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Kultur Regional Schauspiel als Breitensport: Ost-Passage-Theater geht an den Start
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05:01 08.03.2018
Außer um die Kunst kümmern sie sich zum Beispiel ums Reinemachen: Christopher Brandt (30, links) und Daniel Schade (39). Quelle: Foto: André Kempner
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Leipzig

Auf der Baustelle bei Minusgraden braucht es noch einiges an Fantasie, sich hier ein Theater vorzustellen. An Fantasie aber mangelt es Daniel Schade und Christopher Brandt nicht, ebenso wenig an Tatendrang, so dass man bei der Führung durch die noch bestaubten Räume keine Zweifel hat, dass hier am Freitag das Ost-Passage-Theater feierlich eröffnen kann. Endlich – muss man sagen, denn die Idee, im noch kulturschwachen Leipziger Osten ein Nachbarschaftstheater zu gründen, ist nun bald acht Jahre alt.

Brandt und Schade gehören zum Ur-Kern der Initiative, ebenso wie die Leipziger Theatermacher Verena Zucker, Matthias Schluttig, Thomas Grahl und Matthias Sterba. Die derzeitige Steuerungsgruppe des Ost-Passage-Theaters, kurz OPT, besteht aus zwölf Leuten, die sich ehrenamtlich neben der Kunst auch um Logistik, Buchhaltung und vor allem, in tausenden freiwilligen Arbeitsstunden, um die Fertigstellung der Sanierung kümmern. Einen rechtlich tragenden Verein und Kulturpaten gibt es außerdem. Gearbeitet wird grunddemokratisch im Team auf der Basis von Plena, Arbeitsgruppen und Konsensentscheidung, was bisher, so Schade, erstaunlich reibungsarm lief, selbst in den stressigen Zeiten kurz vor der Eröffnung.

Niemand wird sich eine goldene Nase verdienen

Schade beschreibt anschaulich, dass der 1908 noch als Markthalle erbaute, seit 1911 zum Lichtspieltheater „Ost-Passage-Theater“ umfunktionierte Kuppelbau an der Eisenbahnstraße direkt neben dem Rabet schon 2011 gefunden war: Liebe auf den ersten Blick. Während das Erdgeschoss zum Markthallenursprung in Form eines Discounters zurückgekehrt ist, war das gut 400 Quadratmeter große Dachgeschoss noch unsaniert und ohne Nutzungskonzept, dafür mit reichlich Charme.

Nach unzähligen Verhandlungen, Planungsschritten, Förderanträgen, Genehmigungsverfahren und einigen improvisierten, halboffiziellen Veranstaltungen zur Steigerung des Bekanntheitsgrades der Initiative, wurde man 2016 von einem Eigentümerwechsel des Objektes überrumpelt. Dieser stellte sich jedoch als Segen heraus, der neue Besitzer war dem Projekt schnell zugeneigt, und so konnte man endlich sanieren und sich auf ein Mietmodell einigen, das dem Konzept des OPT auf absehbare Zeit gerecht wird. Eine goldene Nase wird sich hier aber erst einmal niemand verdienen, ohne die gehörige Portion Idealismus geht gar nichts. Natürlich, so Schade, sei das Ziel, irgendwann rauszukommen „aus der permanenten Selbstausbeutung freischaffender Kulturarbeiter“.

In der prekären Lage vieler freier Theaterproduktionen kann das OPT so als ein neuer „Hafen für die freie Szene“ dienen, wie Schade es nennt, mit einem klaren Fokus: Vor allem will man zu einem Zentrum für Laien- und Amateurtheater im semiprofessionellen Bereich reifen, eine solche Bühne fehle in Leipzig noch. Der Bedarf sei definitiv da, die zahlreichen Anfragen von Gruppen und Projekten auf der Suche nach Auftritts- und (bezahlbaren) Probemöglichkeiten sprechen eine deutliche Sprache. Man versteht sich somit ausdrücklich nicht als Konkurrent zu anderen Bühnen, sondern setzt auf Kooperation. Zentraler Ansatz ist Theater als soziale Kunst, das Öffnen von Spielräumen für neue und möglichst umfassende Klientel.

Kooperation mit RB Leipzig, FC International und Rabet-Bolzkäfig

„Theaterspielen als Breitensport ist unsere Devise. Wir wollen Menschen für das Theaterspielen und -schauen begeistern, die bisher so gut wie keinen Kontakt dazu hatten, auf dass sie auch zum möglichen Publikum für andere Bühnen werden. Dabei kommt es uns weniger auf ästhetische Grenzexperimente an als auf die Lust am Theater und die gesellschaftlich relevanten Themen, die in einer öffentlichen Theaterveranstaltung verhandelt werden können“, so Schade. Neben schon länger existierenden festen Gruppen, die die Mitglieder nun ans OPT holen, gibt es von den Machern angeleitete offene Treffs zu verschiedenen Themen und Spielansätzen an mehreren Wochentagen. Das Theater ist nun einer der größten säulenfreien Veranstaltungsräume im Leipziger Osten und soll mit seinem Begegnungsstätten- und Forumscharakter die soziokulturelle Infrastruktur der Gegend stärken. Aber gern will das OPT auch auf andere Leipziger Stadtteile ausstrahlen, sowie über die Stadt- und Landesgrenzen hinaus, bis hin zu internationalen Kooperationen.

So soll es 2018 ein Projekt mit den Jungs vom Bolzkäfig im Rabet in Kooperation mit RB Leipzig und dem FC International geben, ein „90-minütiges Fußballspiel auf der Theaterbühne“. Für 2019 strebt man einen Austausch mit dem Rotterdamer Wijktheater an, das mit seiner gereiften soziokulturellen Theaterarbeit ein OPT-Vorbild ist.

Und auch der Spielplan der „nullten Spielzeit“ ab März ist prall gefüllt. Allein zum Eröffnungswochenende gibt es einen performativen Rundgang durch die OPT-Geschichte bisher, eine Teasershow für das Kommende, Theater, zwei Konzerte mit anschließenden Partys und ein Kinderfest am Sonntagnachmittag.

Zur Buchmesse findet ein umfangreiches Programm im Rahmen von „Leipzig liest“ statt. Im April beherbergt das OPT das Forum „Recht auf Stadt“. Und natürlich immer wieder Theater. Brandt und Schade hoffen, dass der Wagemut des Projektes belohnt wird. Aber ohne Risiko wäre Kunst und Kultur auch um einiges ärmer, wie beide kämpferisch anmerken: „Wer ist schon so verrückt, in diesen Zeiten ein Theater neu zu eröffnen? Wir!“

Eröffnung des Ost-Passage-Theaters, Konradstraße 27: Freitag ab 19 Uhr (Reservierung erforderlich: karten@ost-passage-theater.de), Samstag ab 18.30 Uhr (9/6 Euro), Sonntag ab 15 Uhr (Eintritt frei); ost-passage-theater.de

Von Karsten Kriesel

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