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Kultur Regional Schauspieler Philipp Oehme inszeniert „Norway.Today“
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18:40 04.09.2018
Regisseur Philipp Oehme im Bühnenbild von „Norway.Today“ im Theater der Jungen Welt in Leipzig. Quelle: André Kempner
Leipzig

Zwei Jugendliche, mit dem Wunsch aus der Welt zu verschwinden, finden und verabreden sich im digitalen Chatroom. Als Igor Bauersima vor 18 Jahren sein Drama für zwei Schauspieler „Norway.Today“ selbst inszenierte, traf er einen Nerv. 2003 und 2004 war es das am häufigsten inszenierte Stück auf deutschen Bühnen. Am Samstag eröffnet es im Theater der Jungen Welt in Leipzig den Premieren-Reigen. Und Regie führt erstmals Philipp Oehme, seit 2017 Ensemble-Mitglied und bereits in überzeugenden Hauptrollen zu erleben: Als „Juller“ im gleichnamigen Stück über den jüdischen Fußballer Julius Hirsch, der vom gefeierten Nationalspieler zum Opfer der Nazis wurde. Und im Klassiker „Kabale und Liebe“ mit der E-Gitare in der Hand als rebellischer Ferdinand, der von der Kraft der Konventionen und Intrigen zerrieben wird. Protagonisten, die an den Umständen zugrunde gehen.

„Norway.Today“ beschreibt eine andere Entwicklung, setzt den Tiefpunkt an den Beginn. Zwei Jugendliche verabreden sich über den Bildschirm zur gemeinsamen letzten Tat. Ein Szenario, das reale Vorbilder kennt. Oehme aber will den Selbstmordgedanken nicht in den Mittelpunkt stellen. „An meinen Figuren interessiert mich nicht das destruktive Ziel. Für mich sind sie Helden, weil sie von Anfang an registrieren, in einer Welt zu leben, in der die Vereinsamung zunimmt.“ Kommunikation findet statt – aber isoliert am Computer, ohne die verbindende Kraft einer realen Begegnung.

Tür ins richtige Leben

Oehme spricht vom richtigen Instinkt, der die jungen Protagonisten Julie und August lenke. „Sie sagen: Ich will es nicht alleine tun, und ich will in eine Naturwelt.“ Unbewusst finden die beiden Jugendlichen, in der Inszenierung verkörpert von Ensemble-Neumitglied Emilie Haus und Philipp Zemmrich, eine Tür, die den Weg ins richtige Leben öffnet.

Norwegen dient als Projektionsfläche, nicht als konkreter Ort. Einerseits geht es um eine menschenleere Weite, die den Protagonisten als ungestörter „Konzentrationsraum“ dient, wie Oehme es nennt. Andererseits läuft im Subtext die Geisterwelt nordischer Mythologie mit, Trolle, Elfen, Irrlichter. Phänomene, denen der Regisseur über den Musiker Tommy Neuwirth Gestalt verleiht als „eine Art ätherisches Wesen, das für alles Überirdische und Sinnliche steht, das wir nicht verstehen. Und für die Kraft, die Natur haben kann.“

Um nicht ins Klischee abzugleiten, steht kein Didgeridoo-Spieler auf der Bühne, sondern ein Elektromusiker. Ebenso baut Oehme Tanzelemente ein in das eigentlich wortreiche Konversationsstück. Auch die Sprache hat er entschlackt. Heute, sagt Oehme, werde anders gechattet, als vor 18 Jahren. Damals war das Phänomen Chatroom jung. Heute ist es Alltag mit all den Fassaden, die über die Kommunikationskanäle aufgebaut werden. Fassaden, die freilich nicht nur in der virtuellen Welt hochgezogen werden.

Oehme, der in „Verbotene Liebe“ mitspielte, zum Ensemble des Nationaltheaters Weimar gehörte und lange als freier Schauspieler unterwegs war, führt zwar erstmals in einer Theaterproduktion Regie. Das Handwerk freilich kennt er. Er hat ein Regiestudium an der Schauspielschule „Ernst Busch“ in Berlin begonnen, ehe er ins Mimenfach wechselte. Und er hat immer wieder an Schauspiel-Schulen als Regie-Dozent gearbeitet oder zuletzt im Sommer in einem Film-Camp mit Jugendlichen. Und er erzählt von einer 17-Jährigen mit maskenartig aufgesetzter Coolness, aufreizend angezogen, die glaubte, „Schauspiel ist das, was man im Musikclip von ‚50 Cent’ sieht. Sie hat gedacht, das funktioniert so“.

Ein Theater, das Geschichten erzählt

Irgendwann brach der Schutzschild. „Sie hat in der Woche einen Prozess durchgemacht“, sagt Oehme. Ob sie nach dem Camp den Weg zurück hinter die schützende Fassade gewählt hat, weiß er nicht. Aber sie stehe symptomatisch für eine Generation, die nach außen keine Scheu kenne. „Aber darunter schlummert etwas.“ Und es ist dieses Etwas, dass Oehme mit den Mitteln des Theaters erreichen will. Ein Theater, das Geschichten erzählt und sich auf spielerische Weise mit den Problemen und Realitäten des Publikums beschäftigt.

Oehme, 1981 in Rochlitz geboren, stammt aus einer Theaterfamilie. Die Mutter Dramaturgin, der Vater Regisseur und Autor. Trotzdem, sagt er, habe er nie viel gelesen, lieber auf dem Hof gespielt. Auch als Regisseur geht es ihm ums Spielen, um Schauspieler-Theater, nicht um abstrakte Regie-Konzepte, erdacht im Studierzimmer und dann auf die Bühne gestülpt. Deshalb fühlt er sich gut aufgehoben am TdJW und wagt hier seine erste Regie-Arbeit. „Ellenbogen und Eitelkeiten stehen hier der Arbeit, dem Diskurs darüber, was man eigentlich erzählen will, nicht im Weg.“ Und: „Es geht mir nicht um den narzisstischen Wunsch, am Berliner Ensemble oder der Burg spielen zu wollen. Ich möchte Geschichten erzählen. Daraus schöpfe ich meine Energie.“

„Norway.Today“, Premiere: 8. September., 19.30 Uhr, Theater der Jungen Welt; ab 14 Jahren; www.tdjw.de, Karten: 0341 4866016

Von Dimo Rieß

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