellen Abschlussjahrgang als dynamisch-schräge Komödie, die an die Arbeiten von Herbert Fritsch erinnert mit ihren überzeichneten Figuren, perfekt choreografierter Gruppengestik und semi-akrobatischen Einlagen. Eine Ästhetik freilich, die nicht als Selbstzweck den Weg auf die Bühne findet, sondern sich gekonnt Richtung Computerspiel-Motiv streckt, wenn sich die Schauspieler im perfekt getimten Rhythmus mit Musik, Soundeffekten oder Lichtspielereien bewegen wie schlecht animierte Avatare. Wobei sich die Buchstaben-Landschaft eignet, um Hierarchie-Ebenen auszuspielen. Erst steht Schaub oben, später Grothe, der die anderen wie Marionetten führt. Grothe hat sich selbstständig gemacht, vermarktet seine Suche nach dem Container, kapitalisiert Hoffnungen: „Ich tue so, als ob ich weiß, was ich tue, und die Leute glauben mir.“

Die wunderbare Welt der Wertschöpfung steckt voller Mythen. Nur die Menschen, die in dieser Welt arbeiten und Zielen nachjagen, geben sich mit entschlossenen Minen, Anzügen und Branchen-Phrasen den Anschein von Rationalität. Insofern stellt die Inszenierung nur die Realität vom Kopf auf die Füße, indem sie ihre aberwitzigen Figuren mancher Sinnfreiheit der arbeitsteiligen Welt anpasst und ihr einen Computerspielanstrich verpasst.

Auf die Spitze getrieben

Irgendwann mischt noch die Kirche mit bei der Containersuche und die Schweiz meldet ihre Interessen an. Man solle, regt Hans Zermatt (Ron Helbig) an, doch bitte die Suche in die Schweiz verlagern. Dass es der Hochsee-Container eher nicht dorthin geschafft hat, spielt keine Rolle. Es geht um Bilder, um Aura, um Schein. Da wird Handel mit den Mechanismen der Popkultur kurzgeschlossen. Lynn Preston weiß auch nicht so genau, warum sie fürs Rumstehen bezahlt wird und sich ihr Marktwert nach Skandälchen erhöht.

Das ist inhaltlich konsequent auf die Spitze getrieben. Mancher Handlungsschwenk wirkt gegen Ende allerdings unnötig, der Griff in die Mundartschublade bemüht. Und die spielerischen Effekte verbrauchen sich in der Wiederholung. Das alles wirft das gelungene Grundkonzept aber nicht aus der Bahn. Und handwerklich spielen die jungen Schauspieler den etwa eine Stunde und 50 Minuten dauernden Abend konzentriert und präzise durch, ob sie nun von den Buchstaben perfekt getimt ins Spiel purzeln oder in einen gemeinsamen Sprechrhythmus finden. Energie und Spielfreude pulsieren. Philipp Staschull als Konkurrenz-Sekretärin Petra Tegert durchbricht immer wieder witzig und wohldosiert das Geschlechterklischee mit röhrender Stimme und turnerischem Abgang. Tobias Amoriello gibt zwischen Roboter und Zombie einen Apotheker. Überraschende Figuren, die sich zu einem satirischen Tableau ergänzen, zu einer gelungenen Karikatur unserer scheinrationalen Wirklichkeit, erfreulich übermütig und unverkrampft umgesetzt.

Nächste Termine: 28. März, 13. April, 20 Uhr; Karten: 0341 1268168

Von Dimo Rieß

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